Bürgermeister Peter Vennemeyer über Corona
„Jetzt muss alles raus“

Greven -

Bürgermeister Vennemeyer hat so eine Krise noch nicht erlebt. Was die Verwaltung tut, um sie zu beherrschen, erklärt er im Gespräch.

Samstag, 21.03.2020, 08:35 Uhr aktualisiert: 21.03.2020, 09:00 Uhr
Peter Vennemeyer muss in seinem letzten Amtsjahr die größte Krise meistern, die er je erlebt hat.
Peter Vennemeyer muss in seinem letzten Amtsjahr die größte Krise meistern, die er je erlebt hat. Foto: Günter Benning

Bürgermeister Peter Vennemeyer hat in seiner Amtszeit schon manche existenzielle Krisen für Greven erlebt. Aber Corona stellt alles in den Schatten, sagt er im Gespräch mit unserem Redaktionsmitglied Günter Benning .

 

Wie würden Sie die gegenwärtige Krise einschätzen?

Vennemeyer: Die stellt alles Bisherige völlig in den Schatten. Ich bin froh, dass wir es geschafft haben, von 0 auf 100 sofort in den Krisenmodus zu schalten. Dass wir es verwaltungsintern geschafft haben, uns so aufzustellen, dass alles super abläuft. Da bin ich auch richtig stolz auf meine Truppe hier.

Sie müssen ja garantieren, dass der Apparat läuft, auch wenn – wie in Saerbeck - selbst mal ein Corona-Fall in der Belegschaft ist?

Vennemeyer: Deswegen haben wir auch Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Wir haben die Mitarbeiter räumlich auseinandergezogen, nach Möglichkeit alle in ein Einzelbüro, maximal zum kurzen Austausch, wenn erforderlich zwei. Es gibt Schichtdienste und wir arbeiten mit einem Backup im Home-Office.

Die Verwaltung hat ja nun vieles zu erledigen, wo es bei den Kunden um die Existenz geht. Im Jobcenter etwa sorgen sie dafür, dass die Sozialleistungen ausgezahlt werden. Können Sie garantieren, dass das läuft?

Vennemeyer: Das ist garantiert. Im Moment läuft es, technisch sowieso. Auch für diejenigen, die Barzahlungen erhalten, haben wir es jetzt geregelt. Wir schauen gerade auf diese Personengruppe mit Sorge. Denn die können keine Hamsterkäufe machen, dafür sind die finanziellen Mittel nicht da. Wir wünschen uns eine Regelung vom Kreis, dass man diese Leute unterstützen kann.

Zumal ja auch die Tafeln geschlossen sind.

Vennemeyer: Ja, deshalb muss dringend etwas passieren. Ich hoffe sehr, dass wir da möglichst schnell zu einer pragmatischen Lösung finden, um diesen Personenkreis zu unterstützen.

In solchen Krisenzeiten ist Kommunikation alles. Erreichen Sie die Bürger?

Vennemeyer: Wir haben Informationen auf unserer Internetseite. Aber alle und jeden werden wir nicht erreichen, es gibt ja auch Menschen, die das nicht haben, eine Generationenfrage.

Zum Glück gibt es noch die Zeitung.

Vennemeyer: Ja, aber die Zeitung erscheint auch nur morgens. Die neuen Informationen kommen aber manchmal im Stundentakt. Die sozialen Medien geben uns die Möglichkeit, unsere Infos weiterzuverteilen. Das wird breit genutzt. Auch die Kommunikation unter den Menschen mit Telefon funktioniert.

Im Rathaus muss man im Kundenbereich vieles regeln, zum Beispiel Pass-Angelegenheiten. Wie ist das geregelt?

Vennemeyer: Das Rathaus ist geschlossen. Wir lassen niemanden rein. Wir haben eine Hotline eingerichtet. Für Notfälle im Standesamts- oder Meldebereich stellen wir auch Unterlagen aus.

Auch die Trauungen fallen aus?

