Dr. Lioba Essen über die Rückkehr zur Normalität in der Inneren Abteilung
Abkapselung war ein Problem

Greven -

Auch im Grevener Krankenhaus starben Menschen, die den Covid-19-Erreger hatten. Die Chefärztin der Inneren Abteilung, Dr. Lioba Essen, resümiert ihre Erfahrungen.

Samstag, 30.05.2020, 06:00 Uhr
Dr. Lioba Essen ist Chefärztin der Innenen Abteilung im Grevener Maria-Josef-Hospital.
Dr. Lioba Essen ist Chefärztin der Innenen Abteilung im Grevener Maria-Josef-Hospital. Foto: Günter Benning

Dr. Lioba Essen ist seit August vergangenen Jahres Chefärztin der Abteilung für Innere Medizin und Gastroenterologie am Grevener Maria-Josef-Hospital. Mit rund 100 Betten ist das die größte Abteilung des Hauses. Mit der Münsteranerin sprach unser Redaktionsmitglied Günter Benning .

 

Die innere Medizin spielt in der Corona-Krise eine besondere Rolle. Waren Sie darauf vorbereitet?

Essen: Nein, überhaupt nicht. Ich war erst einige Monate als Chefärztin in Greven. Da war Corona nichts, was ich mir vorgestellt hätte. Aber man wächst im Team und im gesamten Krankenhaus hinein.

Seit Jahren kennt man zum Beispiel die multiresistenten Krankenhauskeime, die besondere Vorsichtsmaßnahmen erfordern. Weiß man dann sofort, wie der Ablauf in ähnlichen Krisen sein muss?

Essen: Natürlich sind wir vertraut mit Erkrankungen, die Isolationen erfordern. Das sind saisonale Erkrankungen wie die Grippe oder in den Wintermonaten die Norovirusinfektion und die sogenannten Krankenhauskeime wie MRSA. Aber mit dieser neuen Erkrankung waren wir anfangs nicht vertraut. Wir arbeiten in einem lernenden System, inzwischen haben wir viele Erfahrungen damit gesammelt. Wir haben die Patientenströme, gewisse Arbeitsabläufe, Stationen und ärztliche Einsätze im Krankenhaus umstrukturieren müssen.

Zunächst hat man gesagt, es ist eine Lungenerkrankung, heute spricht man davon, dass viele innere Organe betroffen sind. Wie haben Sie das erlebt?

Essen: Am Anfang wirkt es wie eine schwere grippale Infektion, aber es sind in der Tat mehrere Organsysteme, die betroffen sind. Zum Beispiel das Herz, es gibt sogar gastrointestinale Beteiligung, also Entzündungen des Magen-Darm-Trakts. Corona ist eine Erkrankung, die das ganze System Mensch betrifft.

In Greven soll es aktuell nur noch einen Infizierten geben, laut Statistik des Kreises. Wie ist das im Krankenhaus?

Essen: Wir haben einige mehr, aber die Zahlen gehen zurück. Wir versorgen aktuell keine beatmeten Patienten auf der Intensivstation, im Gegensatz zu den ersten Wochen im April. Aber unsere Infektionsstation ist immer noch mit Betroffenen belegt. Hier sind meist fünf bis zehn Patienten, darunter natürlich auch die Verdachtsfälle, die aus der Isolation entlassen werden, wenn der Verdacht sich nicht bestätigt.

Hat es hier auch Corona-Tote gegeben?

Essen: Es sind im Krankenhaus Patienten gestorben, die einen positiven Nachweis für die Covid-19-Erkrankung hatten. Ob sie an der Erkrankung gestorben sind oder mit der Erkrankung, das ist schwer zu sagen. Bei uns sind einige ältere Patienten gestorben, die polymorbide waren, also unter schweren Herz-, Leber- oder Nierenerkrankungen litten. Da ist das Covid-19-Virus dazugekommen.

Es ist für Sie sicher ungewöhnlich, dass ein ganzen Krankenhaus abgeschirmt wird. Welche Auswirkungen hat das?

