Corona-Pandemie
Kinderärzte befürchten überfüllte Praxen wegen simpler Erkältungen

Greven/Reckenfeld -

Der Herbst ist da und mit der nasskalten Jahreszeit halten wieder vermehrt Schnupfen, Husten, Heiserkeit Einzug. Mitten in der Corona-Pandemie könnte in den kommenden Monaten bei Erkältungssymptomen gleich der Notstand ausgerufen werden. Kinder- und Jugendärzte schlagen jedenfalls schon jetzt Alarm. Sie befürchten einen Patientenansturm, dem die Praxen nicht gewachsen sind.

Montag, 28.09.2020, 21:45 Uhr aktualisiert: 28.09.2020, 21:55 Uhr
Nur ein harmloser Schnupfen? Diese Frage dürfte in den kommenden Monaten viele Familien umtreiben. Kinder- und Jugendärzte befürchten schon jetzt überfüllte Praxen.
Nur ein harmloser Schnupfen? Diese Frage dürfte in den kommenden Monaten viele Familien umtreiben. Kinder- und Jugendärzte befürchten schon jetzt überfüllte Praxen. Foto: adobe.stock

Dr. Gregor Sonntag , Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin in Greven, hat schon jetzt fast jeden Tag mit der Problematik zu tun. „Aber das ist absolut nicht sinnvoll und auch für uns nicht durchführbar“, sagte er auf Anfrage. „Diese Arbeit können wir nicht leisten.“

Was die Kinder- und Jugendärzte umtreibt, ist der Umgang mit Erkältungskrankheiten. Die Schülerinnen und Schüler sollten jetzt wegen eines leichten Schnupfens zu Hause bleiben. Das Ministerium für Schule und Bildung des Landes NRW hat dazu ein Schaubild zur Vorgehensweise bei Erkältungssymptomen veröffentlicht , das viele Schulen auf ihre Internetseiten importiert haben.

Arzt soll über Corona-Test entscheiden

Danach sollen Kinder mit Schnupfen 24 Stunden zu Hause bleiben. Tritt danach Besserung ein und keine anderen Symptome auf, dürfe es wieder in die Schule. Wenn sich die Situation nicht bessert und/oder es zusätzliche Anzeichen für eine Erkrankung gibt, solle ein Arzt kontaktiert werden.

Deutschland vor dem Corona-Herbst

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  • Jede Stadt, jeder Ort kann zum Corona-Hotspot werden - wie jetzt Bad Königshofen in Unterfranken, Sulzdorf in Hohenlohe oder Hamm in Nordrhein-Westfalen. Und in den Großstädten mit ihren Bars, vollen Parks und Bürgersteigen können die Menschen dem Virus erst recht nicht so einfach aus dem Weg gehen.

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  • Bei Deutschlands westlichem Nachbarn Frankreich gingen die Zahlen zuletzt stark hoch. Für den östlichen Nachbarn Tschechien könnte wegen steigender Zahlen sogar eine Reisewarnung fürs ganze Land ausgesprochen werden. Wie stark hat die Pandemie Deutschland zum ausgehenden Sommer im Griff?

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  • Was steht den Menschen nun bevor?

    Behörden und Mediziner stellen sich seit längerem darauf ein, dass sich das Virus wieder rascher ausbreiten könnte und auch gefährdeten Menschen wie Älteren und Kranken näher kommt - daher gibt es immer wieder Appelle zu Abstand und Hygiene. Politik und Bürger hätten es in der Hand, „ob sich die Infektionszahlen wieder unkontrolliert ausbreiten“, lautet die Ansage der Bundesregierung. Und die Phase jetzt sei entscheidend für die Entwicklung im Herbst und im Winter. Dabei ist der generelle Krisenmechanismus zwischen Bund und Ländern klar vereinbart: Toppt eine Region die Schwelle von 50 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner binnen einer Woche, soll direkt vor Ort gegengesteuert werden. 

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  • Warum gibt es in einzelnen Orten besondere Probleme?

    Etwa wegen privater Feiern. Beispiel Bad Königshofen: Mindestens 17 Menschen infizierten sich auf einem Hochzeitsfest. Keine zehn Tage später werden alle Schulen und Kitas in der Kleinstadt geschlossen. Im Ort Schwäbisch Hall-Sulzdorf war es eine Geburtstagsfeier, nach der 14 Menschen positiv getestet wurden. Was bei Partys in ländlichen Regionen gilt, gilt in Metropolen genauso: Enge, Tanzen, Alkohol, lauteres Reden bei lauter Musik steigern das Infektionsrisiko. „Gerade beim Feiern, bei Geselligkeit übertragen sich Viren generell, aber dieses Virus eben besonders deutlich schneller“, mahnte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) in der ARD.

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  • Wo gibt es aktuell wieder strengere Maßnahmen?

    Maskenpflicht auf einigen Plätzen und Straßen, Beschränkung auf fünf Menschen bei Treffen im Stadtgebiet, außer mit engen Verwandten - so reagiert München ab diesem Donnerstag. Generell gelten in besonders betroffenen bayerischen Kommunen nun eine Pflicht zum Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung und ein Alkoholverbot auf stark frequentierten Plätzen. In Hamm in NRW greift wieder Maskenpflicht im Unterricht an weiterführenden Schulen, in Remscheid eine Maskenempfehlung füs ganze Stadtgebiet. Zur Bewährungsprobe wird der Corona-Herbst auch wieder für die Ministerpräsidenten - Markus Söder (CSU) in Bayern und Armin Laschet (CDU) in NRW stehen dabei besonders im Blick, gelten sie doch als mögliche Anwärter auf die nächste Kanzlerkandidatur der Union.

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  • Warum könnten die Zahlen im Herbst weiter steigen?