Vennemeyer: In größeren Kreisen auf jeden Fall. Außerhäusige Trauungen machen wir auch nicht. Und wenn doch getraut wird, dann nur hier im großen Raum mit dem Brautpaar und maximal sechs Begleitpersonen.

Das Rathaus hat ja nun viele Dinge zu regeln. Etwa in der Bauverwaltung. Wie läuft das?

Vennemeyer: Es wird sicher etwas liegen bleiben. Auch weil wir Mitarbeiter aus diesen Bereichen gezogen haben, die wir woanders brauchen. Wir haben aber ruckzuck die Anzahl der Home-Office-Plätze massiv erhöhen können. Sodass auch eine Bauverwaltung in Teilen von zuhause aus arbeiten kann. Den politischen Betrieb haben wir bis zum 30. April ruhen lassen. Wenn wir dringende Entscheidungen treffen müssen, gibt uns die Kommunalverfassung dafür Möglichkeiten an die Hand. Ich will da im Moment keinen gefährden. Wir sind aber mit unseren Ratsmitgliedern im engen Austausch.

Wir führen dieses Interview per Telefon. Auch in der Redaktion haben wir Home-Office eingeführt. Es gibt technische Möglichkeiten, sich zu organisieren. Was machen Sie?

Vennemeyer: Online-Arbeit ist für uns ja nicht ganz neu. Der Krisenstab tagt zum Beispiel täglich per Videokonferenz. Das funktioniert hervorragend. Die Digitalisierung bringt in dieser Hinsicht Fortschritte. Wir nutzen die Medien und rüsten auf.

Sie haben ja in der Verwaltung – wie in der Wirtschaft – viele Leute, die das nicht können. Auf dem Wertstoffhof nützt die Digitalisierung nichts.

Vennemeyer: Den Müll können wir nicht digital abfahren. Aber die Ver- und Entsorgung, Müll, Strom, Wasser, Abwasser, das ist alles garantiert. Den Wertstoffhof haben wir am Montag noch beobachtet. Der Andrang war so groß, es wurden keine Abstände zwischen den Leuten eingehalten und wir haben ein Risiko für unsere Mitarbeiter und die Kunden gesehen, sodass wir ihn geschlossen haben. Wie die anderen Kommunen auch.

Wohin mit dem Grün?

Vennemeyer: Das muss dann mal ein paar Wochen liegen bleiben. Das ist unumgänglich. Da setzen wir auf Verständnis bei den Bürgern.

Für viele Mittelständler sind bedrohliche Situationen entstanden. Kommen viele Nachfragen?

Vennemeyer: Ja, die kommen massiv. Zusammen aber auch mit Forderungen, Geschäfte zu schließen. Wenn wir das als Kommune allein machen, sind wir natürlich in der Schadensersatzpflicht. Das Land hat da leider keine klaren Regelungen erlassen. Jetzt haben die Landräte der vier Münsterlandkreise und der Oberbürgermeister von Münster beschlossen, Restaurants und Cafés sollen komplett geschlossen bleiben. Gaststätten können einen Lieferservice, Schnellrestaurants einen Drive-in anbieten. Wir haben das in einer Allgemeinverfügung umgesetzt, auch damit wir kreisweit einheitlich agieren. Aber ich erwarte vom Land und vom Bund schnelle und unbürokratische finanzielle Hilfen für die Unternehmen.

Dann muss man sich von der Doktrin der schwarzen Null verabschieden?

Vennemeyer: Die ist schon längst Geschichte. Der Vorteil ist, das Land und Bund, aber auch einige Kommunen in der guten Konjunkturlage etwas Speck haben ansetzen können. Jetzt muss alles raus. Alle Mittel – und das ist ja auch so angekündigt. Wir müssen den Menschen die Existenzsorgen nehmen. Wir werden das nicht in zwei, drei Wochen erledigt haben.

Wo sind Sie im Moment?

Vennemeyer: Gerade arbeite ich im Büro. Aber gleich haben wir die Videokonferenz mit dem Krisenstab, das werde ich Zuhause machen.

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