WN-Sommerkrimi Teil 22
Mordmotiv Wüstenkamel

Was bisher geschah: Tote, Verwundete, Verschwundene: In Greven tobt das Verbrechen. Ein Bauskandal scheint hinter den Untaten zu stecken. Doch sind die Betrüger auch die Mörder? Eine wilde Verfolgungsjagd im Teuto läutet das Finale ein, das noch eine ganz neue Wendung bringt.

Donnerstag, 04.09.2014, 17:09 Uhr

Im großen Vernehmungsraum der Polizei saßen sie nun, die Verdächtigen – und die halbe WN-Redaktion mit dabei. Eduscho hatte sich zu diesem ungewöhnlichen Arrangement entschlossen, weil er sicher war, dass die Redakteure noch manches in petto hatten. Und auch Hagrid brauchte er. Nach einer Portion Schwarzwälder Kirsch mit Sahne extra war der wieder auf dem Damm. „So lange ich keinen Käse rieche . . .“ Aloysia Allesbauer war auf der A 1 kurz vor Bremen gestoppt worden. Ein Bentley war kein ideales Fluchtfahrzeug, wenn man nicht auffallen wollte.

„Hier haben wir also Grevens Architektenprominenz“, sagte der Ermittler. „Leider fehlt uns Herr Chapeau. Vielleicht können Sie uns weiterhelfen?“, wandte er sich an Walter Allesbauer und konsultierte den Zettel, auf dem Bienenfleiß‘ Hinweise notiert waren. „Wohin ist er mit dieser Mareike?“

Magdalena Allesbauer kicherte. Eduscho betrachtete sie konsterniert. Fand sie es lustig, dass ihr Verlobter mit einer anderen Frau unterwegs war? Oder war es ihr egal? Überhaupt, welches Verhältnis hatte sie zu dem Mann in der Motorradkluft, der sich als Chef der Black Angels Greven entpuppt hatte? Ein Hüne von einem Mann. Aber maulfaul. Bis jetzt hatte er die Zähne noch nicht auseinander gebracht.

Es klopfte. Im Türrahmen stand Zenke. Die Handgelenke bandagiert, um den Kopf einen Verband. „Tschuldigung. Habe mich selbst entlassen“, sagte er und humpelte zu einem Stuhl.

Eduscho runzelte die Stirn. „Also, was ist mit dieser Mareike?“, fuhr er Magdalena Allesbauer an. Die schwieg mit trotzigem Gesicht.

„Mareike?“ Zenke stutzte. „Die Mareike ist doch Daniel Allesbauers Motorboot.“ Er war selbst Segler und wusste ziemlich genau, welche Boote im Fuestruper Hafen lagen.

„Ich Depp!“ Eduscho schlug sich an die Stirn und telefonierte.

„Und nun zu Ihnen“, wandte er sich an Magdalena Allesbauer. Diese hatte sich neben ihre Mutter gesetzt und streichelte deren Hand. Merkwürdig. Er hätte nicht gedacht, dass es in dieser Familie Sinn für Zärtlichkeiten gab. Da bemerkte er, dass die junge Frau der alten etwas in die Hand drückte.

„Stopp!“ Mit einem Satz war Eduscho zwischen den Stühlen und packte Aloysia Allesbauers Handgelenk. Mit Gewalt musste er ihre Finger aufbiegen, während seine Kollegen Magdalena festhielten, die biss und kratzte.

„Eine Kapsel“, sagte er verwundert. Ein Medikament?“ Er roch daran und wurde blass. „Bittermandelgeruch. Das ist Zyankali.“

Es war Walter Allesbauer, der zusammenbrach. Von Weinkrämpfen geschüttelt, erzählte er, wie alles gekommen war.

Ralf König ist meinem künftigen Schwager auf die Spur gekommen – die Sache mit dem Rathaus. Er hat ihm gedroht, alles auffliegen zu lassen – außer er bekommt die Federführung für das Riesenkamel in Dubai.“

„Riesenkamel?“ Eduscho hatte davon noch nie etwas gehört.

