Ausprobiert: Reckenfelder Tafel sucht Helfer
Ein bisschen wie Familie

Reckenfeld -

Die Reckenfelder Tafel sucht Helfer, auch und vor allem männliche. Welche Aufgaben erwarten Ehrenamtliche dort? Der Redakteur will es wissen und hilft einen Vormittag lang mit.

Sonntag, 09.02.2020, 08:49 Uhr aktualisiert: 09.02.2020, 15:33 Uhr
Hugo Ahlert von der Caritas reicht die Kisten an, Redakteur Oliver Hengst trägt sie ins Gebäude. Eine Kiste voller Kohlrabi – die wiegt schon was.
Hugo Ahlert von der Caritas reicht die Kisten an, Redakteur Oliver Hengst trägt sie ins Gebäude. Eine Kiste voller Kohlrabi – die wiegt schon was. Foto: Hans-Jürgen Bläsius

Die Schicht beginnt mit einem Plausch beim Kaffee. Nicht schlecht, denke ich, so kann es ruhig weitergehen. Geht es aber nicht, zumindest nicht durchgehend, wie sich schon kurz darauf zeigt. Der erste Bulli fährt vor, voller Lebensmittel, die entladen werden müssen. Die Schiebetür öffnet sich, von drinnen strahlt mich ein Mann an. „Na, neu hier?“, fragt er.

„Praktikant“, antworte ich. Ich war schon häufiger in der Ausgabestelle der Reckenfelder Tafel. Ein Foto machen, ein paar Notizen, ein paar Gespräche. Das war‘s in der Regel. Heute aber helfe ich einen Vormittag lang mit. Weil ich gehört habe, dass Helfer fehlen, vor allem männliche, für die etwas schwereren Arbeiten. Also helfe ich. Und schreibe drüber. Vielleicht hilft es.

Im Bulli stapeln sich Kisten und Kartons, vor allem mit Brot und Gemüse. Feldsalat – ein leichter Fall. Aber eine Kiste Kohlrabi, die wiegt schon was. Zwei übereinander (mein Versuch, Wege zu sparen) – kann ich vergessen. Viel zu schwer. Auch die Brot-Kisten haben es in sich. „Brot bitte hinten links“, sagt Brigitte Ransmann knapp. Wenn die Arbeit ruft, muss ein Rädchen ins andere greifen.

In der Tafel Reckenfeld engagieren sich ehrenamtliche Kräfte.

In der Tafel Reckenfeld engagieren sich ehrenamtliche Kräfte. Foto: Oliver Hengst

Parallel fährt der zweite Bulli vor. Tür auf, es wird rummelig, alle müssen mit anpacken. Gemüse linke Tür, Brot und Kühlware rechte Tür. Dort warten schon Helfer, die sich sofort an die Arbeit machen. Zu schrumpeliges Gemüse und faules Obst in die Tonne, die verkäuflichen Sachen ins Regal. „Wir haben hier die Regel: Wir geben nur das raus, was wir selbst auch noch essen würden“, erklärt mir eine Helferin.

In eine Gemüsekiste hat sich Joghurt und Fleisch verirrt. „Bring das mal bitte rüber“, sagt eine Engagierte und drückt mir die Sachen in die Hand. Das mit dem Du hat gerade mal eine halbe Stunde gedauert.

Zwischendurch eine der unbeliebtesten Aufgaben: Pappkartons müssen zerkleinert werden, damit sie in den Container passen. Macht keiner gerne. Ich auch nicht. Zum Glück regnet es nicht. Also ran an die Arbeit.

