Deichkünstler Manfred Schlüter
Symbolkraft schlägt Purzelbäume

Greven/gladbeck -

„Ersitzbare“ Kunst und ein Webstuhl aus fleißigen Händen: Mit dem Gladbecker Manfred Schlüter hat Pons Beuning durch Zufall einen Künstler aufgetan, dessen Werke vorzüglich zum geplanten Skulpturenpfad am Emsdeich passen.

Samstag, 21.01.2017, 13:01 Uhr

Hände   und Holz spielen in den Werken von Manfred Schlüter eine ganz wichtige Rolle.
Hände   und Holz spielen in den Werken von Manfred Schlüter eine ganz wichtige Rolle. Foto: Ulrich Reske

Auch wenn die Wiege in Münster stand, der Pott – gut hörbar – formt nicht nur seine Sprache, sondern auch den Menschen. Freundlich, unprätentiös, direkt empfängt Manfred Schlüter den Gast an der Etagentür seiner Wohnung im Zentrum Gladbecks . Doch was heißt schon Wohnung: Atelier, Werk- und Wohnstatt zugleich bilden verschiedene Einheiten des von außen kohlentrist anmutenden Mehrfamilienhauses. Hier setzt der 75-Jährige seine Ideen in Objekte um. Den Webstuhl etwa oder die Wellenbank – Schlüters Beiträge für den Skulpturenpfad auf dem Grevener Emsdeich.

Schlank wie eine Säule streben die sechs Stahlbänder gen Himmel, knicken auf halber Höhe um 90 Grad, bilden die Sitzfläche des stilisierten Webstuhls, um dann erneut vertikal himmelwärts zu streben. Sie öffnen sich schließlich in den empor gereckten Händen. „Die fleißigen Hände der Weber“ zieht der gelernte Bauingenieur und Architekt die Verbindungen zur Grevener Textilindustrie.

„Erste Priorität“ hat diese Skulptur für den Künstler noch vor den Wellenbänken. Gut acht Meter hoch berühren diese Weber-Hände das Firmament.

Auch der Standort steht für Schlüter längst fest: Unweit der Fußgängerbrücke über die Ems in Richtung Setex, den Textilbetrieb Biederlack vis-a-vis, das alte Spinnereigebäude von Schründer Söhne im Visier. „Ein fantastischer Standort.“ Da schlägt die Symbolkraft Purzelbäume.

Doch was führt den Weltenbummler Schlüter, der gemeinsam mit Ehefrau Barbara, die in der Parterre-Werkstatt des Hauses eine ebenso knuffige wie kuriose Papier-Kunstwerkstatt betreibt, ans Ufer der Ems?

„Pons Beuning, dieser schräge Vogel“, unken die Schlüters voller Sympathie und servieren eine Geschichte zum Weitererzählen. Unweit von Gladbeck habe nämlich der Pons vor einem Flug nach Mallorca ein Golf-Fachgeschäft aufsuchen wollen. In der noch verbleibenden Zeit stattete der Grevener der Gladbecker Innenstadt eine Stippvisite ab. Weniger die verbliebenen Filialisten in der Rand-Ruhrpottstadt als die leeren Ladenlokale weckten das Interesse Beunings, insbesondere eines, das unter dem Titel „Kunst statt Leerstand“ firmierte. Dort stellten die Schlüters ihre Kunst aus. „Niederschwellig, für Jedermann,“ erläutert Manfred Schlüter seine Idee. „Nicht jeder kommt schließlich ins Lehmbrock-Museum.“

Einem neugierigen Beuning gefiel diese Idee auch eingedenk der Leerstände in der Heimatstadt Greven. Flugs nahm er Kontakt zum Künstler auf, machte Nägel mit Köpfen und organisierte in den Ladenlokalen der alten leerstehenden Niederort-Giebelhäuser eine Ausstellung. „Mallorca meets Gladbeck“. Dort kontrastierte die Kunst des Balearen Pep Cirer mit der des Ruhrpottlers Manfred Schlüter. Aus Kunst-Businesskontakten wurde im Laufe der Zeit zwischen den Schlüters und Beunings Freundschaft und Wertschätzung. Alles, was man bisher gemeinsam unternommen habe, sei einfach mit „einem Handschlag besiegelt worden“, freut sich Manfred Schlüter über die unkomplizierte Art. „Ein verrückter Vogel“, sagt der Graukopf mit Schwänzchen, von seiner Ehefrau auch als „alter Büffel“ tituliert.

Unkompliziert war auch der Weg zum Skulpturenpfad auf dem Emsdeich, für den Manfred Schlüter einen weiteren Beitrag konzipiert hat. Die Wellenbänke hatte er schon einmal für die Möblierung der Gladbecker Innenstadt entworfen. „Doch ans Emsufer passen sie jetzt viel besser.“ Wie ein Wellenschlag krümmt sich das stählerne Rückenelement, durch dessen eingelassene Schlitze die circa acht Meter lange Holzbohle geschoben wird. Allein die Spannung fixiert das Objekt – für Barbara Schlüter „ersitzbare Kunst“. Dass in dieser Skulptur das „Weiche das Harte durchbohrt“, fasziniert den Ehemann besonders. Zudem verweist die „Wellenbank“ auf ein ganz wichtiges Element in der Schlüterschen Kunst. Viele Objekte nämlich sind vor allem hölzern und von der großen Liebe zu Bäumen beseelt. „Holz ist zumeist älter als Menschen es werden können,“ formuliert der Künstler respektvoll, der sich selbst als Dendrologe, als Kundiger in Sachen Hölzer bezeichnet. Aus Hölzern arbeitet er Filigranes, aber auch Wuchtiges. Sie landen oft als Abfallstücke in der Schlüterschen Holzwerkstatt. Und immer wieder formt er daraus Hände, mal stählern wie die auf dem Grevener Webstuhl, aber auch hölzern wie die in der Gladbecker Christuskirche. Dort ragen die Hände aus einer unbearbeiteten Holzbohle heraus, symbolisieren das Leid vieler Flüchtlinge.

Der Architekt, der für die Stadt Gladbeck Plätze und städtische Orte konzipierte, hat sich jetzt ganz „auf seine Kunst konzentriert“. Unabhängig, lustvoll und mit Schaffensfreude. Grevens Skulpturenpfad passt ihm da so richtig gut in den Kram.

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