Kreismedizinaldirektor Dr. Karlheinz Fuchs über Personal, klare Regeln und Reisebeschränkungen
Den Lockdown verhindern

Greven/Saerbeck -

Dr. Fuchs erläutert die Vorgehensweise bei der Pandemie-Bekämpfung und wagt einen Blick in die Zukunft.

Montag, 19.10.2020, 12:00 Uhr aktualisiert: 23.10.2020, 13:17 Uhr
Dr. Karlheinz Fuchs ist leitender Kreismedizinaldirektor des Kreises Steinfurt.
Dr. Karlheinz Fuchs ist leitender Kreismedizinaldirektor des Kreises Steinfurt. Foto: Dorothea Böing, Kreis Steinfurt

Die Zahl der Neuinfektionen innerhalb der letzten sieben Tage pro 100 000 Einwohnern (die sogenannte 7-Tage-Inzidenz) lag am Freitag für den Kreis Steinfurt bei 33. Aktuell befinden sich 193 Infizierte in der Isolierung. Im Interview mit Redakteurin Sabine Plake erläutert Dr. Karlheinz Fuchs , leitender Kreismedizinaldirektor Kreis Steinfurt, die Vorgehensweise bei der Pandemie-Bekämpfung und wagt einen Blick in die Zukunft.

 

Warum ist der Kreis bislang in der Covid-19-Eindämmung so erfolgreich?

Dr. Karlheinz Fuchs: Das ist eine gute Frage. Von Anfang an haben wir als Kreisverwaltung die Pandemie-Bekämpfung sehr hoch priorisiert und vor allem alle kreisangehörigen Städte und Gemeinden wie auch die Akutkrankenhäuser im Kreis mitgenommen – diese Zusammenarbeit war stets getragen von dem gemeinsamen Ziel der Pandemiebewältigung. Alle hatten immer den gleichen Sachstand. Wir sprachen und sprechen mit einer Stimme. Zudem haben wir sehr viel Personal eingesetzt in allen Bereichen mit Aufgaben in der Pandemiebekämpfung. Allein beim Kreis waren zu Hochzeiten der ersten Pandemiewelle bis zu 330 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sieben Tage die Woche bis zu 20 Stunden pro Tag im Einsatz. Das war im Vergleich schon herausragend. Gebündelt bis heute haben wir knapp 32 000 Kontaktpersonennachverfolgungen durchgeführt, 13 500 Menschen sind in Quarantäne gegangen. Wir hatten in der Summe mehr als 2000 positiv Getestete im Kreis Steinfurt, die isoliert wurden. Zudem haben wir besondere Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der Arbeitsfähigkeit in der Altenpflege und im Krankenhaus ergriffen, unter anderem das Mittel der Arbeitsquarantäne.

Liegt es auch ein wenig an den Menschen hierzulande?

Fuchs: Sicherlich hat das auch etwas mit unserem ländlich strukturierten Raum zu tun. Zudem haben wir in der Pandemie-Bekämpfung deutlich weniger mit teils herausfordernden sprachlichen oder auch kulturellen Barrieren zu tun, als dies zum Beispiel in den Ballungsgebieten der Fall ist.

Glauben Sie, dass der Erfolg über den Winter gehalten werden kann?

Fuchs: Wir werden alle unsere Kräfte bündeln und werden viel Personal in die Schlacht schicken müssen. Dazu werden wir in Übereinstimmung mit den Empfehlungen des Landes mehr externes Personal befristet einstellen – auch um das eigene Bestandspersonal zu entlasten, das ja seine originären Aufgaben in der Kreisverwaltung für die Bürger im Kreis Steinfurt parallel weiterführen muss. Für die Pandemie-Bekämpfung werden sogenannte Containment-Scouts (Anmerk. d. Red: medizinisch geschultes Personal) eingestellt. Nach wie vor gilt unsere Priorität dem Ziel, Infektionsketten zu finden und zu unterbrechen. Dazu stellen wir 28 Containment- Scouts ein. 20 sind schon da und werden derzeit für ihre Aufgabe geschult. Acht weitere treten in Kürze ihren Dienst an.

Ist das bisherige Arbeitspensum weiter leistbar?

