Reiseexpertin Kerstin Joeris und ihre Branchenkollegen erleben schwere Zeiten
Ohne Notfallfonds wird es eng

Reckenfeld -

Die Touristik-Branche erlebt harte Zeiten, vor allem Reisebüros haben zu kämpfen. Kerstin Joeris (Reiselounge) beteiligt sich deshalb an Demos. Sie fordert staatliche Soforthilfen.

Dienstag, 26.05.2020, 06:52 Uhr aktualisiert: 26.05.2020, 15:48 Uhr
Kerstin Joeris, Reiselounge Greven in Reckenfeld
Kerstin Joeris, Reiselounge Greven in Reckenfeld Foto: Oliver Hengst

Die Plexiglasscheibe, hinter der sie Kunden berät, nennt sie spöttisch die Lama-Wand. Sie lacht, als sie das sagt. Dabei hat Kerstin Joeris derzeit wenig zu lachen. Die Inhaberin des Reisebüros „Reiselounge“ an der Grevener Landstraße macht schwere Zeiten durch.

Nicht, dass eine Krise jemals zu einem wirklich passenden Zeitpunkt kommen könnte – aber Kerstin Joeris traf die Corona-Krise zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Just hatte sie neue, größere Geschäftsräume auf der anderen Straßenseite bezogen und eine neue Mitarbeiterin eingestellt, da machten ihr Lockdown und Grenzschließungen einen dicken Strich durch die Rechnung. Seitdem agiert auch sie – wie viele andere – erstmal im Krisenmodus.

Der Arbeitsalltag, wenn man davon sprechen kann, besteht derzeit vor allem daraus, verunsicherte Kunden zu beraten und viele, viele Fragen zu beantworten. „Viele fragen nach unserer Einschätzung“, sagt Kerstin Joeris. „Ich versuche, gut informiert zu sein“, ergänzt sie. Was alles andere als leicht fällt, denn mitunter ändert sich die Lage stündlich.

Geld verdient sie mit diesen Gesprächen nicht. Man führe solche Beratungen kostenlos, quasi ehrenamtlich, genau wie Stornierungen, die sich nicht immer vermeiden lassen. Einnahmen: null. Praktisch sogar weniger als das. Denn die Reisebüro-Inhaberin muss schon ausbezahlte Provisionen an die Reiseveranstalter für ausgefallene Reisen zurückzahlen. „In keiner anderen Branche ist das so.“ Und das bei weiterlaufenden Fixkosten für Büro und Personal. Von den insgesamt drei Voll- und Teilzeitkräften hält derzeit allein die Chefin die Stellung, ihre Mitarbeiterinnen musste sie in die Kurzarbeit schicken.

Was sie Situation etwas abmildert: Kerstin Joeris hat sich mit ihrer „Reiselounge“ in den vergangenen Jahren einen festen Kundenstamm erarbeitet. Diese Stammkunden halten zu ihr. „Viele wollen umbuchen oder akzeptieren einen Gutschein, weil sie uns unterstützen wollen“, freut sich die Geschäftsfrau über ausbleibende Kündigungen. Hinzu komme, dass die Kreuzfahrten einen Schwerpunkt im Portfolio bilden. Diese Kunden planen ihre Urlaube oft etwas langfristiger. „Die Kreuzfahrer sind da etwas entspannter“, sagt Kerstin Joeris.

Sie selbst hat wenig Anlass, entspannt zu sein. Die in den letzten Wochen von Veranstaltern abgesagten Reisen schmälerten den Umsatz der „Reiselounge“ um einen sechsstelligen Betrag.

Ein herber Schlag ins Kontor. „Ich hänge mit Leib und Seele an diesem Laden und würde fast alles tun, um ihn zu erhalten.“ Doch das fällt in dieser Krise immer schwerer – auch wenn die Branche angesichts von Grenzöffnungen und Corona-Lockerungen langsam wieder Licht am Ende des Tunnels sieht. Es sei für die Reisebüros „schon schwierig“, sagt die Reise-Expertin. „Das wird für den einen oder anderen schon eng.“ Für ihre eigene Situation ist sie verhalten optimistisch – falls die Pandemie wirklich abklingt.

Nicht ohne Grund haben sich viele Branchenkollegen zu einem Aktionsbündnis zusammengeschlossen. Von den 100 000 Arbeitsplätzen in der Branche sieht Kerstin Joeris – und nicht nur sie – 90 000 potenziell bedroht.

Das regionale Bündnis, das Kerstin Joeris mitaufgebaut hat, geht seit Wochen auf die Straße, mit wachsender Resonanz. Die Betroffenen sagen: „Die Touristik besteht nicht nur aus Großkonzernen wie TUI, Condor und Lufthansa, sondern zumeist aus mittelständischen Unternehmen.“ Und die sind zunehmend in ihrer Existenz gefährdet. „Die Corona-Pandemie hat die Touristik in Deutschland und weltweit in einem Ausmaß getroffen, wie das bei keiner anderen Branche der Fall ist. Die Reisebüros waren die erste Branche, die von der Krise betroffen war und sie werden die Letzen sein, die dort wieder herauskommen“, heißt es in einem Aufruf des Bündnisses.

Am kommenden Mittwoch um 12 Uhr soll eine weitere Demo stattfinden, dann am FMO. Die Unternehmer wollen ihrer Forderung nach finanzieller Soforthilfe Nachdruck verleihen – etwa in Form eine Notfallfonds. „Wir wollen Aufmerksamkeit erreichen und dafür sorgen, dass wir in Berlin gehört werden“, sagt Kerstin Joeris zu ihrer Motivation, sich zu beteiligen.

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