Kreis mietet für den Notfall Gebäude an
Der Zaun für Quarantäne-Sünder

Saerbeck -

Doppelter Zaun rund um das ehemalige Lehrerhaus in der Bauerschaft Westladbergen. Hier will der Kreis renitente Quarantäne-Bürger unterbringen.

Samstag, 13.06.2020, 09:00 Uhr
Doppelter Zaun rund um das ehemalige Lehrerhaus in Westladbergen: Hier sollen widerstrebende Quarantäne-Bürger untergebracht werden.
Doppelter Zaun rund um das ehemalige Lehrerhaus in Westladbergen: Hier sollen widerstrebende Quarantäne-Bürger untergebracht werden. Foto: Günter Benning

Das Haus liegt still und schweiget, das benachbarte CAJ-Heim ist geschlossen, Klatschmohn blüht in der Hecke. Ein Landidyll, wenn da nicht dieser Metallzaun wäre.

Genau gesagt: Ein doppelter Zaun, der einmal rund um das Grundstück des ehemaligen Lehrerhauses in Westladbergen führt. Er dient der Sicherheit. Die martialische Kulisse hat der Corona-Krisenstab des Kreises angeordnet.

Das seltsame Freiluftgehege führte bereits zu abenteuerlichen Spekulationen bei Facebook. Ausländische Arbeiter der Fleischindustrie, hieß es, würden dort wohnen. Sie hielten sich nicht an die Corona-Beschränkungen – daher die Zaunsperre.

Knackpunkt für die Kommunen

Nonsens. Das einzige Fünkchen Wahrheit in diesen Spekulationen ist, dass das Haus tatsächlich eine Art sicherer Ort während der Corona-Krise ist. „Hier können kommunale Ordnungsbehörden ab sofort Quarantänebrecher unterbringen“, sagt Kirsten Wessling , Sprecherin des Kreises Steinfurt.

Diese Lockerungen gelten ab Montag (15. Juni)

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  • Mindestens bis zum 1. Juli bleiben in NRW die grundsätzlichen Regelungen zur Kontaktbeschränkung im öffentlichen Raum und die Verpflichtung zum Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung in bestimmten Bereichen mit Publikums- und Kundenverkehr bestehen. Bis dahin ist die neue Coronaschutzverordnung in Kraft. Einige Lockerungen werden aber ab dem 15. Juni vorgenommen:

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  • Private Feste wie Jubiläen, Hochzeiten, Taufen, Geburtstage oder Abschlussfeiern mit höchstens 50 Teilnehmern sind unter Auflagen wieder erlaubt. Voraussetzungen sind die Beachtung von Hygieneregeln und die Erfassung der Personalien der Gäste. Bei standesamtlichen Trauungen zum Beispiel muss keine Mund-Nasen-Bedeckung mehr getragen werden. Gefeiert werden darf auch in abgetrennten Räumen von Gaststätten oder Hotels. Veranstaltungen mit vornehmlich geselligem Charakter bleiben weiterhin untersagt.

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  • Öffentliche Veranstaltungen und Versammlungen mit bis zu 100 Personen werden unter Auflagen erlaubt, etwa mit einem Mindestabstand von 1,5 Metern und der Rückverfolgbarkeit der Zuschauer und Teilnehmer.

    Auch Veranstaltungen mit mehr als 100 Zuschauern sind ab Montag wieder zulässig. Dann gelten aber in Abstimmung mit den Gesundheitsbehörden erweiterte Schutzvorschriften.

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  • Bei Theatern, Konzertsälen und anderen Veranstaltungsorten mit festen Sitzplätzen kann die Abstandsregelung von 1,5 Metern entfallen. Dann muss ein Sitzplan erstellt werden, der genau erfasst, wo welche anwesende Person gegessen hat. «Das sind gute Nachrichten für NRW-Kinobetreiber. Ab sofort können in kleinen Sälen alle Sitzplätze besetzt werden und Filme so wieder vor einem größeren Publikum laufen», sagte Petra Müller, Geschäftsführerin der Film- und Medienstiftung NRW.

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  • Das Grillen ist auf öffentlichen Plätzen und in Parks wieder möglich.

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  • Floh- und Trödelmärkte sind mit Hygiene- und Infektionsschutzkonzepten erlaubt. 

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  • Wellnesseinrichtungen und Saunabetriebe können unter Hygieneauflagen wieder öffnen. Dasselbe gilt für Erlebnis- und Spaßbäder.

