Kolja Simons ungewöhnlicher Auftritt im Bunker 2
Der mit den Yakbullen und Maschinen singt

Saerbeck -

Also, wenn normalerweise jemand mit Hammer und Sägen auf die Bühne tritt, glaubt man an den Handwerker. Bei Kolja Simon waren es echte Instrumente

Montag, 19.10.2020, 06:00 Uhr
Ein ungewöhnliches Klangerlebnis bot Kolja Simon. Sägeblätter und ein Hammer entpuppen sich dabei als Instrumente.
Ein ungewöhnliches Klangerlebnis bot Kolja Simon. Sägeblätter und ein Hammer entpuppen sich dabei als Instrumente. Foto: Hans Lüttmann

Von der Speismühle Singen lernen? Mit Yakbullen grunzen und blöken, mit Tibet-Mönchen chanten und im Chor der Kompressoren, Trecker und Kreissägen trällern? Man mag das abseitig finden – solange man noch nichts von Kolja Simon gehört hat, der genau das gelernt und zu faszinierenden Hörerlebnissen verfeinert hat.

Am Samstag gab er ein betörend-fabulöses Konzert im Bunker 2, in dem noch bis zum Ende des Monats Jörg Madleners „Kassandra“-Ausstellung zu sehen ist.

Kolja Simons Art zu singen bedient sich verschiedenster Kehlgesang-, Unter- und Obertontechniken, die sich der Bielefelder in seinen wechselnden Jobs als Schäfer, Bauer, Maurer und Zimmermann durch viele inspirierende Naturgeräusche und faszinierende technische Geräte angeeignet hat.

So begann der heute 47-Jährige schon in seiner Kindheit, mit Maschinen zu singen und deren vielschichtige Geräusche und Harmonien herauszufiltern.

Später, als Logopäde, lernte er auch die anatomischen Strukturen und Funktionen kennen.

Er konzertiert und doziert in verschiedensten Konstellationen gerne in akustisch interessanten Orten – wie jetzt in einem Bunker im Bioenergiepark.

Ein seltsame Konzertkulisse bot sich den Zuhörern an diesem herbstkühlen Morgen hinter natogrünen Bunkermauern: ein in sich gekehrter Mann brummt abgrundtiefe Töne und begleitet sich mit einem Hammer, den er gegen aufgehängte Kreissägeblätter schlägt. Aber er brummt nicht nur, er flötet, bläst und schnurrt, er gnarzt und schnarrt und grollt – und hat doch nur das Sägeblatt, den Hammer und vor allem: seine Stimme, mit der er – man muss es gehört haben, um es zu glauben – zwei- und sogar dreistimmige Laute von sich gibt.

Mit einem Schlag sah man sich weit in die Zeit zurückversetzt, nach Tibet vielleicht oder in die Mongolei, an ein Lagerfeuer, in ein Zelt oder einen Tempel, irgendwohin also, wo geheimnisvolle Rituale und existenzielle Befindlichkeiten aus ganz tief bewegter Seele aufsteigen.

Doch in Kolja Simons für unsere Ohren seltsam fremder Musik schwingt Wärme, Harmonie, Sanftmut und Schönheit mit und lässt die Zuhörer träumen vom völligen Einklang der Musik mit der Natur, einer Musik, die nach Entspannung und Makellosigkeit zu streben scheint.

Wie eine Meditation wirkt der Gesang, dessen ausschweifende Tonwellen sich langsam wie Windgewisper, dann wieder anschwellend bis zu metallisch derbem, sonorem Schamanen-Klang im Raum verbreiten – und die Zuhörer ein Weilchen brauchen, um sich selber aus dieser ganz und gar ungewöhnlichen Musikreise heftigst applaudierend wieder ins Hier und Jetzt zurückzuklatschen.

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