Von der Gründung der Reckenfelder Freilichtbühne
Erste Proben in Fabians Küche

Reckenfeld -

Reckenfelds Freilichtbühne ist klein angefangen – ein Weg raus aus dem grauen Nachkriegsalltag.

Samstag, 23.05.2020, 07:29 Uhr aktualisiert: 23.05.2020, 07:40 Uhr
Dieses Bild zeigt den Bau der Freilichtbühne am heutigen Standort, es muss demnach 1960/61 aufgenommen worden sein.
Dieses Bild zeigt den Bau der Freilichtbühne am heutigen Standort, es muss demnach 1960/61 aufgenommen worden sein. Foto: Archiv

Am 1. Mai 1947 wurde der Heimatverein Reckenfeld gegründet, zum 1. Vorsitzenden wurde Lothar Fabian gewählt. Es war, zwei Jahre nach Kriegsende, eine armselige und freudlose Zeit für die Reckenfelder/innen. Die Blöcke A und B waren am 18. Mai 1945 als DP-Lager für Polen und Polinnen geräumt worden, die zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt worden waren und jetzt auf eine Transportmöglichkeit nach Polen warteten. Die eigentlichen Bewohner/innen der Gebäude waren in der Umgebung verstreut untergebracht, meist in unzumutbaren Behausungen.

Der Heimatverein Reckenfeld wurde gegründet, um Erwachsene und Jugendliche durch Wanderungen, bunte Abende, Singen von Volksliedern von diesem „grauen“ Alltag abzulenken.

In Rahmen des Heimatvereins entstand unter der Leitung von Lothar Fabian auch eine Laienspielschar. Denn „man wollte … eine gehaltvolle, fruchtbare Feierabendgestaltung der Jugend fördern und in schwerster Zeit innerer Zerrissenheit im Orte durch das Spiel der Jugend gemeinschaftliche Kräfte wecken.“

Noch im selben Jahre machte sich die Laienspielschar als Verein selbstständig und entwickelte sich recht dynamisch bis zur heutigen „Münsterländischen Freilichtbühne Greven-Reckenfeld e.V.“

Lothar Fabian war von 1947 bis zu seinem Tode am 16. Januar 1989 Vorsitzender der Laienspielschar Reckenfeld, war auch als Regisseur und als Spieler tätig. Seine Frau Herta, selbst Mitspielerin, unterstützte ihn dabei mit all ihren Kräften. Ihm gelang es schon bald, die Reckenfelder Freilichtbühne weithin bekannt zu machen. Am 8. August 1974 wurde ihm das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen. Am 27. März 1987 erhielt er auch das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse.

Da alle Reckenfelder Säle 1947 beschlagnahmt waren, mussten zunächst alle Proben in privaten Räumen stattfinden. Da mußte Fabians Küche herhalten.

Die erste Aufführung des Grimm‘schen Märchenspiels „Das Waldhaus“ fand 1947 in Hembergen statt. Weil sich dabei evakuierte und noch im Ort wohnende Reckenfelder/innen trafen, wurde die Aufführung auch zu einer Wiedersehensfeier.

Die erste Aufführung in Reckenfeld war das Theaterstück „Der Bauernstreit“. Und am 1. Oktober 1948 entstand die Freilichtbühne: Das Stück „Der gestiefelte Kater“ wurde, da es keinen geeigneten Saal gab, auf dem Beckermann’schen Hof (südlich von Block D gelegen) aufgeführt. Die nächsten Stücke konnten dann aber wieder im inzwischen erweiterten Beckermann’schen Saal stattfinden. Im Jahre 1950 fand der Wechsel zum wesentlich größeren und zentral gelegenen Saal im „Deutschen Haus“ statt.

In mühevoller Eigenleistung wurde ab Sommer 1951 eine erste Freilichtbühne beim Haus Marienfried gebaut. Ihre feierliche Einweihung fand am 5. Juli.1953 statt. Zur Premiere wurde das Lustspiel „Krach um Jolanthe“ (von August Hinrichs) aufgeführt.