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  • Weiterhin untersagt sind bis mindestens zum 31. August 2020 Volks-, Stadt-, Dorf- und Straßenfeste sowie Schützen- und Weinfeste. Das gilt auch für Kirmesveranstaltungen. Schausteller können sich aber zu einem vorübergehenden Freizeitpark zusammenschließen und ihre Fahrgeschäfte auf einem umzäunten Gelände öffnen.

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  • Bars können nach den für die übrige Gastronomie geltenden Maßgaben für Hygiene- und Infektionsschutzstandards ihren Betrieb wieder aufnehmen. Clubs und Diskotheken bleiben weiterhin geschlossen. Auch Bordellen und ähnlichen Einrichtungen bleibt der Betrieb weiterhin untersagt.

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  • Der Handel darf von Montag an wieder mehr Kunden gleichzeitig in die Läden lassen. Statt einer Person je zehn Quadratmeter Verkaufsfläche ist dann ein Käufer je sieben Quadratmeter erlaubt. Dies gilt auch für die Besucherbegrenzungen in Museen und Ausstellungen sowie in Zoos.

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  • Sportarten mit Körperkontakt sind ab Montag auch in geschlossenen Räumen für Gruppen mit bis zu zehn Personen wieder möglich.

    Im Freien ist dann Kontaktsport in Gruppen bis zu 30 Personen erlaubt.

    In beiden Fällen muss eine Rückverfolgbarkeit der Teilnehmer durch Datenerfassung sichergestellt werden. Auch Wettbewerbe im Breiten- und Freizeitsport sind unter Einhaltung eines Hygiene- und Infektionsschutzkonzepts drinnen und draußen wieder zulässig.

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Die Gerüchteküche brodelt schon ein Weilchen, aber bis gestern wollte Wessling nichts zur Sache sagen. Erst müsse sie juristisch abgeklärt werden. Gestern schien alles klar zu sein. „Das ist ein absolutes Novum“, sagt sie, „einerseits geht es um Freiheitsentzug, andererseits muss man das gegen die Ansteckungsgefahr abwägen.“

Absolute Ausnahmefälle zwar, aber für die Kommunen ein Knackpunkt: „Es gab immer mal wieder Meldungen aus den Gemeinden“, so Wessling, „dass einzelne Menschen die auferlegte Quarantäne brechen.“

Doppelt umzäuntes Gebäude

Jetzt können die Ordnungsämter mit dem Quaratäne-Asyl in Westladbergen drohen. „Natürlich nur mit einem Beschluss des Amtsgerichts“, so die Kreissprecherin. Aber damit könnten renitente Quarantäneverweigerer von der Polizei hier einquartiert werden.

Wichtig aus Sicht des Kreises: Es geht um „Kontaktpersonen der Kategorie 1“. Das sind Menschen, die ungeschützten Kontakt mit Corona-Kranken hatten. Kranke gehören hier nicht hin.

Für gewöhnlich erhalten Kategorie-1-Personen eine Verfügung des Kreises, dass sie sich für zwei Wochen in die heimische Quarantäne begeben müssen. Quarantäne heißt dann Hausarrest, ohne Shopping, Joggen und Spaziergänge. Ein Wegschluss, den so mancher für sich sehr gedehnt auslegt.

Das doppelt umzäunte Gebäude in Westladbergen gehört zur CAJ-Bildungsstätte. Früher war es das Wohnhaus des Ladbergener Volksschullehrers. Seit die Schule aufgegeben wurde, nutzt es die CAJ für ihre Teamer.

„Vorausschauende Gefahrenabwehr“

„Fünf Personen können in dem Haus untergebracht werden“, sagt Kirsten Wessling. Auch für sie wird gelten: Kein Kontakt untereinander. Die zwei Wochen hat man sich vorwiegend im eigenen Zimmer aufzuhalten.

Und wer sorgt für Sicherheit und Verpflegung? „Das müssen die betroffenen Kommunen machen“, sagt Wessling. Ohne Sicherheitskontrolle macht natürlich auch ein doppelter Zaun keinen wirklichen Sinn. Auch für die Verpflegung der Menschen in Quarantäne müssen die Ordnungsämter sorgen. In dem Gebäude gibt es schließlich nur eine Küche.

Das Gebäude wurde vom Kreis erst einmal langfristig angemietet. Auch mit Blick auf eine mögliche zweite oder dritte Viren-Welle im Herbst und Winter diesen Jahres. Das Stichwort ist „vorausschauende Gefahrenabwehr“.

Heimlich amüsiert sich mancher Westladbergener schon über die neue Einrichtung. Jetzt habe man schon einen eigenen Flughafen, den Westladbergener Kanalhafen, eine Mühle und ein Hotel: „Und jetzt auch noch ein Gefängnis.“ Viel Ehre für eine Bauerschaft.

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