Horstmarer Bahnhof ein wichtiger Knotenpunkt zwischen Ruhrgebiet und den Seehäfen
Von der Schienentrasse zum Radweg

Horstmar -

Vor ziemlich genau 140 Jahren wurde der Horstmarer Bahnhof seiner Bestimmung übergeben. Der ab der Mitte des 19. Jahrhunderts stark zunehmende Bedarf an Transportverkehrsmöglichkeiten zwischen dem Ruhrgebiet und den Seehäfen regte die Rheinische Eisenbahngesellschaft an, in Konkurrenz zur Strecke über Münster und Osnabrück zu den Seehäfen Hamburg und Bremen eine weitere von Duisburg über Coesfeld, Burgsteinfurt, Rheine nach Quakenbrück zu bauen.

Dienstag, 01.10.2019, 17:30 Uhr aktualisiert: 02.10.2019, 16:18 Uhr
Etwas Trauer schwang mit, als der Personenverkehr 1984 eingestellt wurde. Viele Reisende nutzten früher auch die Bahnhofsgaststätte (kl. Bild), um sich zu entspannen.
Etwas Trauer schwang mit, als der Personenverkehr 1984 eingestellt wurde. Viele Reisende nutzten früher auch die Bahnhofsgaststätte (kl. Bild), um sich zu entspannen. Foto: Franz Neugebauer

Vor ziemlich genau 140 Jahren wurde der Horstmarer Bahnhof seiner Bestimmung übergeben. Der ab der Mitte des 19. Jahrhunderts stark zunehmende Bedarf an Transportverkehrsmöglichkeiten zwischen dem Ruhrgebiet und den Seehäfen regte die Rheinische Eisenbahngesellschaft an, in Konkurrenz zur Strecke über Münster und Osnabrück zu den Seehäfen Hamburg und Bremen eine weitere von Duisburg über Coesfeld, Burgsteinfurt, Rheine nach Quakenbrück zu bauen. Betroffen war dabei auch das Gebiet der Stadt Horstmar.

Die preußische Konzession wurde am 9. Juni 1873 erteilt. 1877 begann man mit den Bauarbeiten. Diese gingen zügig voran. Probleme machte der nur 15 Meter tiefe und etwa ein Kilometer lange Einschnitt in den Deelberg bei Horstmar. Das war sehr aufwendig, da er von Hand auszuführen war. Bis zu 100 Arbeiter wurden eingesetzt.

Doch schließlich konnte am 1. Juli 1879 mit viel Prominenz die Strecke eingeweiht werden. Die Strecke wies die Besonderheit auf, dass zumindest zeitweilig die Grenze zwischen Laer und Horstmar mitten durchs Gebäude verlief, um zu betonen, dass dieser Bahnhof beide Orte versorgen sollte. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Grenzführung so geändert, dass das Gebäude vollständig zu Horstmar gehörte.

Dies bedeutete aber auch, dass Güter mit Pferdewagen dorthin transportiert werden mussten und dass Personen einen weiten Fußweg zurückzulegen hatten. Das war besonders mühsam für die Schüler, die nach Burgsteinfurt oder Coesfeld zur Schule mussten, denn es war ein täglicher Fußweg von etwa 30 Minuten.

Für Hotelgäste waren beim damals weit über die Grenzen Horstmars hinaus bekannten Hotel Crins eigene Gespanne vorhanden. Und um die Wartezeit angenehmer zu gestalten, gab es von Anfang an dort auch eine Bahnhofsgaststätte, die fast hundert Jahre von der Familie Neumüllers und deren Nachkommen (Traudchen Froning) gepachtet war. Neben der Bahnhofswirtsfamilie wohnten noch drei weitere Familien – der Stationsvorsteher und zwei Bahnbeamte – in dem Gebäude.

Besonders umfangreich war der Personenverkehr zwischen den beiden Weltkriegen. So fuhren um 1930 fünf Personenzüge in beide Richtungen, die vor allem von den Beschäftigten der ehemaligen Unternehmen Bispinck & Bauer (Weberei), Schulte & Dieckhoff (Strumpfstrickerei) oder die bei Langkamp im Straßenbau beschäftigt waren, benutzt wurden. Viele erfrischten sich nach der Arbeit in der Bahnhofsgaststätte mit einem Bier für 10 Pfennig oder ein Schnäpschen für nur 5 Pfennig. Zur Stadt hin gab‘s dann noch die Möglichkeit, mit einer Pferdekutsche zu fahren, später mit einem Kleinbus.

Die Gaststätte wurde lange Zeit mit Petroleumlampen beleuchtet. Alles Wasser, was im Bahnhof und in den Haushalten gebraucht wurde, musste in Eimern von der Pumpe von draußen geholt werden.

Bis kurz vor den 1950er Jahren gab es im ganzen Gebäude keine Toiletten. Es konnten nur drei „Plumpsklos“ auf dem Bahnsteig benutzt werden. Bei Schneefall empfahl es sich, einen Handfeger mitzunehmen, so der Hinweis am Bahnhof, um die Sitzfläche schneefrei zu machen. Das änderte sich erst ab den 1950er Jahren. Inzwischen ist auch die Bahnhofsgaststätte Vergangenheit. Am 28. September 1984 fuhr der letzte Personentriebwagen auf der Strecke mit Trauerflor.

In den Wohnräumen wurden bis vor einigen Jahren noch Asylbewerber untergebracht. Im August 2001 schließlich wurden Bahnanlagen und Bahnhofsgebäude an die dahinter liegende Raiffeisen Warengenossenschaft verkauft, die das Gelände nutzte, um eine bessere Zufahrt zu ihren Betriebsanlagen zu bekommen.

Für das Bahnhofsgebäude wurde lange Zeit nach Nutzungen gesucht, denn es ist aus historischer Sicht ein attraktives Gebäude. Doch letztendlich scheiterten die Vorstellungen an Decken- und Fußboden-Absenkungen im ehemaligen Wartesaalbereich, die nur mit sehr großem Aufwand hätten beseitigt werden können. Daher wurde das Gebäude, nicht aber die angebauten Güterschuppen im Mai 2003 abgebrochen.

Inzwischen ist der Bahnhof ein Ausflugslokal für Fahrradtouristen und Ausflügler, die die neue Radbahn auf dem ehemaligen Schienenstrang nutzen. Hier ist ein Schweinemuseum geplant (wir berichteten).

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