Langeweile-Killer: alltägliche Dinge neu entdecken
Die Kunst des Geschirrspülens

Greven -

Er spült. Gegen die Corona-Langeweile. Eine besondere Form der Meditation. Hier sagt ein Jünger der Spülkunst, was der Reiz dieser verschmähten Haushaltstechnik ist, die manche eklig finden.

Sonntag, 04.04.2021, 10:00 Uhr aktualisiert: 04.04.2021, 16:34 Uhr
Ganz allein mit seinen Gedanken, Musik und warmen Händen am Spülbecken: Günter Benning
Ganz allein mit seinen Gedanken, Musik und warmen Händen am Spülbecken: Günter Benning Foto: bn

Spülen ist nicht sexy. Wer würde das bestreiten? Ich kannte Gastschüler, die ihre Finger ins Wasser schoben als lauerten Piranhas im Ausguss. Studenten-WGs scheitern oft am gerechten Spülplan. Von Ehen ganz zu schweigen.

Aber zeigt uns Corona nicht gerade, worauf es ankommt im Leben? Nicht auf Malle ballern, sondern im Teuto aufs hockende Weib klettern. Nicht raus in die Welt, sondern rein in die Beete. Der Reiz der einfachen Dinge wird neu entdeckt.

Ich spüle. Geschirrberge. Ohne Spülmaschine. Aber mit Kultur. Wenn ich abends aus dem Büro komme, stehen manchmal die Teller und Töpfe eines Tages in der Küche. Niemand hat sie angerührt. Ich schließe die Küchentür hinter mir, stelle mein Gehirn auf Meditation und hole mein iPad.

Auf dem tippe ich bei Youtube das Kulturprogramm des Spülabends an. Zum Beispiel den übernatürlichen Gitarristen Tommy Emmanuel. Oder den NPR Tiny Desk, wo Leute wie Sting, Suzanne Vega oder Edward Sharpe & The Magnetic Zero vor einer Regalwand im Büro spielen. Fantastisch.

Und dann wird der Geschirrberg geordnet. Zuerst sieht ja jedes Wirrwarr unüberwindlich aus. Aber nach dem Neustapeln schrumpft das Durcheinander auf die Hälfte.

Dann wird es warm. Die Hände ins Wasser getunkt, die Reste vom Tage aufgeweicht und weggewischt.

Über die Kunst des Spülens habe ich mal ein Soziologiebuch gelesen. Es ging um Spülen und Bügeln. Man ahnt nicht, welche Abarten sich dabei entwickeln. Nicht wenige Leute spülen bei laufendem Wasser. Eine Verschwender-Praxis, vor der nicht zuletzt der Industrieverband Körperpflege und Waschmittel warnt. Die haben eine Internetseite für richtiges Spülen. Sowas gibt‘s.

Ich spüle sparsam. Etwas Wasser ins Becken, mit den Gläsern anfangen, jedes Teil mit einem heißen Spritzer vom Schaum befreien, hartnäckige Reste einweichen lassen. Im Rhythmus wechsel ich zwischen Spülen und Abtrocknen, zwischen gebückter Haltung und elastischen Bewegungen, zwischen Abtropfer und Küchentisch. Keine Hektik, niemand drängelt, ich habe nichts anderes vor.

Am Ende, so nach 20 Minuten, oder fünf Musikvideos, ist alles weggespült. Der Tisch ist sauber, der Herd glänzt, die Krümel liegen im Biomüll. Ich schaue in die Runde, atme auf und sage mir: Es ist geschafft.

Dann setze ich mich manchmal noch etwas auf einen Küchenstuhl, höre den guten alten Bob Dylan oder Tom Waits. Und dann dürfen auch die anderen wieder in die Küche.

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