Wie sich die Schließung des Tönnies-Schlachthofes auf hiesige Mastbetriebe und Sauenhalter auswirkt
Schweine auf Diät

Greven -

Grevener Schweinemäster Matthias Langkamp spürt die Stilllegung der Tönnies-Fabrik in Rheda-Wiedenbrück, obwohl er sein Vieh nicht dorthin liefert.

Donnerstag, 16.07.2020, 11:00 Uhr
Verzeichnen wegen eines Preisverfalls Einnahmeverluste: Die Grevener Landwirte Stephan Schulte-Everding und Matthias Langkamp.
Verzeichnen wegen eines Preisverfalls Einnahmeverluste: Die Grevener Landwirte Stephan Schulte-Everding und Matthias Langkamp. Foto: Katja Niemeyer

An den Tönnies-Schlachthof in Ostwestfalen-Lippe, der wegen eines Corona-Ausbruchs seit Wochen geschlossen ist, liefert der Grevener Schweinemäster Matthias Langkamp sein Vieh zwar nicht. „Zum Glück“, sagt der Landwirt. Andernfalls würde er jetzt erst einmal darauf sitzen bleiben. Dennoch: Die Stilllegung der Tönnies-Fabrik in Rheda-Wiedenbrück spürt auch er. Und zwar im Portemonnaie. „Das ist derzeit ein dickes Minus-Geschäft für mich“, erklärt Matthias Langkamp.

Auf seinem Hof an der Pentruper Straße sind, verteilt auf verschiedene Ställe, insgesamt rund 2200 Plätze für Mastschweine. Matthias Langkamp kauft sie als Ferkel. Zehn bis elf Wochen alt sind sie dann ungefähr. Nach vier Monaten sind die Tiere reif für den Schlachthof. Ein Viehhändler fährt vor und holt sie ab. Es gibt Zeiten, in denen er mehr Geld bekommt für ein Schwein. Und es gibt solche, in denen er wenig bekommt. Manchmal so wenig, dass die Kosten höher sind als der Verkaufserlös.

So wie derzeit. Matthias Langkamp rechnet vor: Rund 90 Euro bezahlte er vor einem Jahr für ein Ferkel. Das Futter, das das Tier im Laufe seines kurzen Lebens fraß, kostete den Bauern rund 65 Euro. Hinzu kamen Tierarzt- und Stallbaukosten sowie diverse andere Ausgaben. Der Verkauf bringt ihm allerdings weitaus weniger ein: bei einem aktuellen Preis von 1,47 Euro pro Kilogramm Schlachtgewicht nämlich nur rund 150 Euro pro Tier, 20 Euro weniger als normalerweise.

Ein Grund für das Minus-Geschäft ist sicherlich, dass Matthias Langkamp die jetzt schlachtreifen Tiere zu einer Zeit einkaufte, als die Ferkelpreise gerade hoch waren. Ein anderer ist aber, dass derzeit so viele Schweine auf dem Markt sind, dass ihr Preis drastisch gesunken ist.

In Spitzenzeiten wurden in dem stillgelegten Tönnies-Betrieb pro Tag 30 000 Tiere getötet und zerlegt. Wenn die Produktion ausfällt, macht sich das bemerkbar. Auch über die Region hinaus. „Wer an Tönnies geliefert hat, sucht sich andere Schlachthöfe“, sagt Matthias Langkamp, dessen Vieh an einen mittelständischen Betrieb am Niederrhein geht. „Das war eine bewusste Entscheidung. Zustände wie sie bei Tönnies herrschen mit einem System von Subunternehmern prangern wir seit Langem an“, ergänzt er.

Aber auch die übrigen Schlachthöfe können den Kapazitätsengpass nicht ausgleichen. Die Tiere, die eigentlich bei einem Gewicht von rund 120 Kilogramm geschlachtet werden, werden dicker und dicker, weshalb mancherorts Diätfutter in die Tröge geschüttet wird. „Rohfaser muss rein, Energie raus“, beschreibt Matthias Langkamp die neue Leitformel für Schweinefutter in Zeiten, in denen Europas größtes Schlachtunternehmen einen Betrieb schließen musste.

„Es gibt einen Rückstau“, sagt Stephan Schulte-Everding , der auf seinem Hof rund 270 Sauen hält, von denen jede im Durchschnitt 30 Ferkel pro Jahr „liefert“. Gestern Nachmittag wurden 140 Ferkel zum Abtransport verladen. Stephan Schulte-Everding ist erleichtert.

Die ist er noch losgeworden. Auch er spürt den Druck, wie er sagt. „Bei den niedrigen Preisen und der Unsicherheit, ob sie die Tiere überhaupt verkaufen können, stallen viele Mastbetriebe derzeit nicht ein“, erläutert der Grevener Landwirt. Er ist froh, dass er zu seinen Abnehmern feste Geschäftsbeziehungen pflegt. Dennoch verzeichnet auch er Einnahmeverluste.

Dabei blickten Bauern wie Matthias Langkamp und Stephan Schulte-Everding noch vor einem halben Jahr optimistisch in die Zukunft. Die Preise hatten sich auf einem vergleichsweise hohen Niveau stabilisiert. Die Grillsaison, in der die Fleischnachfrage naturgemäß in die Höhe geht, stand bevor. „Das einzige, das uns Sorgen bereitete, war die Schweinepest“, erinnert sich Matthias Langkamp. Und dann brach die Corona-Pandemie aus.

 

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