Die Familie Yaman ist als Gülen-Anhänger aus der Türkei geflohen
Nur eine Demokratie kann helfen

Saerbeck -

Ohne Demokratie in der Türkei gibt es kein zurück. Für die turkische Lehrerfamilie, die Asyl in Saerbeck gefunden hat, steht das fest. Sie sind Anhänger der Gülen-Bewegung

Montag, 02.11.2020, 06:00 Uhr
Sohn Mazhar und Tochter Semra sind der ganze Stolz von Vater Fethullah Yaman. Seine Frau Havva wollte aus persönlichen Gründen nicht mit auf das Bild.
Sohn Mazhar und Tochter Semra sind der ganze Stolz von Vater Fethullah Yaman. Seine Frau Havva wollte aus persönlichen Gründen nicht mit auf das Bild. Foto: Luca Pals

„Wir setzen uns für Toleranz, Chancengleichheit und Menschenrechte ein“, sagt Fethullah Yaman . Seine Frau Havva ergänzt: „Und darum mussten wir fliehen.“ Gebürtig kommt die Familie Yaman aus der Türkei, seit Sommer 2017 leben die Eltern mit ihren Kindern Mazhar (10) und Semra (6) in Saerbeck. Hier fühlen sie sich wohl, hier haben sie eine neue Heimat gefunden – und im Gespräch mit unserer Zeitung viel zu erzählen.

Vater und Mutter sind Mitglieder der oppositionellen Gülen-Bewegung: „Wir setzen uns schon seit vielen Jahren für wichtige Werte ein, die unsere Gesellschaft bereichern und die wir brauchen. Zum Beispiel auch für die Gleichberechtigung von Frauen und Männern. In der Türkei wird das kritisiert.“

Ihr Studium absolvierten die beiden Eltern in der Türkei, lebten in der vier Millionen Einwohner Stadt Izmir an der Grenze zu Griechenland. Für mehrere Jahre reisten sie in die USA, konnten dort ihrer Arbeit weiter nachgehen.

„Wir wollten mehr von der Welt sehen und wurden durch diese Jahre sehr geprägt“, sagen sie. Zurück in die Türkei wollten sie bereits damals nicht mehr: „Die Türkei hat sich sehr verändert. Seit etwa 2013 haben es Menschen wie wir, die nicht der Linie der Regierung folgen, sehr schwer.“ Sie konnten ein Visum in Kasachstan beantragen: „Dieses lief aber 2017 aus“, erklärt Havva Yaman.

Nach Druck der türkischen Regierung, so erklären es die beiden, hätte es dazu kommen können, dass Kasachstan für türkischstämmige Bewohner nicht verlängert. Dann hätte die Familie wieder in die Türkei zurück gemusst. Dort waren sie zuletzt in einem Urlaub im Sommer 2015 gewesen, nun sagen sie: „Wenn wir jetzt in die Türkei reisen, werden wir festgenommen – zu 100 Prozent.“

Sie haben noch Kontakt zu Verwandten vor Ort und wissen bestens Bescheid. Fethullah Yaman erklärt: „Nicht nur Menschen von der Gülen-Bewegung, eigentlich alle, die sich gegen die Regierung stellen, werden Probleme bekommen. Seit dem Putsch 2016, den wir nur ein Theater nennen, kann Präsident Erdogan machen, was er will.“

Die Diskussion um die Einführung der Todesstrafe, die Ungerechtigkeit durch die Justiz und die Zensur der vermeintlich freien Presse – all dies sind für die Familie Indizien für den demokratischen Verfall der Türkei.

„Hier in Deutschland haben es die Menschen sehr gut“, sagt Fethullah und appelliert, „die einzige Möglichkeit zur Verbesserung der aktuellen Lage in der Türkei ist das Entstehen einer Demokratie.“

Durch die Nachrichten und den Kontakt zu Verwandten und Freunden in der alten Heimat bleiben sie stets auf dem Laufenden. Nur ein paar Beispiele: „Vor Kurzem wurden 75 Personen verhaftet. Nur weil sie die Situation ihren inhaftierten Freunden im Gefängnis verbessern wollten.“ Oder: „Es sind so viele Unschuldige im Gefängnis: 800 Babys bis sechs Jahre sind mit ihren Müttern in der Türkei hinter Gitter. Das ist ein Desaster für unser Land.“

Vater Fethullah sagt: „Es ist natürlich unser Heimatland. Das wird es immer bleiben. Umso trauriger ist es, wenn man diese Nachrichten hört: Jeden Tag passiert etwas Schlechtes.“

In Deutschland indes hat sich die Familie sehr gut eingelebt. Das C1-Sprachniveau haben beide Elternteile in einem Sprachkurs belegen können: „Zu Anfang haben wir gar kein Deutsch gekonnt. Viele Freunde und Nachbarn haben uns geholfen und den Start sehr vereinfacht.“ Während die beiden Kinder noch die Grundschule besuchen, arbeitet Mutter Havva Erdal als Schulbegleiterin in Rheine und Vater Fethullah ist Lehrer für Mathematik und Physik an der Gesamtschule in Saerbeck.

Nebenbei sind beide ehrenamtlich tätig: Im Sprachcafé, der Schreibwerkstatt und vielem mehr vereinfachen sie den Einstieg für Menschen, die ebenfalls ein neues Leben in Deutschland aufbauen wollen.

Einen Haken hat die Geschichte aber: Für drei Jahre hat die Familie eine Aufenthaltserlaubnis. Wenn diese ausläuft, muss sie verlängert werden. Einen langfristigen Aufenthalt erreichen sie nur mit einer Niedererlassungserlaubnis.

„Da ist vieles noch nicht sicher“, sagt Fethullah Yaman. Sicher ist, dass sie alles dafür tun, sich bestmöglich in Deutschland zu integrieren.

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