Bürgermeisterkandidat Ernst Reiling
Paradiesvogel mit großem Herzen

Greven -

Ein toller Vater. Ein charmanter Kavalier alter Schule. Ein nachdenklicher Philosoph. Ein Kümmerer. Politisch? Sagen wir mal: Eigenwillig. „Er lässt sich vom Leben einfach zu sehr ablenken“, sagen Leute, die ihn mögen, die aber seine Sprunghaftigkeit erbittert. Kein anderer BürgermeisterKandidat ist eine so schillernde Figur wie Ernst Reiling von „Reckenfeld direkt“. Bei den Grünen war er schon, bei Pro G, bei verschiedenen UWGs. Vor der letzten Kommunalwahl hat er „Reckenfeld direkt“ gegründet, damals nur als Stadtteilpartei. Bleibt er dieser Liebe treu? „Ganz sicher!“

Freitag, 16.05.2014, 12:05 Uhr

Politisches ist privat, Privates politisch: Für diesen Satz ist Ernst Reilings Leben Beleg. Über seinen Einsatz für Flüchtlinge bekam er einen Adoptivsohn – und später eine Enkelin: Khadije Ammouri besucht die Hildegardisschule und absolviert den berufspraktischen Teil an der Offenen Ganztagsschule.
Politisches ist privat, Privates politisch: Für diesen Satz ist Ernst Reilings Leben Beleg. Über seinen Einsatz für Flüchtlinge bekam er einen Adoptivsohn – und später eine Enkelin: Khadije Ammouri besucht die Hildegardisschule und absolviert den berufspraktischen Teil an der Offenen Ganztagsschule. Foto: Monika Gerharz

Ein Spaziergang durch die Stadt? Auf einer Route, die der Kandidat bestimmt? Der beginnt doch gewiss in Reckenfeld! Aber nein – Reiling führt in die Martinuskirche, vor das Porträt eines Geistlichen – des Greveners Alfons Mersmann, der im KZ ermordet wurde. „Ich würde das Bild wesentlich prominenter platzieren“, sagt Reiling. Widerstand gegen Gewaltherrschaft – das ist ein Grundthema in seinem Leben. Seit Jahrzehnten kämpft er für Flüchtlinge aus Diktaturen und Bürgerkriegsländern, er hat einen libanesischen Adoptivsohn. Politisch wach geküsst hat ihn aber etwas ganz anderes – seine Scheidung. Das Ehepaar Reiling trennte sich in Freundschaft und wollte gerne das gemeinsame Sorgerecht für Tochter Sarah. Bis vor die höchsten Gerichte ist Reiling gezogen. Dann wurde das Gesetz geändert. Da wurde dem leidenschaftlichen Fußballer Reiling klar, dass Politik tief ins Private reicht – und er stürzte sich mit Hingabe ins politische Geschäft, probierte diese und jene Gruppe aus. „Bei der CDU könnte ich aber nicht sein“, versichert er. „Diese soziale Kälte . . .“

Ernst Reiling beim WN-Leserforum

Kälte? Reiling ist ein Gemütsmensch, das beweist die nächste Station des Spaziergangs, die Offene Ganztagsschule an der Martinischule. Seine Enkelin Khadije, Fachoberschülerin, macht dort den berufspraktischen Teil ihrer Ausbildung. „Es gefällt mir, Opa zu sein“, zwinkert Reiling. „Nur den Namen mag ich nicht – der erinnert mich daran, wie alt ich bin.“ 72 Jahre alt ist der gebürtige Havixbecker. Und dann noch Bürgermeister werden? „Adenauer war älter, als er Kanzler wurde“, kontert er augenzwinkernd.

