Samba-Tanz-Verbot jährt sich zum 70. Mal
Schildbürgerdorf macht sich zum Gespött

Greven -

Der Samba-Tanz war Anfang der 50er Jahre eine sehr beliebter Tanz in Deutschland. Aber in Greven wurde er verboten – unter Strafandrohung. Das Tanz-Verbot sorgte bei der Grevener Bevölkerung und fast ganz Deutschland für viel Gelächter und Spott. Andere schämten sich für das ‚Schildbürgerdorf‘. Ein Sonderzug zur Ferieninsel Norderney im selben Jahr trug sogar den Namen „Samba-Expreß“.

Dienstag, 14.04.2020, 17:00 Uhr aktualisiert: 15.04.2020, 09:26 Uhr
So sah Karikaturist Carsten Meyer den Samba-Tanz von Egon und Ingrid Koling im Jahr 2000 unter den strengen Augen des ehemaligen Amtsbürgermeisters Anton Minnebusch
So sah Karikaturist Carsten Meyer den Samba-Tanz von Egon und Ingrid Koling im Jahr 2000 unter den strengen Augen des ehemaligen Amtsbürgermeisters Anton Minnebusch Foto: Carsten Meyer

Der oder die Samba ist ein Gesellschaftstanz im Zweiviertel-Takt, der sich aus einem brasilianischen Volkstanz entwickelte. Dabei bewegen sich die Hüften des Tanzpaares rhythmisch und schnell vor und zurück.

In den 1948/49er Jahren erlangte dieser Tanz auch in Deutschland große Popularität, besonders durch den häufig im Radio gespielten Schlager „Am Zuckerhut, am Zuckerhut, da geht’s den Senoritas gut“.

Zu aller Überraschung beschloss der Rat des Amtes Greven am 4. Januar 1950 in seiner ersten Sitzung des Jahres, dass im Amtsbezirk Greven fortan kein Samba mehr getanzt werden dürfe. Und aufgrund eines Gesetzes aus dem Jahre 1883 drohte jedem Zuwiderhandelnden eine Geldstrafe in Höhe von 150 Mark oder eine entsprechende Haft. Amtsbürgermeister Anton Minnebusch erklärte in der Sitzung des Amts-Rates, dass aus der Öffentlichkeit heraus die Bitte ausgesprochen worden sei, den modernen Tanz „Samba“ zu verbieten.

Amtsdirektor Dr. Leo Drost begründete dann das Tanz-Verbot so: „In der Gemeinde Greven befindet sich ein Ausländerlager, zu dessen Veranstaltungen auch Einwohner des Ortes erscheinen. Bei diesen Veranstaltungen ist es bei er Aufführung des Tanzes Samba zu Ausschreitungen gekommen.“

Das Tanzverbot hat bei der Grevener Bevölkerung für viel Gelächter und Spott gesorgt. In der Grevener Zeitung las man am 11. Januar: „Die in einer Hamburger Zeitung erschienene Notiz vom Samba-Verbot in Greven hat auch einen alten Grevener, der seit Jahrzehnten in Hamburg wohnt, geschüttelt. In einem nach Greven gerichteten Schreiben schämt er sich seines Heimatdorfes, das er als ‚Schildbürgerdorf‘ bezeichnet.“

Beim „Karneval der Freudenthaler in Münster wurden die Grevener Karnevalisten unter Gelächter aufgefordert, den Saal zu verlassen. Der jetzt folgende Sambatanz könne Grevens Karnevalisten mit dem Gesetz in Konflikt bringen.“

Mit einem Schreiben vom 16.02.1950 wandte sich der in Hamburg wohnende Hugo Schründer an die Stadtverwaltung. Er wollte erfahren, weil „ich den Ort meiner Urväter“ besuchen möchte, „ob inzwischen das Tanzverbot für die ‚Samba‘ aufgehoben ist. Ich könnte mir denken, dass gerade während der Fastnachtstage mal Samba getanzt würde. Da aber die festgesetzte Strafe doch sehr hoch ist, wäre es doch bestimmt wertvoll zu wissen, wie viel Geld man evtl. mit nach Greven nehmen muss. Weiterhin bitte ich um Auskunft, ob jeder Tanz mit DM 150,- bestraft wird, oder ob man mal für DM 150,- die ganze Nacht in Greven Samba tanzen kann.“ Die Antwort darauf ist nicht bekannt.

Bereits im März 1950 sah der Grevener Amtsbürgermeister Minnebusch den Samba-Tanz etwas lockerer. So lasen die Grevener: „Es war um die Zeit, als die vierte Nacht des Sechstagerennens in der Halle Münsterland ihrem Höhepunkt entgegenging. Da spielte die Kapelle Busco für die anwesenden Grevener eine bunte Sambaplatte. Als im weiteren Verlauf der Nacht die Stadt Münster eine Prämie von 1000 DM ansetzte, zeigten die „Sambastädter“, daß sie ihrem großen Nachbarn nicht nachstehen. Im Gegenteil: Mit einer 110-DM-Prämie, die sich der sympathische Holländer Vooren unter den Klängen einer Samba im Zehn-Rundenspurt holte, siegten die Grevener klar mit einer Runde Vorsprung vor Münster. Das wurde auch von der Rennleitung anerkannt, die ab 5 Uhr morgens den Innenraum für einen „Grevener Sambakurs“ zur Verfügung stellte.

Man wundert sich auch nicht darüber, dass ein Sonderzug zur Ferieninsel Norderney im selben Jahr den Namen „Samba-Expreß“ trug. Er fuhr von Münster über Greven nach Norddeich Mole. Leider weiß man heute nicht mehr, ob der Name auf das Grevener Geschehen zurückging.

Fünfzig Jahre später, im Januar 2000, hatten sich die Ansichten zum Samba normalisiert. In der Presse las man: „Kämpfte der Stadtrat 1950 noch vehement für ein Verbot des als unmoralisch deklassierten Sambatanzes, so legten gestern Morgen der Grevener Bürgermeister Egon und Ingrid Koling eben diesen Tanz auf die Platten des Rathausfoyers. Die Aufforderung zum Tanz erging während eines locker gestalteten Bürgerempfangs zum 50. Geburtstag der Stadt von Wolfgang Beckermann, dem Pressesprecher der Stadt.“

Und im Jahre 2010 beteiligte sich die Grevenerin Franziska Frische mit dem Thema „Sambaverbot in Greven“ am Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten.

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