Essen: Die soziale Abkapselung, vor allem der Patienten, war etwas ganz Besonderes. Das war sicher ein großes Problem auch für den Behandlungs- und Heilungsverlauf unserer Patienten. Wir sind sehr froh, dass sich diese Situation gerade ändert und Besuche wieder möglich werden.

Ist jetzt der Normalzustand wieder möglich?

Essen: Sicher nicht. Pro Tage ein Besucher, eine Stunde, ein Patient – diese neue Regel finde ich gut. Wir müssen gucken, wie sich die Lockerungen auf unseren Betrieb auswirken.

Konnten viele Behandlungen bei Ihnen zurückgestellt werden?

Essen: Nein, im Prinzip ist der Betrieb in der inneren Abteilung komplett weitergelaufen. Insgesamt war es etwas ruhiger. Die Patientenströme haben nachgelassen, insbesondere reduziert sich der Zulauf von Patienten in der Notfallambulanz mit sogenannten banalen Problemen. Die Menschen mit internischen Erkrankungen sind unverändert weiter gekommen und versorgt worden. Um mögliche befürchtete Patientenfluten mit Covid-Infektionen versorgen zu können haben wir zeitweise sogar einen zusätzlichen Bereitschaftsdienst vorgehalten.

Was nehmen Sie aus dieser Krise mit?

Essen: Wichtig war, dass wir über die Fachgrenzen hinaus interdisziplinär zusammengearbeitet haben. Sich da neu zu organisieren, war eine besondere Erfahrung. Aber man fragt sich auch, was brauchen wir wirklich in unserem Gesundheitswesen? Der Ambulanzbetrieb wurde ja heruntergefahren, ohne dass wir es beeinflusst hätten. Natürlich gibt es nicht weniger Herz- oder Nierenkranke, die brauchen immer ihre Versorgung. Aber ich glaube, eine entschleunigte Gesellschaft generiert deutlich weniger kranke Menschen.

Wie erklären Sie es, dass Mitarbeiter, die in Kontakt mit Covid-Kranken waren, wieder arbeiten? Und dass es keine Komplett-Testung für alle Mitarbeiter gibt? Das sind Fragen aus unserer Leserschaft.

Essen: Ich gebe zu, das ist schwer zu verstehen. Die Abstriche für die Covid-Erkrankung geben nur eine Pseudo-Sicherheit. Eine Momentaufnahme: Wenn jemand positiv ist, haben wir eine wichtige Aussage. Wenn er negativ ist, schließt das nicht aus, dass er morgen positiv sein kann. Deswegen testen wir Mitarbeiter nur, wenn sie symptomatisch sind.

Und was ist mit Mitarbeitern, die Kontakt zu Covid-Erkrankten hatten?

Essen: Entscheidend ist ob es ein geschützter oder ungeschützter Kontakt war. Bei ungeschütztem Kontakt werden diese Personen bei Auftreten von Symptomen natürlich sofort untersucht und bleiben bis zum Ergebnis in häuslicher Quarantäne.

Gab es Fälle, wo Mitarbeiter aus Risikogruppen nach Hause geschickt wurden?

Essen: Bei zwei schwangeren Mitarbeiterinnen meiner Abteilung haben wir uns entschieden, sie dieser Situation nicht auszusetzen.

Fürchten Sie einen Rückschlag?

Essen: Im Moment gibt es ein angespanntes Warten. Wir sehen ja schon einige neue Hotspots. Ich erwarte eher zum Herbst und Winter eine neue Welle, zusammen mit der normalen Grippewelle. Wir werden uns auf jeden Fall darauf einrichten und die Covid-Station beibehalten.

Wann werden Sie wieder normal arbeiten?

Essen: Wir haben sicher schon zwei Drittel des normalen Betriebs erreicht. Notfälle wurden und werden immer behandelt. Aber jetzt werden auch wieder die elektiven-Patienten kommen, deren Behandlungen wir verschieben konnten. Für meinen Schwerpunkt gesprochen finden nun auch wieder ambulante Gastroskopien und Koloskopien statt.

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