Die Freilichtbühne am Haus Marienfried bestand etwa zehn Jahre bis 1961. Weil dann das Altenheim und der Kindergarten erweitert werden mussten, begann man im Jahre 1960 in einem Waldstück am Hof Leising eine neue Freilichtbühne und sechs Holzhäuser zu bauen. Die feierliche Eröffnung fand am 11. Juni 1961 statt. In diesem Rahmen wurde die Komödie „Die lustigen Weiber von Windsor“ aufgeführt.

Am 30. Juni 1961 übernahm Regierungspräsident Dr. Josef Schneeberger die Schirmherrschaft der Freilichtbühne Reckenfeld, was durch seine Nachfolger fortgesetzt wurde.

Im Frühjahr 1972 wurde hinter den Zuschauerrängen, quasi zum 25-jährigen Jubiläum der Bühne, eine Mikrofonanlage aufgebaut. Die neuen Toilettenanlagen wurden 1979 fertiggestellt. Im Jahre 1980 wurde der Regie- und Technikraum erweitert und um eine Lichttechnikanlage ergänzt.

1982 wurde der Probensaal mit neuen Umkleideräumen vergrößert und mit dem Neubau des Schmink- und des Abstellraumes wurde begonnen, der 1983 fertiggestellt wurde. Und im Jahre 1986 erfolgte der Bau einer Kulissenhalle, um den Bühnenbau unabhängiger vom Wetter zu machen.

Am 18. März 1989 wurde im Rahmen einer außerordentlichen Mitgliederversammlung Paul Schulze-Temming-Hanhoff zum ersten Vorsitzen gewählt. Nach ihm übernahmen Klaus Dieter Niepel, und dann Viola Niepel den Vorsitz. Ab 2014 war Heinz Neumann erster Vorsitzender der Freilichtbühne, er wurde 2018 durch Patric Sohrt abgelöst.

In den Jahren 1992/93 wurden etliche Baumaßnahmen durchgeführt, auch ein Gebäude für den Kostümfundus wurde fertig. Die Bühne wurde erweitert und näher an das Publikum geschoben. Dadurch wurde der Einbau einer drahtlosen Mikrofonanlage notwendig.

Im Jahre 1976 wurde die Hälfte des Zuschauerraumes überdacht, der heute 720 Plätze umfasst.

Ende 1997 wurde das gesamte Bühnengelände mit finanzieller Unterstützung der Stadt und des Landes Eigentum des Vereins. Im Jahre 2011 wurden der Eingangsbereich umgestaltet und der Geschäftsbereich der Bühne neu gebaut. 2012 erfolgte der Neubau der Toilettenanlage für die Zuschauer. In den Jahren 2017/18 wurde der „Marktplatz“, der Raum vor der Bühne, zur Nutzung vor und nach den Vorstellungen und in den Pausen umgestaltet: Die Verkaufsstände wurden renoviert und zahlreiche Sitz- und Stehgelegenheiten geschaffen. Zurzeit erfolgen Planung und Neubau eines Spielerheim mit integriertem Wintertheater für 120 Zuschauer.

Wurde früher nur klassisches Theater gespielt, so hat sich das zwischenzeitlich gewandelt. Sozialkritische Stücke und seit 1997 auch Musicalproduktionen stehen neben den Kinderstücken auf dem Spielplan. Seit 2014 wird alle zwei bis drei Jahre eine Open-Air-Nacht der Musicals angeboten, welche von den Darstellern/innen, Sägern/innen und Tänzern/innen inszeniert wird.

Das erste Musical war „Anatevka“ im Jahre 1997. Auch Konzerte, Komödien, Märchen und Kriminalstücke werden geboten und ein Tourneetheater im Winter seit 1984, das aber 2010 letztmalig auftrat.

Mehr als 750 Mitglieder, von denen etwa 350 aktiv mitarbeiten, tragen die Freilichtbühne mit vollem Engagement, seit vielen Jahren ganzjährig.

Im Jahr 2020 steht wegen der Corona-Pandemie die Freilichtbühne „in der Warteschleife“.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7419929?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F105%2F168%2F
Nachrichten-Ticker