Doch zurück zur Enkelin. Strahlend begrüßt sie den Großvater, zeigt ihm die Räume, plaudert mit ihm über gemeinsame Bekannte. „Er ist offen, ehrlich, witzig, freundlich und immer für mich da“, schwärmt Khadije. „Wir schreiben uns auf What‘s App“, verrät Reiling. Er nutzt bewusst moderne Medien, will wissen, wie die junge Generation tickt, auch wenn er mit dem Laptop auf Kriegsfuß steht. Wenn alle Stricke reißen, hilft ihm sein Ratskollege Hudalla von der Linken weiter. Denn gerade die jungen Leute liegen dem Senior unter den Kandidaten am Herzen, Chancengleichheit, Förderung sind ihm ganz wichtig. Die Sekundarschule, möglichst mit Reckenfelder Filiale? Unverhandelbar für Reiling, „Auch wenn es Stimmen kostet“. Und auf dem hässlichen Parkplatz am Busbahnhof möchte er am liebsten etwas für junge Leute ansiedeln – ein Bowling-Center und eine Indoor-Spielhalle. „Eine Idee von Werner Jakobs“, knüpft er an alte Pro G - Zeiten an.

Steckbrief Ernst Reiling

Etappe im Rathaus – der Schalk Reiling hat sie sich ausgedacht. Einmal will er Probesitzen im Stuhl des Bürgermeisters. Nicht weil er wirklich ernsthaft glaubt, der nächste Rathauschef zu sein – „ich kann meine Chancen realistisch einschätzen“ – sondern weil er symbolisch für ein gläsernes Rathaus werben will. „Der Stempel nichtöffentlich kann in den Keller.“

Und dann geht die Runde endlich an den Ort, dem Reilings ganze Liebe gilt – Reckenfeld, den Ort seiner Kindheit und Jugend. „Fußball, Fußball, Fußball – und Messdiener“ waren seine Interessen, als er als Zehnjähriger in den Stadtteil zog, an die Goethe­straße. 3000 Einwohner hatte der Ortsteil damals, jetzt sind es 8000. „Wenn man die Entwicklung mitgekriegt hat, wird man geduldig, auch wenn es 20 Jahre dauert, bis die Beleuchtung des Radwegs nach Greven kommt“, sagt Ernst Reiling. Allerdings drängt er für die Zukunft schon auf raschere Entscheidungen. „Man lebt ja nicht ewig.“ Das Viertel um die alte Hauptschule etwa will er zum Wohnviertel für alle Generationen umwandeln, mit bezahlbarem Wohnraum. Und was ist mit der alten Sporthalle? Soll sie für 750 000 Euro umgebaut werden? „Das muss man verhindern!“, Reiling will für das Geld stattdessen die Soccerhalle am Wittler Damm. „Ich war überrascht, dass der Joseph Panhoff das für eine gute Idee hält“, lobt er den politischen Kontrahenten, dem er sonst nicht so grün ist. Aber auch das ist Reiling – kleinkariertes Parteidenken ist ihm fremd. Manche meinen auch, ihm fehle es an Instinkt für die Macht.

Ein paar Schritte weiter, im „kleinen Rathaus“. Dort ist Reiling zu Hause, sagt er, auch wenn sein Bett in Greven steht. In dem Ladenlokal im Herzen des Stadtteils war vor 25 Jahren die Kindergruppe Pusteblume – Ernst Reiling hat dafür Sponsoren gesucht. Heute treffen sich hier allerlei Initiativen, Reilings Partei „Reckenfeld direkt“ natürlich, und jüngst war die Ministerpräsidentin da.

An diesem Nachmittag wartet Reilings Tochter Sarah auf ihren Vater, um mit ihm den Wahlkampf zu besprechen. „Ich unterstütze ihn gerne wo ich kann“, sagt sie. „Ich liebe an ihm, dass er sich uneigennützig einsetzt – und sich dabei nicht verbiegt.“ Dass der Papa sich damit nicht nur Freunde macht, weiß sie genau – als kleines Mädchen war sie einmal mit im Rat, erlebte eine erregte Debatte und mischte sich schließlich ein mit dem empörten Ruf: „Lasst meinen Papa in Ruhe!“

Vater und Tochter lachen noch heute bei der Erinnerung, Sarah nimmt Ernst Reiling um die Schulter, drückt ihn und sagt lächelnd: „Mein Papa, mein Held.“

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