Einzug der Alliierten und Räumung des Nordviertels
In zwei Stunden mussten alle raus

Greven -

Der Krieg ging dem Ende zu. Briten und Kanadier kamen in die Stadt. Und dann wurde der Grevener Norden innerhalb von wenigen Stunden geräumt.

Dienstag, 31.03.2020, 10:00 Uhr
Die Männer vom 1. Canadian Parachute Battalion – vermutlich vor dem Grevener Bahnhof.
Die Männer vom 1. Canadian Parachute Battalion – vermutlich vor dem Grevener Bahnhof. Foto: Heimatverein

Heinz Schwinger war 16 Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg in Greven mit dem Einzug der alliierten Truppen sein Ende fand. Er, der mit seinen Eltern und Geschwistern in der Hochstraße wohnte – da lebt er auch heute noch – erlebte das Kriegsende und die Räumung des Grevener Nordviertels in den ersten Apriltagen 1945 hautnah. Hier seine Erinnerungen an die Geschehnisse:

„Ich erinnere mich noch gut an die Räumung des Grevener Nordviertels und so habe ich sie erlebt. Vorab möchte ich aber einiges vorausschicken, damit die heutige Generation die damalige Situation besser versteht.

Greven war damals noch ein Dorf. Die Lebensverhältnisse der Menschen waren einfach und mit heute nicht zu vergleichen. Vier bis sechs Kinder war in vielen Familien Standard. Viele Familien hatten ein Schwein im Stall und hielten Hühner, für den Winter wurden Kartoffeln und Kohlen eingekellert usw. usw. Man konnte nicht einfach in ein Geschäft gehen und unbegrenzt Lebensmittel, Bekleidung, Schuhe usw. einkaufen. Supermärkte kannten wir nicht. Es gab damals Lebensmittelkarten und zugeteilte Rationen.

Alle Männer, angefangen vom Geburtsjahrgang 1928 und älter, die gesund waren, mussten zu den Soldaten. Auch ich hatte einen Gestellungsbefehl und sollte mich am 1. April 1945 in Dänemark bei der Luftwaffeneinheit – ich war Segelflieger – einfinden. Mein Vater und zwei ältere Brüder waren im Krieg. Ich lebte mit meiner Mutter und drei jüngeren Geschwistern auf der Hochstraße. Zwei Tage vor dem 1. April 1945 waren die Engländer hier und ich war eine Sorge los.

Da ich ein wenig Englisch konnte, kamen wir gut zurecht – und wir hatten geglaubt, der Krieg ist für uns vorbei, wir haben überlebt. Das Sagen hatten in Greven die Engländer übernommen. Einige Tage später kam der Grevener Amtsbote, also der Mann, der mit einer Schelle durch die Grevener Straßen ging und lauthals Neuigkeiten und Anordnungen verkündete. Seine Botschaft war:

„Bekanntmachung! Auf Anordnung der britischen Militärregierung ist das gesamte Nordviertel – nördlich der heutigen Kardinal-von-Galen-Straße – binnen zwei Stunden zu räumen.“ Ehemalige Zwangsarbeiter, die jetzt frei waren, sollten dort untergebracht werden. „Lassen Sie alle Sachen zu Hause, die Sie nicht mitnehmen können, stellen sie sie in einen Raum und schließen sie ab, denn die Räumung ist nur für eine kurze Zeit gedacht“, hieß es weiter. Es wurden zwei Jahre daraus.

Die Nachricht schlug wie eine Bombe ein. Wo sollten wir denn hin? Wer Verwandte oder Bekannte im anderen Teil Grevens hatte, machte sich auf den Weg dorthin. Ob die Leute glücklich waren, wenn plötzlich eine Familie mit Sack und Pack vor der Tür stand und sagte: „Ihr müßt uns aufnehmen, wir wissen sonst nicht wohin!“ ist nicht überliefert. Andere verschlug es in Scheunen bei Bauern oder in leerstehende Unterkünfte vom ehemaligen Reichsarbeitsdienst halbwegs in Gimbte. Wer einen Bollerwagen hatte, konnte wenigstens einiges mitnehmen, andere nahmen ihr Bündel unter den Arm.

Ich habe nicht darüber nachgedacht, was so junge Mütter mit Kleinkindern und mit alten und kranken Familienangehörigen erlebt haben. Das Vieh (Schweine, Hühner usw.) blieb sich selbst überlassen. Wie ich später hörte, soll der Bauer Thüning in Aldrup Vieh eingesammelt und versorgt haben. Die im Keller lagernden Vorräte waren auch verloren, es ging nur darum, das nackte Leben zu retten.

Und die ersten Ausländer tauchten schon auf, die auch für die Nacht eine Bleibe suchten. In den folgenden Tagen kamen immer mehr, bis die Häuser alle belegt oder sogar überbelegt waren.

Das Zusammenleben mit den Ausländern verlief im allgemeinen friedlich, abgesehen von einigen Ausnahmen. Die Ausländer hatten ja Langeweile. Sie veranstalteten auf dem Sportplatz Schöneflieth Spiele. Wenn abends oft Tausend und mehr vom Sportplatz durch den Ort ins Nordviertel heimkamen, gab es schon hin und wieder Ärger.

So nach und nach wurden die Ausländer in ihre Heimat zurückgebracht, aber dann kamen aus anderen Lagern neue Menschen. Im Jahr 1947 wurde das Grevener Lager aufgelöst, die einstigen Bewohner konnten in ihre Häuser zurückkehren.

Was fanden sie vor: Leere Räume, zertrümmerte Türen und Schäden am Haus. Von der Amtsverwaltung in Greven wurden die Bewohner nun aufgefordert, ihre Verluste und Schäden anzumelden.

In Deutschland wurde derweil immer lauter von einer bevorstehenden Währungsreform gesprochen. Die Grevener Amtsverwaltung bemühte sich daher die Verluste noch schnell in Reichsmark zu entschädigen, bevor im Juni 1948 die D-Mark kam. So geschah es dann auch, aber für die erhaltene Reichsmarkentschädigung konnte man nichts kaufen. Das haben viele als Ungerechtigkeit empfunden. Der Rechtsanwalt Dr. Lauscher und der Zahnarzt Dr. Gronotte boten sich an, die Interessen der Geschädigten vor Gericht zu vertreten. Sie hatten mit ihrer Klage gegen die Amtsverwaltung Erfolg. Die Amtsverwaltung Greven musste einen Nachschlag in D-Mark zahlen.“

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