Neue Heimat Greven
Syrische Flüchtlingsfamilie berichtet: „Wir wollen nirgendwo anders hin“

Greven -

Vor fünf Jahren rüttelte Angela Merkel mit ihrem „Wir schaffen das“-Spruch auf. Wir stellten Flüchtlinge vor, die hart an ihrer Integration gearbeitet haben.

Freitag, 25.09.2020, 16:25 Uhr aktualisiert: 25.09.2020, 21:12 Uhr
Lujean, Thaara und Lauy Faeumy wohnen gemeinsam in Greven. Woanders hin? Das wollen sie nicht und können es sich auch nicht mehr vorstellen.
Lujean, Thaara und Lauy Faeumy wohnen gemeinsam in Greven. Woanders hin? Das wollen sie nicht und können es sich auch nicht mehr vorstellen. Foto: Luca Pals

Ein kleiner Junge spielt Fußball im Garten. wir suchen die Wohnung von Tharaa Faeumy . „Das ist meine Mutter. Komm mit“, sagt er. Freundlich wird der Gast von der Zeitung hereingebeten. Syrische Spezialitäten warten bereits im Wohnzimmer.

„Das ist Halawa-gibna“, erklärt Tharaa Faeumy. Die „typisch“ syrische Gastfreundschaft ist für die Familie selbstverständlich. Ihre Tochter Lujean und ihr Mann Achmed komplettieren die Familie. Gemeinsam wohnen sie in Greven – seit fünf Jahren.

Damals, zu den Hochzeiten der sogenannten „Flüchtlingskrise“ machten auch sie sich von Syrien auf. 22 Tage war die Familie unterwegs, Tharaa Faeumy war damals bereits seit mehreren Monaten schwanger und sagt im Rückblick: „Das war schon eine große Belastung.“

Job von jetzt auf gleich verloren

In der nordsyrischen Stadt Ar Raqqa mussten sie nicht nur ihre Familie hinter sich lassen. Tharaa: „Seine Heimat zu verlassen – das macht niemand freiwillig.“

Die Zustände hatten sie gezwungen: 2010 begann der Krieg, breitete sich im ganzen Land aus und erreichte 2013 die Heimatstadt der Familie. „Der Krieg war schlimm, aber wir haben es geschafft, mit den Zuständen klar zu kommen und damit zu leben“, sagt Faeumy.

Viel schlimmer wurde es 2015: „Da kam der IS und unser Leben wurde komplett auf den Kopf gestellt. Es waren furchtbare Verhältnisse.“

Ihr Mann war Anwalt, er durfte nicht mehr arbeiten, weil die gewohnten gesetzlichen Regeln nun durch die islamische Scharia gesetzt waren. „Der Islamische Staat meint, dass er im Namen unserer Religion handele, aber das hat damit rein gar nichts zu tun“, sagt die ehemalige Grundschullehrerin. Sie verlor von jetzt auf gleich ihren Job: „Die Schulen liefen einfach nicht mehr weiter.“

Das ABC der Grundausstattung

Um sich finanziell auf den Beinen halten zu können, bekam sie Hilfe aus der Familie ihres Mannes. Faeumy erinnert sich: „Spätestens jetzt war aber klar: Wir müssen weg.“

Nach beschwerlicher Reise kamen sie etwa drei Wochen später in einem Auffanglager in der Nähe von Wuppertal an: „Von dort wurden wir nach Greven gebracht. Die ersten Wochen haben wir in Containern verbracht.“

Angst um die Zukunft, Sorge um die eigene Familie und bescheidene Wohnverhältnisse – einprägsame Momente waren dies für Fauemy, für die ein Gespräch mit der Grevenerin Lore Hauschild „alles veränderte.“

Sie erinnert sich noch genau: „Ich war am lernen, Lore kam direkt zu mir und stellte den Kontakt zur Familie Wagner her.“ Die Familie aus Greven kümmerte sich in Windeseile um das ABC der Grundausstattung: Eine eigene Wohnung, die den Auszug aus dem Container ermöglichte, Sprachkurse, bürokratischer Papierkram und die Suche nach Arbeitsplätzen.

Sprachkurse vor Corona-Krise

Während Achmed seinen Lkw-Führerschein macht und in der Logistik tätig ist, geht die Kleinste der Familie in den Kindergarten, Lauy besucht die erste Klasse und Tharaa Faeumy selber ist wohl das, was man ein Sprachgenie nennt: In nur wenigen Wochen brachte sie sich selber die deutsche Sprache bei, ist aktuell auf C1-Niveau – das reicht für ein Hochschulstudium.

In der Flüchtlingshilfe und im Begegnungscafé knüpften sie Kontakte, bauten Freundschaften auf. Tharaa Faeumy: „Die Sprache ist unabdingbar. Menschen, die nach Deutschland kommen, müssen die Sprache lernen. Sie ist der Schlüssel für alles.“

Bis kurz vor Corona gab sie Sprachkurse in Deutsch, nun will sie sich bei der VHS bewerben und spricht für ihre ganze Familie, wenn sie sagt: „Erst waren wir unsicher, ob eine eher kleinere Stadt wie Greven gut für uns ist. Aber wir lieben Greven und wollen nirgendwo anders hin.“

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