Gegen das Vergessen
Ein Haus als Zeitzeuge

Horstmar -

„Es ist für die Erinnerung wichtig, den Opfern ein Gesicht zu geben. Gerade in der heutigen Zeit, in der rechtsradikale Tendenzen stärker werden, darf nichts verharmlost werden“, betonte Engelbert Glock, der am Denkmaltag den Einführungsvortrag zur Geschichte des Hauses Eichenwald in der Königstraße 8 hielt. Dieses hat eine wechselvolle Entwicklung hinter sich. Noch bewegender ist das Schicksal seiner ehemaligen Bewohner.

Mittwoch, 12.09.2018, 14:58 Uhr
Veröffentlicht: Dienstag, 11.09.2018, 17:00 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Mittwoch, 12.09.2018, 14:58 Uhr
Engelbert Glock (vorne) führte die Besucher in die Geschichte des Hauses ein.
Engelbert Glock (vorne) führte die Besucher in die Geschichte des Hauses ein. Foto: Regina Schmidt

Jedes Haus hat eine eigene Geschichte – und es bewahrt die Geschichte der Menschen, die darin gelebt haben. Einige Häuser erzählen tragische Geschichten, wie das Haus Eichenwald an der Königstraße in Horstmar. Die gleichnamige Besitzerfamilie jüdischen Glaubens wurde im Holocaust fast vollständig ausgelöscht. „Am Tag des offenen Denkmals“ bestand die Möglichkeit, das Gebäude nd seine früheren Bewohner näher kennen zu lernen.

Das heutige Haus Eichenwald wurde im „Häuserbuch“ der Stadt Horstmar in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erstmals erwähnt, erläuterte Engelbert Glock den zahlreichen Interessierten in seinem Einführungsvortrag. Besitzer war ein prominenter Bürger, „Justizrath“ Franz Bispinck. „Seine Tochter Bertha bewohnte das Haus bis zu ihrem Tod 1895“, so Glock. Danach habe es zum Verkauf gestanden.

Nachdem die Gemeindeversammlung der Stadt Horstmar den Ankauf des Gebäudes abgelehnt hatte, kaufte Dr. Overhage es von den Erben Bispinck. Wegen des damals maroden und teilweise abgebrochenen Gebäudes stellte der Mediziner, der auch als Armenarzt in der Stadt tätig war, einen Antrag zum Neubau, auszuführen in massivem Ziegelstein, einstöckig, aber mit bewohnbaren Räumen im Dachgeschoss.

Die Fertigstellung erlebte Dr. Overhage nicht, er starb 1896. Danach ging das Haus an der Königstraße in den Besitz der jüdischen Familie Sally Rose über. Die wiederum verkaufte es 1921 an Samuel und Johanna Eichenwald, ebenfalls Mitglieder der jüdischen Gemeinde in der Burgmannstadt.

Bewegend schilderte Anna-Maria Vossenberg, die sich intensiv mit der Geschichte der Horstmarer Juden befasst und in der Gruppe „Stolpersteine“ aktiv ist, den Lebens- und Leidensweg der Familie Eichenwald. Samuel, 1859 in Horstmar geboren, war ein erfolgreicher und wohlhabender Viehhändler. Sein Sohn Karl, Jahrgang 1893, führte das Geschäft des Vaters weiter, bis er 1933 von den Nationalsozialisten zur Aufgabe gezwungen wurde. Wie alle jüdischen Bürger, waren die Eichenwalds Schikanen und Drangsalierungen ausgesetzt, die in der Pogromnacht vom 8. auf den 9. November 1938 gipfelten.

„Die Familie wurde vom Ortsgruppenleiter der NSDAP genötigt, ihr Haus zu verkaufen und der damalige Bürgermeister drückte im Kaufvertrag den Preis auf 21.500 Reichsmark“, berichtete Anna-Maria Vossenberg. Das wertvolle Inventar des Hauses habe die Stadt zum Schleuderpreis übernommen und an Bürger weiter veräußert. Die Familie Eichenwald – Karl, seine Frau Grete und die Söhne Helmut und Erwin, mussten in ein so genanntes „Judenhaus“ in Burgsteinfurt ziehen.Von dort wurden sie gemeinsam mit 938 anderen unschuldigen Menschen am 27. Januar 1942 ins Ghetto nach Riga transportiert. Sie überlebten unter unsäglichen Bedingungen, Hunger, Kälte und unmenschlich schwerer Arbeit. 1944 wurden die Menschen des Ghettos in Konzentrationslager deportiert und für die Eichenwalds begann eine Odyssee durch verschiedene Todeslager.

Karl Eichenwald kam unter ungeklärten Umständen im KZ ums Leben, die 16 und 13 Jahre alten Söhne Erwin und Helmut wurden in Auschwitz vergast. Auch zwei Brüder von Karl und weitere Verwandte der Familie Eichenwald überlebten den Holocaust nicht. Einzige Überlebende des Grauens war Grete Eichenwald. Sie kehrte nach ihrer Befreiung aus dem KZ nach Horstmar zurück, erstattete Strafanzeigen und forderte den Familienbesitz zurück. Gerechtigkeit widerfuhr ihr nicht. 1948 wanderte Grete Eichenwald nach Chile aus. Dort setzte sie sich für die Rechte der indianischen Bevölkerung ein und starb hoch geehrt 1986. In ihrem Wohnort Pitrufquen wurde eine Straße nach ihr benannt. „Über ihre Erlebnisse im Holocaust und den Tod ihrer gesamten Familie hat Grete zeitlebens nicht geredet“, so Anna-Maria Vossenberg.

„Es ist für die Erinnerung wichtig, den Opfern ein Gesicht zu geben. Gerade in der heutigen Zeit, in der rechtsradikale Tendenzen stärker werden, darf nichts verharmlost werden“, Engelbertbetonte Glock. Dazu hat der Denkmaltag beigetragen.

Anzeige
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6042224?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F105%2F171%2F
1100 vertrauliche Mails mitgelesen
Das Auslesen des Passwortes machte es möglich, sich Zugriff auf das Mailkonto des Greveners zu verschaffen. Der Täter soll pikanterweise ein Familienmitglied sein.
Nachrichten-Ticker