„Riesenkamel.“ Walter Allesbauer nickte heftig. „Ein Prestigeprojekt am Rande der Wüste. 200 Meter hoch, alles Stahl und Beton, eben in der Form eines Kamels. Es war unsere Chance. Wüstenarchitektur vom Feinsten. Da liegt die Zukunft, denken Sie bloß an den Klimawandel. Daniel hat einen hinreißenden Entwurf gemacht, so was liegt ihm. Wir wären gefeiert worden. Und da wollte dieser Hornochse, der mit seinem Architekturverständnis in den 60er Jahren steckengeblieben ist, die Federführung. Eine Katastrophe.“

„Und da wurde er umgebracht und im Beton versenkt.“

Walter Allesbauer nickte. „Für letzteres hatten wir zum Glück Kontakte.“ Er streifte seine Schwester und den Mann in der Rockerkluft an ihrer Seite mit einem vorwurfsvollen Blick. „Magdalena war ihrem Verlobten nicht ganz so treu wie man es sich als guter Christ wünscht.“

So langsam ergab sich ein Bild. „Ihre Schwester hat den entscheidenden Schlag geführt?“

„Nein, Herr Kommissar, das war ich.“

Verblüfft starrte Eduscho Aloysia Allesbauer an. „Sie?“

Die Architektin senkte den Kopf um wenige Zentimeter. Noch immer saß sie aufrecht, völlig beherrscht. Eine tragische Königin. Nur in ihrem Mundwinkel zuckte ein kleiner Muskel, der ihre Anspannung verriet.

„König wollte zerstören, wofür ich gelebt habe. Wofür meine Familie gelebt hat und lebt.“

„Und Ihr Sohn? Was ist passiert?“

Eduscho sah, dass sie ihr Batisttüchlein zerriss. Sie schien es gar nicht zu bemerken.

„Ein Unglücksfall.“ Magdalena Allesbauers Stimme war kalt. „Mein Bruder meinte, meine Mutter von ihrer Tat abhalten zu müssen. Unglücklicherweise geriet er dabei in die Schusslinie, wie man so schön sagt.“

Eduscho war entsetzt. „Sie haben Ihren eigenen Sohn getötet?“

Aloysia Allesbauer stand auf. „Ich möchte jetzt allein sein.“ Eine Polizeibeamtin ergriff ihren Arm. Eduscho nickte ihr zu. „Ist gut. Bringen Sie sie in eine Zelle.“

Wieder einmal war die WN restlos ausverkauft. „Mutter erschlägt Sohn mit Selbstverteidigungsschirm“ und „Betonmord aufgeklärt – Ehrgeiz war die Triebfeder“ lauteten die Schlagzeilen. Auch die Schiebung am Rathaus-Neubau wurde aufgedröselt. „Daniel Chapeau in Rotterdam gefasst“, hieß es.

Eduscho las die Zeitung im Mandala und nippte an dem Cappuccino, den Lisa ihm serviert hatte. Ein aufregender Fall. Aloysia Allesbauer hatte gestanden. An ihrem Schirm, in dessen Griff Blei eingelassen war, fand sich DNA von ihrem Sohn und von König. Der Ermittler seufzte. Trotz allem blieb ihm ein kleines Unbehagen. Hatte die Architektin wirklich zugeschlagen? Oder war es ihre Tochter, und sie versuchte sie zu schützen? Ganz sicher würde man es nie wissen, denn die alte Dame war unbeugsam, das wusste er. Aber er hatte ein komisches Gefühl im Bauch. Ganz ungeschoren jedenfalls würde Magdalena Allesbauer nicht davon kommen. Schließlich waren sie und ihr Galan für die Entführung von Zenke und Hagrid verantwortlich. Und Eduscho arbeitete daran, ihnen auch den Schuss auf Brüderle nachweisen zu können.

Der Kommissar wandte sich wieder der Zeitung zu und las den WN-Sommerkrimi. Er schmunzelte, als er sich selbst in der Figur des leitenden Ermittlers erkannte. Ein wenig tüchtiger hätten ihn die Journalisten schon aussehen lassen können, grummelte er. Schließlich hatte er eben eine Mörderin hinter Schloss und Riegel gebracht. Eine Zweifach-Mörderin.

► Ende

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