Heilpraktiker aus Greven gesteht
Der Arzt, der keiner war - Prozess eröffnet

Münster/Greven -

Wer heilt, hat recht, sagen Ärzte manchmal. Aber wer kein Arzt ist, darf nicht heilen, wie er will. Er darf zum Beispiel keine verschreibungspflichtigen Medikamente verabreichen. Ein Grevener Heilpraktiker hat einigen Patienten dennoch Mittel gespritzt. Seit Mittwoch muss er sich dafür vor dem Landgericht in Münster erklären. Dabei ist er überzeugt: „Ich hatte nie das Gefühl, ich hätte Menschen geschadet.“

Mittwoch, 29.07.2020, 14:58 Uhr aktualisiert: 29.07.2020, 16:34 Uhr
14 Jahre lang behandelte Heilpraktiker Thomas S. in Greven Patienten. Weil er mitunter auch verschreibungspflichtige Medikamente verabreichte, muss er sich seit Mittwoch vor dem Landgericht in Münster verantworten. Denn ein Arzt ist er nicht.
14 Jahre lang behandelte Heilpraktiker Thomas S. in Greven Patienten. Weil er mitunter auch verschreibungspflichtige Medikamente verabreichte, muss er sich seit Mittwoch vor dem Landgericht in Münster verantworten. Denn ein Arzt ist er nicht. Foto: Gunnar A. Pier

Im Jahr 2000 eröffnete Thomas S. eine Praxis für Psychotherapie, Psycho­somatik und Psychotraumatologie im Grevener Ortsteil Reckenfeld. Neben Gesprächstherapien bot er auch Schmerztherapie an, bestätigte er am Mittwoch vor der 8. Großen Strafkammer des Landgerichts. Dazu gehörte eine Neuraltherapie. „Das gilt als typisches Naturheilverfahren“, erklärte der Angeklagte. Demnach würde ein Lokalanästhetikum an einen Nerv gespritzt, um die Nerven so zu beeinflussen, dass Schmerz gelindert wird. „Der Stich ist oft wichtiger als das Medikament“, betonte der 63-Jährige und sprach von einer „Placebo- oder psychologischen Wirkung“.

So oder so: Das durfte S. nicht. Er ist zwar Heilpraktiker – doch seit dem 1. April 2006 dürfen nur Ärzte die Mittel verabreichen. Damals wurden sie verschreibungspflichtig. Das habe er gewusst, räumte er nun ein. Doch er spritzte weiter. In den Worten der Staats­anwaltschaft ist das „Beibringung von Gift und Verletzung durch ein gefähr­liches Werkzeug“.

Ein langer Lebenslauf

Wie es zu all dem kam, schilderte der falsche Arzt, als er seinen Lebenslauf vorlas. Ein Leben mit vielen ­Stationen: Häufige Umzüge, zwei Ehen, schnell wechselnde Arbeitsstellen. Doch immer tummelte er sich im medizinischen Bereich. So absolvierte er eine Krankenpfleger-Ausbildung in Bocholt, war nach eigenen Angaben Pflegedienstleiter in Gelsenkirchen, baute eine Heilpraktiker-Praxis in Nottuln auf, arbeitete auf der ­internistischen Station der münsterischen Raphaelsklinik und gründete zuletzt die neue Praxis in Greven-Reckenfeld. Auch eine Aus­bildung zum Heilpraktiker schloss er ab – aber eben ohne Approbation.

Der Neuraltherapie wandte er sich schon früh zu. „Er hat das sein Leben lang gemacht“, betonte seine Anwältin. Er sei von der Methode so überzeugt, dass er sich die Mittel auch selbst spritze. „Ich habe immer sehr viel Zuspruch bekommen, sonst hätte ich das nicht gemacht.“

Hausdurchsuchungen im Jahr 2014

2014 flog er auf, bei zwei Hausdurchsuchungen stellten Ermittler unter anderem Computer sicher. Darauf fanden sie die Dokumentation zu 30 Fällen von unerlaubter Medikamenten­gabe, aber auch Rezepte, auf denen sich der Heilpraktiker mit einem Doktortitel schmückte. Und der Lebenslauf, der sich zeitweise im Internetauftritt seiner Praxis fand, deckte sich nicht mit seinen Ausführungen vor Gericht. Ein Abitur war dort ebenso vermerkt wie ein Studium – unter anderem in Massachusetts – und eine Doktorarbeit zur Stoffwechselphysiologie. „Das ist nicht korrekt, ja“, sagte S. am Mittwoch – nachdem er allerdings behauptet hatte, sich selbst nie als Arzt ausgegeben zu haben.

Am Mittwoch nahm Martin S. auf der Anklagebank im Landgericht Platz.

Am Mittwoch nahm Martin S. auf der Anklagebank im Landgericht Platz. Foto: Gunnar A. Pier

Ein Freund verschrieb ihm die Medikamente

In der Praxis war es zuletzt so, dass er die Medikamente von einem befreundeten Hausarzt bekam, um sich selbst zu behandeln. Doch er zweigte Mittel ab, spritzte sie seinen Patienten und stellte sie in Rechnung. Und das offenbar mit gutem Erfolg. So jedenfalls liest es sich in den Patientenakten. Und so betonte es auch seine Anwältin: Aufgrund seiner Erfahrung habe er die Behandlung „sachgemäß und erfolgreich“ durchgeführt.

Approbation

Wer sich in Deutschland „Arzt“ nennen will, braucht eine Approbation. Wichtigste Voraussetzung dafür ist laut  Approbationsordnung  „ein Studium der Medizin von 5500 Stunden und einer Dauer von sechs Jahren an einer Universität oder gleichgestellten Hochschule (Universität). Das letzte Jahr des Studiums umfasst, vorbehaltlich § 3 Absatz 3 Satz 2, eine zusammenhängende praktische Ausbildung (Praktisches Jahr) von 48 Wochen)“. Ärzte müssen auch drei Monate im Krankenpflegedienst gearbeitet und drei Ärztliche Prüfungen bestanden haben.

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"Ein formaler Akt"

Verboten war das seit dem 1. April 2006 dennoch. „Juristisch ist das ein recht formaler Akt“, räumte der Vorsitzende Richter ein. „Es geht hier gar nicht um die Frage, ob Sie das können.“

Am kommenden Donnerstag soll es nach weiteren ­Vernehmungen das Urteil geben. Verfolgt werde nur noch die gefährliche Körperverletzung durch das Setzen der Spritzen, die Gift-Verabreichung sei nach all den Jahren kaum sinnvoll nachzuweisen.

Er praktiziert weiter

Seine Praxis betreibt S. derweil weiter. Aber er beschränkt sich seit Beginn der Ermittlungen auf Psycho­therapie und Paartherapie. „Eine Spritze nehme ich nicht mehr in die Hand.“

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