Serie: Menschen mit Fluchterfahrungen
Das Segel anders setzen

Greven -

Das Sprichwort „Man kann den Wind zwar nicht ändern, aber die Segel Anders setzen“ ist das Lebensmotto für den Lehrer aus Syrien.

Mittwoch, 14.10.2020, 11:30 Uhr aktualisiert: 16.10.2020, 10:16 Uhr
Zu Anneliese Bussmeier (links) sagen die Töchter Heivy und Helin schon liebevoll „Oma.“ Der kleine Ahmad (drei Jahre jung) versteckt sich noch ein bisschen schüchtern hinter Vater Amar Al Ali Alahmed
Zu Anneliese Bussmeier (links) sagen die Töchter Heivy und Helin schon liebevoll „Oma.“ Der kleine Ahmad (drei Jahre jung) versteckt sich noch ein bisschen schüchtern hinter Vater Amar Al Ali Alahmed Foto: Luca Pals

Amar Al Ali Alahmed war Lehrer in Syrien. In Deutschland will er weiter mit Menschen auch beruflich zu tun haben: „Der Kontakt zu den Leuten – das reizt mich an dem Beruf.“ Lehrer in Deutschland zu werden, das wird zwar erst einmal nichts. Ein Studium der Sozialen Arbeit in Münster bringt nun aber frischen Wind.

Dass der stolze Vater von drei Kindern aus akademischen Kreisen kommt, merkt man schnell. Ein Sprichwort hat er auch auf Lager, für ihn ist es ein Lebensmotto geworden: „Man kann den Wind zwar nicht ändern, aber die Segel anders setzen.“ Genau das tat der gebürtige Syrer Ende 2015.

Innerhalb von 17 Tagen flüchtete er von Syrien nach Deutschland. Die Stationen eines langen und schweren Weges: Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn, Österreich und schlussendlich Deutschland.

Alleine musste er sich auf den Weg machen – auf den Weg in eine bessere Zukunft. Hinter sich ließ er in diesem Moment Krieg, Terror und Zerstörung in der alten Heimat. Aber auch zunächst einmal – seine Familie.

Im Gespräch sagt er: „Das war sehr hart. Ich hatte auch immer sehr viel Angst um sie, als sie später ebenfalls nach Deutschland geflohen sind.“

Am 15. September 2015 betrat er in Mönchengladbach erstmals deutschen Boden, seine Frau mit den beiden Töchtern folgten im März 2016. Medya Dawood erinnert sich: „Wir waren mit 40 Personen auf einem Boot. Wir hatten sehr viel Angst.“ Mit einer Gruppe Mütter und Kindern war sie unterwegs. „Unser Weg nach Deutschland war nicht mehr so schwierig, wie der meines Mannes. Viele Ehrenamtliche haben uns auf dem Weg begleitet und unterstützt“, sagt sie. Sohn Ahmad, jetzt drei Jahre alt, kam in Deutschland zur Welt.

Damit, dass er sprichwörtlich die Segel anders setzte, eröffnete sich Al Ali Ahamed die Aussicht auf eine bessere Zukunft.

Dass es auch in Deutschland zahlreiche hilfsbereite Menschen gibt, erfuhr er direkt auf der ersten Zugfahrt: „Ein netter Mann hat mir geholfen, ein Ticket zu ziehen.“

Bei dieser Hilfe blieb es nicht: Regelmäßig besuchte er die gemeinsamen Treffen der Flüchtlingshilfe in der Karderie in Greven, nahm später Frau und Kinder mit.

Anneliese Bussmeier, die stets bei den Treffen dabei war, erinnert sich: „Wir haben mit den Kindern gespielt, mit den Erwachsenen Gespräche geführt – es war immer eine sehr lustige und lockere Runde.“ Eine Runde, in der die Neu-Grevener gut ankamen, Bussmeier und Heide Fechner nahmen die Patenschaft für die Familie auf. Bussmeier: „Ich wollte einfach dabei sein, wenn geholfen werden kann.“

Während die Kinder die Grundschule und den Kindergarten besuchen, belegt Medya Dawood einen Sprachkurs: „In etwa drei Wochen werde ich es geschafft haben.“ Die Prüfung für das Sprachniveau B1 steht dann an. Ihr Mann hat bereits eine C1-Prüfung mit fachspezifischen Begriffen abgelegt: „Die braucht man für die Uni“, sagt er. Wegen Corona beginnt das Semester an der katholischen Fachholschule einen Monat später, das Studium der Sozialen Arbeit wird aktuell mit Besuchen in sozialen Einrichtungen wie der Obdachlosenhilfe in Münster vorbereitet: „Wir besuchen verschiedene Einrichtungen und schauen uns an, wie gearbeitet und den Menschen geholfen wird.“

Für den Beruf des Lehrers, den er im Fach Kunst zehn Jahre im Norden Syriens ausgeübt hat – reichte die Ausbildung aus dem alten Heimatland nicht: „In Deutschland muss man zwei Fächer haben. Ich hatte aber nur eines.“ Durch verschiedene Praktika in Grevener Schulen bekam er aber einige Einblicke und sagt: „In Syrien haben wir viel über die Politik im Land gesprochen, hier lernen die Kinder in vielen Bereichen wichtige Dinge und können sich besser entfalten.“

Das gilt nun wohl auch für ihn und seine Familie.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7631469?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F105%2F168%2F
Nachrichten-Ticker