Die Steinfrau
Von Dino-Eiern und dem Blut der Erde

Ochtrup -

Sandra Silbernagel wird eine Skulptur für das Deichprojekt in Greven stellen. Die Künstlerin, die in Ochtrup aufgewachsen ist und aktuell ein Atelier in den Riesenfeldern hat, bearbeitet riesige Steinblöcke. Vorher fertigt sie davon Modelle, vorzugsweise aus Flusskieseln.

Dienstag, 31.01.2017, 08:01 Uhr

„Open View“ nennt Sandra Silbernagel diese Skulptur. Sie könnte der Beitrag für den Deich-Skulpturenweg sein.
„Open View“ nennt Sandra Silbernagel diese Skulptur. Sie könnte der Beitrag für den Deich-Skulpturenweg sein. Foto: Ulrich Reske

Schreiend kreuzen Wildgänse am winterkalten Himmel den Luftweg über das Scheunen-Atelier an der Coermühle 100. Hier, hinterm Heidekrug in den Rieselfeldern am Fuße von Münsters grün bewachsenem Müllberg, hat Sandra Silbernagel ihr Quartier aufgeschlagen. „Diesen Ort liebe ich“, bekennt die Westfälin. Das Atelier, das sie in der denkmalgeschützten Durchfahrtsscheune eingerichtet hat, ist ihre „Basisstation“. Und wie die sie umgebende Vogelwelt ist auch die in Ochtrup aufgewachsene Künstlerin viele Monate im Jahr auf Wanderschaft. Ganz häufig auf der Suche nach dem Stein für den richtigen Ort. Den wird sie bald schon auch für Greven finden dürfen. Silbernagel gehört zu den acht Künstlern, die den Skulpturenpfad am Emsdeich bestücken werden.

Sie ist keine Bildhauerin, die ihre Ideen aus dem ungehauenen Stein meißelt. Umgekehrt wird ein Schuh daraus. „Der Stein gibt mir die Idee.“ Mit feinen Schnitten durchfräsen Diamantsägen das harte Material, minimale Kultureingriffe in das Naturgebilde. Vor allem Magma, das „Blut der Erde“, zieht Silbernagel in den Bann. Kochende Erde in Millionen Jahren gehärtet und verdichtet, manchmal zu finden in Steinbrüchen in Frankreich und Italien, oder eben unweit des ostbayrischen Passau, wo die Familie Kusser einen Steinbruch betreibt. „Wie die Eier von Dinos“ sehen die Stücke aus, die Silbernagel sucht. Die Magma-Eier schälen die Passauer Spezialisten mit schwerem Gerät aus dem steinernen Kokon. Das Verhältnis zwischen der westfälischen Künstlerin und den bayrischen Steinbrechern ist inzwischen herzlich und intensiv. „Sandra, wir haben hier was für dich.“ Dann zieht es die Silbernagel in den Steinbruch.

Dino-Eier, na klar, ziemlich groß. Und richtig schwer: Wenn ein solch 52 Tonnen wiegendes Ei auf Reisen geht, funktioniert das nur mittels nächtlicher Schwertransporte. So geschehen vor gut einem Jahr, als das Ei aus dem Passauer Bruch vor das „Memory-Zentrum“ der Augustinus-Kliniken in Neuss gebracht wurde. Das ist nicht nur Kunst, das ist auch eine logistische Meisterleistung. Allein der Transport schlug mit rund 20 000 Euro zu Buche. Das Gesamtbudget für das Natur-Kunstwerk, das nunmehr vor dem Haus für Demenzkranke steht, lag bei rund 200 000 Euro.

Ein paar Nummern zu groß für Greven. Immerhin rund 40 000 Euro sind auch für die Silbernagelsche Emsdeich-Skulptur eingeplant. Doch derzeit ist die Stein-Freundin, die nach dem Abitur ihr Studium auf einer anthroposophischen Kunst-Hochschule in Köln absolvierte, um sich dann wieder in Westfalen zuverwurzeln, in einer echten Zwickmühle: Ihr Modell für den Skulpturenweg kann sie nämlich erst dann benennen, wenn der exakte Standort erkoren ist. Der Blick etwa, der sich durch die in den Stein gefräste Auslassung auf die Ems, die Aue, Bäume oder Gebäudlichkeiten eröffnet, ist entscheidend für die steinerne Konzeption. Wie etwa die keilförmig aufgestellten Rückriem-Dolomitsteine vor der Schlaunschen Petri-Kirche in Münster. Kein Zufall also, dass Steinfrau Silbernagel Assistentin von Ulrich Rückriem wurde.

Doch zurück zum Emsdeich. Trotz des fehlenden Standorts hat die Frau aus den Rieselfeldern bereits ein Modell gefertigt. Nicht aus dem Blut der Erde, sondern aus einem großen Flusskiesel aus der Etsch bei Meran. Die Fluss-Steine dort nutzt die Künstlerin, die an diesem Wintertag in Skihose und Wollsocken den kühlen Ateliers-Temperaturen trotzt, um Modelle anzufertigen. Plastisch wird im Kleinen deutlich, wie ein Schnitt oder eine Auslassung die Schwere des Materials überwindet und zu einer neuen Leichtigkeit führt. Die kleinen Modelle, die Silbernagel in ihrem einfachen Meraner-Atelier fertigt, sind inzwischen selbst zu begehrten Kunstobjekten geworden. „Ohne entsprechendes Marketing kann niemand in der Kunst überleben“, schmunzelt die 43-Jährige. Sie kann es und tut es von jeher.

„Open Mind“ heißt ein mögliches Objekt für den Emsdeich in Greven. Der geöffnete Kopf – Bewusstseinserweiterung, Potenzialentfaltung und zugleich Blickfang. Doch auch ein sieben Meter hoher phallusförmiger Megalith könnte in seiner aufragenden Vertikalität mit dem Fluss kontrastieren. Das silberne, den Stein umfassende Band würde diese Fluss-Assoziation verstärken.

Apropos Silber: Sandra Silbernagel ist kein gewählter Künstlername, sondern geburtsurkundlich in Fulda verbrieft. Dass die Frau, die Steinstaub mag und kreischende Diamantsägesteine liebt, eine Vorliebe für Silberglanz hat, ist rein zufällig. Außerdem: „Gold ist mir einfach zu orientalisch.“

Westfälisch bodenständig – das passt zu Silbernagel, für die der Wohnort Rieselfelder „wie ein Sechser im Lotto ist“. Trotzdem verkauft sie ihre Kunst noch deutlich stärker in das „etwas quirligere Rheinland“.

Obschon – Silbernagel denkt nach. „Dafür, dass die Westfalen so wenig für Kunst ausgeben, stehen recht viele meiner Objekte in der Region.“ Etwa im Garten der Stille bei den Alexianern in Münster, auch vor der Ratio-Zentrale und – was Silbernagel für den Skulpturenpfad am Emsdeich in besonderem Maße qualifiziert – auch an einem weiteren münsterländischen Skulpturenpfad, der aus Anlass der Landesgartenschau in Gronau entlang der Dinkelroute entstand en ist.

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