    Zuletzt waren es vor allem Reiserückkehrer aus dem Ausland, die für viele Infektionen sorgten. Wenn nun das warme Sommerwetter endet, ist es nicht mehr so einfach, in geschlossenen Räumen Abstand zu halten. Vor allem wenn sich Leute weiterhin treffen möchten, wie sie es im Sommer draußen gewohnt waren. Ohnehin warnen Ärzte seit Wochen vor einem Zusammentreffen von Pandemie und Grippesaison. Immer wichtiger wird das Lüften - doch in Gebäuden ohne große Fenster sind die Menschen auf Klimaanlagen angewiesen. Aufmerken lässt da der Hinweis in einer Regierungsempfehlung: Notfalls sollten Filter oder Vorrichtungen zur Desinfektion in Klimaanlagen eingebaut werden - aber gar nicht jede Anlage lasse sich so rasch nachrüsten.

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  • Was tut die Politik noch?

    Mahnen und Maßnahmen koordinieren. Söder etwa sagt: „Die Zahl derer, die über Leichtsinn sich infizieren, wächst.“ Spahn rät Verzicht auf Auslandsurlaube im Winter: „Ich denke, man kann auch in Deutschland einen schönen Urlaub verbringen.“ Der Abstimmung des weiteren Kurses sollen Beratungen von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und der Ministerpräsidenten am kommenden Dienstag dienen. Offen ist auch der Umgang mit Großveranstaltungen - in einigen Fußballstadien dürfen schon wieder Fans in begrenzter Zahl auf die Ränge. Rückkehrer aus Risikogebieten sollen sich einer möglichen Quarantäne nicht mehr so einfach durch falsche Angaben entziehen können - hier soll die Bundespolizei kontrollieren. An diesem Mittwoch zieht die Regierung auch eine Zwischenbilanz zur neuen Corona-Warn-App für Smartphones.

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  • Was sagen Virologen?

    Der Charité-Professor Christian Drosten hilft nach eigenen Angaben derzeit, Corona-Schnelltests im Herbst auf die Straße zu kriegen. „Ich würde mir wünschen, dass so wie jetzt die Masken in den Pfützen schwimmen, im Spätherbst die Teststreifen der Schnelltests dort liegen, sie also so verbreitet wären, dass sie direkt zur Kontrolle der Epidemie beitragen können“, sagt er dem „Tagesspiegel“. Auch bei der Bundesregierung steht das im Fokus - Schnelltests und verstärkt Tests bei Risikogruppen und im Gesundheitswesen. Auch spezielle Sprechstunden und regionale „Fieberambulanzen“ sollen helfen, bei Tests Infektionsrisiken zu minimieren.

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Dr. Arnold Freund , Sprecher des Qualitätszirkels der Kinder- und Jugendärzte im Kreis Steinfurt, hält diese Regelung für realitätsfremd. „Nach 24 Stunden ist kein Schnupfen weg. Wenn Kinder nicht ernsthaft krank werden, will sie keiner in der Praxis sehen.“ Auch Dr. Gregor Sonntag kann nur den Kopf schütteln. Nach dieser Maßgabe würden alle betroffenen Eltern gezwungen, zum Arzt zu gehen. „Wie sollen wir das bewältigen?“

Laut Schulministerium soll der Arzt entscheiden, ob ein Corona-Test gemacht wird. „Das macht bei einem Schnupfen gar keinen Sinn“, kritisiert Freund. Nach seiner Einschätzung werden „die allermeisten“ Kinder und Jugendlichen mit Erkältungssymptomen kein Corona haben. Wenn jedoch nicht negativ getestet werde, müssten die Betroffenen 14 Tage in Quarantäne bleiben. „Irgendwann ist die Schule ganz leer. Dann kann man gleich wieder Homeschooling machen“, meint der Rheiner Kinderarzt.

Und überhaupt: „Das Risiko für kleine Kinder bei Corona einen schweren Verlauf zu haben, ist äußerst gering“, sagt Dr. Gregor Sonntag. Trotz allem wollen Eltern bei den kleinsten Erkältungs-Anzeichen einen Corona-Test machen lassen.

Hoffnung auf schnelle Verfügbarkeit eines Impfstoffes hält sich in Grenzen

Das vom Schulministerium veröffentliche Schaubild wird zum Beispiel auch auf der Homepage des Grevener Gymnasiums gepostet. Nach der Vorgabe würden Eltern genötigt, ihr Kind entweder von sich aus testen zu lassen oder es nicht mehr zur Schule zu schicken. Ein anderer Weg sei nicht vorgegeben.

Freund wünscht sich eine „pragmatische und realitätsnahe Lösung, die auch umsetzbar ist.“ Bestenfalls orientiere sich diese an der Stellungnahme der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin. Danach werde der Gang zum Arzt empfohlen, wenn mehr als zwei Tage ein reduzierter Allgemeinzustand des Kindes, mehr als 38,5 Grad Fieber, Bauchschmerzen und schwerer Husten zu beobachten seien.

„Im Moment dominiert die Angst“, sagt Freund. Dies gelte es in den kommenden Monaten zu mindern, wenngleich er da angesichts des „vielschichtigen Themas“ skeptisch klingt. So gibt der Sprecher des Qualitätszirkels der Kinder- und Jugendärzte zu bedenken, dass bei einer Ausweitung der Tests ebenso mit einer Zunahme falsch-positiver Ergebnisse zu rechnen ist.

Und auch die Hoffnung auf die schnelle Verfügbarkeit eines Corona-Impfstoffes hält sich bei ihm in Grenzen. „Die meisten Experten sagen, dass es viele Forschungsansätze gibt und einer schon zum Ziel führen wird. Das kann aber noch drei, vier Jahre dauern“, sagt Dr. Arnold Freund.

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