Digitaler Unterricht in Corona-Zeiten
Konferenz statt Klassenzimmer

GReven -

Lehrer und Schüler müssen sich angesichts der Corona-Beschränkungen umstellen. Digitaler Unterricht kann helfen, den Kontakt zu halten.

Montag, 22.06.2020, 11:32 Uhr aktualisiert: 22.06.2020, 12:00 Uhr
Erdkunde-Lehrer Felix Engelhardt trifft sich mit seinem Kurs in einem virtuellen Raum, um über das Modell einer Biogasanlage zu sprechen.
Erdkunde-Lehrer Felix Engelhardt trifft sich mit seinem Kurs in einem virtuellen Raum, um über das Modell einer Biogasanlage zu sprechen.

13.40 Uhr, die Schüler tauchen auf, einer nach dem anderen. Die Stunde kann beginnen. Und doch ist ihr Erdkunde-Lehrer Felix Engelhardt allein im Raum. Denn sein Kurs hat sich digital zugeschaltet – via I-Serv. Das ist die digitale Lernplattform, die die Grevener Schulen nutzen, um interne Mails zu verschicken, Dokumente zu teilen und inzwischen eben auch, um Telefon- oder Videokonferenzen zu veranstalten. Dank Corona erlebt die Plattform einen Boom. Viele Schüler (und wohl auch einige Lehrer), die vorher nur selten Gast waren, wählen sich inzwischen täglich ein.

Heute also Erdkunde, Jahrgangsstufe 11, die Einführungsphase der Oberstufe. Das Thema ist „erneubare Energien.“ Engelhardt sitzt in einem Arbeitszimmer in der Schule, die Schüler jeweils zuhause, vielleicht in der Küche, oder in ihrem Zimmer, oder sie lümmeln sich auf dem Sofa. Sehen kann man sie nicht, nur hören.

Vor einigen Wochen hatte Engelhardt mit dem Kurs – natürlich auch digital – abgestimmt, wer welches Thema übernimmt. Heute hat eine Schülerin einen kurzen Vortrag zur Funktionsweise einer Biogasanlage vorbereitet. „Eigentlich mache ich da immer gerne Kurzexkursionen, aber das geht ja im Moment leider nicht“, bedauert der Pädagoge. Also bindet er die Schüler auf andere Weise aktiv ein. „Das klappt so ganz gut“, sagt er.

Auch weil die technische Infrastruktur stimmt. „Da muss man der Stadt Greven schon ein großes Kompliment machen, dass sie das angepackt hat“, sagt Ingo Koschinski , Oberstufenkoordinator der Nelson-Mandela-Gesamtschule. Die Plattform I-Serv laufe, das Gebäude sei mit einer guten Leitung und W-Lan ausgestattet. Gute Voraussetzungen. Aber das allein wäre noch nicht viel wert, wenn es nicht geeignete Geräte gäbe, die die Schüler nutzen können. Ab diesem Jahr ist ein iPad für jeden in der Oberstufe obligatorisch. Die EF-Schüler sind die ersten, alle weiteren werden folgen.

Die Apple-Geräte mussten die Eltern für ihre Kinder kaufen, mit Zubehör wurden da schnell 500 Euro fällig. „Man kann das in Raten bezahlen. Und wir haben auch einen Sozialfonds“, freut sich Koschinski über Unterstützung des Fördervereins der Schule. Leider beinhalte der Digitalpakt für Schulen eben keine Endgeräte. Schüler – und ja, auch Lehrer – müssen sich also privat finanziert damit ausstatten.

Die einheitliche Hardware ist Voraussetzung dafür, dass Konferenzen, wie sie Engelhardt gerade veranstaltet, klappen. Die Schüler können nicht nur miteinander und mit ihrem Lehrer sprechen, sondern in einem Präsentationsmodus auch gemeinsam die Grafik einer Biogasanlage anschauen, und mit den entsprechenden Rechten ausgestattet, darin Markierungen vornehmen – quasi ein digitaler Laserpointer.

Dass alle ein iPad haben, findet Engelhardt „super, weil man sich dann keine Gedanken darüber machen muss, ob die Schüler auch passend ausgestattet sind.“ Die Geräte können die Schülerinnen und Schüler auch nutzen, um auf digitale Schulbücher zuzugreifen. Sogar Lernstoff für die Abi-Vorbereitung kann bei Bedarf heruntergeladen werden. Im Grunde schrumpft damit der Inhalt einer Schultasche auf ein Minimum,wenn das gewollt ist. Die iPads enthalten – wenn sie entsprechend befüllt werden – zwar nicht alles, aber schon sehr, sehr viel von dem, was für den Unterrichtsalltag gebraucht wird. „Einige schreiben sogar darauf“, berichtet Koschinski. Das gehe mit einem digitalen „Pencil“, also einen Stift-Ersatz. Das kann, muss aber nicht genutzt werden. Manche setzen auch (noch) auf herkömmliches Papier.

Aber der Trend geht zum Digitalen. „Wir haben das Ende letzten Jahres verabschiedet“, so Koschinski. In der Praxis hake es noch an einigen, wenigen Stellen. „Aber es läuft. Wir setzen es immer professioneller ein und integrieren es in den Unterricht“, sagt der Oberstufen-Koordinator. In den Unis werde das auch immer selbstverständlicher. „Das ist also auch eine gute Vorbereitung für eine akademische Laufbahn. Und auch viele Firmen arbeiten heute so.“

Rein technisch gesehen kappt es also gut. Aber die Geräte sind allein kein Garant für motiviertes, selbst gesteuertes Lernen. „Wenn die Schüler die Aufgaben nicht bearbeiten wollen, kriegen sie die auch mit einem iPad nicht dazu“, sagt Engelhardt. Und die digitalen Möglichkeiten können den Präsenzunterricht allenfalls sinnvoll ergänzen, aber nicht ersetzen. „Schule ganz ohne Face to Face wird schwierig“, sagt Koschinski. „Das meiste läuft eben doch über die Beziehungsebene.“ Während der Corona-bedingten Schulschließung merke man, dass einem die Schüler „ein bisschen verloren gehen. Man baut immer mehr Distanz auf“, bedauert er. „Das selbe melden uns übrigens auch die Schüler zurück“, ergänzt Engelhardt. Sie schätzen, sagt er, die Freiheiten, die das digitale Lernen biete, wollten aber auf den persönlichen Kontakt nicht verzichten. Wohin die Reise geht? Abwarten.

Sicher ist mal dies: Inzwischen kennen sich auch jene mit iServ aus, die bislang keinen Schimmer hatten, wie sie sich einloggen müssen.

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