Irgendwann kommt Tanja dazu und hilft mir. Viele Hände, schnelles Ende. Sie gehört zu den jüngeren hier, ist gerade in Mutterschutz. „Es fehlen Leute. Auch solche, die einspringen, wenn mal Not am Mann ist“, sagt sie. So wie heute. Acht Helfer sind da. Was für die Fülle an Aufgaben eher knapp ist. Manche, die eigentlich „nur“ vormittags helfen wollen, bleiben deshalb auch nachmittags, wenn die Kunden kommen. „Es kommen auch viele ältere Kunden“, sagt Tanja. „Denen trage ich die Sachen dann auch schon mal raus.“

Zweiter Bulli leer: Zeit für einen zweiten Kaffee. Man kennt, schätzt und vertraut sich. Der eine erzählt von der OP, die andere vom Enkelsöhnchen. Jemand plagt sich heute mit Zahnschmerzen. „Wir sind hier wie eine Familie. Macht einfach Spaß“, sagt Ioannis Karakasidis. Der Grieche hat Schulter und kann im Moment nicht mit anpacken. Dafür bringt er frischen Kuchen. „Ich bin kein Typ, der zuhause sitzt. Ich mache gern etwas, wenn ich helfen kann.“

Für mich war klar: Wenn ich in Rente gehe, mache ich was. Man kriegt ja auch was zurück

Sabine

So geht es auch Sabine: „Für mich war klar: Wenn ich in Rente gehe, mache ich was. Man kriegt ja auch was zurück“, sagt sie und erzählt von einer bewegenden Begegnung mit einer Kundin, die ihr mal voller Dankbarkeit um den Hals gefallen ist. Zeit sinnvoll nutzen, um Gutes zu tun – das treibt auch Renate an. „Ich genieße auch die Gemeinschaft“, sagt sie – und alle am Tisch stimmen zu. „Wir haben hier viel Spaß und lachen miteinander. Das ist auch wichtig“, sagt Hans-Jürgen Bläsius.

Wir haben hier viel Spaß und lachen miteinander. Das ist auch wichtig

Hans-Jürgen Bläsius

Draußen macht eine Ehrenamtliche Pause an der frischen Luft. Sie hilft hier – und lässt sich helfen, ist arbeitslos und Tafel-Kundin. Das erste Mal die Tafel aufsuchen zu müssen, „das war mir peinlich“, sagt sie. „Aber es ging nicht anders. Wir hatten wirklich nichts mehr zu essen.“ Sie weiß auch, wie unangenehm es ist, draußen vor der Tür in der Schlange warten zu müssen. „Natürlich wird da, wenn Leute vorbeikommen, geguckt: Wer steht denn da so rum?“ Mit ihrem Engagement will sie auch etwas zurückgeben.

Der dritte (und für heute letzte) Bulli fährt vor. Noch mal ein paar Kisten schleppen, Gemüse linke Tür, Brot und Kühlware rechte Tür. Dieses mal sind auch viele Schnittblumen dabei, die die spendenden Läden ihren Kunden nicht mehr anbieten wollen. Manches, was reingetragen wird, muss auch wieder rausgetragen werden. Eine ganze Kiste Brot, das knüppelhart ist, zum Beispiel. Kann man keinem mehr anbieten. Immerhin zahlen die Kunden für ihren Einkauf. „3 Euro“, erklärt Brigitte Ransmann. „Das lohnt sich eigentlich immer.“ Selbst an Tagen, an denen es weniger Auswahl gebe. Letzte Woche zum Beispiel. Diese Woche ist das frische Angebot wieder etwas üppiger. Hinzu kommen einige haltbare Lebensmittel, die treue Spender regelmäßig vorbeibringen.

Meine kurze Schicht endet um 12 Uhr. Ins Schwitzen gekommen bin ich nicht, aber man weiß schon, was man getan hat. Das gilt erst recht für jene, die den ganten Tag da sind. Denn nach der Ausgabe der Lebensmittel an die Kunden, die von 14 bis 16 Uhr dauert, geht die Arbeit noch weiter. Es muss aufgeräumt, zusammengestellt, gefegt werden. Manche haben dann einen Acht-Stunden-Tag hinter sich.

Sinnvolle Stunden, mit interessanten Begegnungen und Gesprächen, die den Blick öffnen für Sachen, die wirklich wichtig sind.

Kontakt: Brigitte Ransmann, 0 25 75/39 39.

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