Fuchs: Wir müssen die Pandemieentwicklung abwarten. Ich könnte mir vorstellen, dass auch wir an Grenzen kommen werden. In den ersten Wochen der Pandemie haben wir hier teilweise im Krisenstab auf Feldbetten geschlafen, da es sich nicht mehr lohnte, für drei oder vier Stunden am Tag nach Hause zu fahren. Einige Mitarbeiter haben bis zu 1000 Überstunden und mehr aufgebaut, unter anderem gilt das auch für mich. Auf der anderen Seite ist der Kreis personell und strukturell gut und stark aufgestellt. Wir haben 1400 Mitarbeiter, und es gibt eine klare Weisung des Landrats: Die Pandemiebekämpfung ist aktuell die Primäraufgabe der Kreisverwaltung. Aber wenn man sich die Steigerungsraten anschaut, dann sind einige Kommunen in NRW schon wieder da, wo wir zum bisherigen Höchststand der Pandemie im April waren. Und wir hinken in unseren Messergebnissen aus infektionsepidemiologischen Gründen ja immer zehn Tage hinter der Entwicklung hinterher.

Wie stehen Sie zu Reisebeschränkungen?

Fuchs: Mal ehrlich. Die Inkubationszeit von SARS-CoV-2 beträgt bis zu 14 Tage. Die Krankheit bricht am häufigsten zwischen Tag fünf und sieben nach der Infektion aus. Wenn ich mich heute anstecke, morgen den – dann noch negativen – Test mache und übermorgen fahre – was bringt das für meinen Gastgeber am Reisezielort, wenn ich dann vor Ort dennoch erkranke? Das ist nicht zielführend – zugleich können wir die Menschen ja nicht dauerhaft einsperren. Ich appelliere hier an den gesunden Menschenverstand jedes Einzelnen. Reisen sollte man dürfen – dann aber mit Maß, Sinn und Verstand und unter konsequenter Nutzung aller bekannten Maßnahmen.

Wie sind die Zahlen derer, die mit schweren Verläufen in den Kliniken behandelt werden?

Fuchs: Darüber bekommen wir für den Kreis Steinfurt momentan montags, mittwochs und freitags jeweils aktuelle Meldungen aus den Krankenhäusern. Nach dem Stand von Montag sind 24 Patienten aktuell stationär, 20 liegen auf Covid-19-Normalstation, vier auf der Covid-Intensivstation, drei werden beatmet. Generell ist es so, dass Covid-19 bei etwa 80 Prozent der Infizierten einen asymptomatischen bis milden Verlauf nimmt, 20 Prozent kommen mit schwereren Symptomatik ins Krankenhaus, davon etwa ein Drittel auf die Intensivstation und davon wird etwa die Hälfte beatmungspflichtig.

Müssen die Gesundheitsämter künftig wieder personell aufgestockt und ausgebaut werden?

Fuchs: Ja, definitiv. Der öffentliche Gesundheitsdienst (ÖGD) ist seit vielen Jahren geschrumpft, nicht nur im Kreis Steinfurt, sondern nahezu überall. Die bestehenden gesetzlichen Aufgaben des ÖGD sind mit der aktuellen Personalausstattung der Gesundheitsämter kaum noch zu bewältigen. Dabei gehört der Infektionsschutz für die Bevölkerung zu den wesentlichen Kernaufgaben eines öffentlichen Gesundheitsdienstes. Aber der Wiederausbau des ÖGD wird ja schon geplant – dazu gehört innerhalb des neuen bundesweiten Paktes für den öffentlichen Gesundheitsdienst auch eine Attraktivitätssteigerung, zum Beispiel hinsichtlich Entlohnung, Fortbildungsmöglichkeiten und sogenannten soft factors wie flexiblen Arbeitszeitmodellen.

Was ist Ihnen wichtig?

Fuchs: Bitte unterstützen Sie alle uns als Pandemie-Bekämpfungsbehörde durch die Nutzung des gesunden Menschenverstandes – Sie alle sind mitverantwortlich für den weiteren Verlauf der Pandemie. Bitte verinnerlichen Sie alle die fünf Buchstaben C, A, H, A, L, die für die Nutzung der Corona-WarnApp, das Abstandhalten, die Hygienevorgaben, das konsequente Tragen von Alltagsmasken und das ausreichende Lüften von Innenräumen stehen. Sie schützen damit nicht nur sich selbst, sondern auch Andere und ermöglichen dadurch vor allem auch den niedergelassenen Ärzte und Krankenhäusern im Kreis Steinfurt, die mit hoher Empathie seit Langem wirklich Großes leisten, ihrem Auftrag der ambulanten und stationären medizinischen Bevölkerungsversorgung weiter ausreichend nachkommen zu können.

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