Bürgermeister Robert Wenking äußert sich zur Debatte über den Grabstein am städtischen Friedhof
„Wir sind nicht geschichtsvergessen“

Horstmar -

In einem offenen Brief äußert sich Bürgermeister Robert Wenking zur öffentlichen Debatte über den Grabstein, der nach seiner Aufarbeitung im Eingangsbereich des Städtischen Friedhofs an der Hagenstiege steht. Über seine Geschichte hatte Anna-Maria Vossenberg berichtet. Wenking betont, dass die Stadt nicht geschichtsvergessen ist und sich seit Jahrzehnten mit der Geschichte der Bürger des jüdischen Glaubens auseinandersetzt.

Dienstag, 21.07.2020, 19:22 Uhr aktualisiert: 26.07.2020, 06:50 Uhr
Bürgermeister Robert Wenking betont, dass sich die Stadt mit der Geschichte der Bürger jüdischen Glaubens seit Jahrzehnten auseinandersetzt.
Bürgermeister Robert Wenking betont, dass sich die Stadt mit der Geschichte der Bürger jüdischen Glaubens seit Jahrzehnten auseinandersetzt.

„Wir sind in Horstmar doch viel weiter“, betont Bürgermeister Robert Wenking , der sich jetzt in einem offenen Brief zur Debatte über den Grabstein im Eingangsbereich des Städtischen Friedhofs an der Hagenstiege in unmittelbarer Nähe der Friedhofskapelle äußert. Über dessen Geschichte hatte die Mitbegründerin der „Initiative Stolpersteine“, Anna-Maria Vossenberg, berichtet und sich dabei irritiert darüber geäußert, dass der Grabstein des früheren NSDAP-Ortsgruppenleiters an dieser Stelle zu neuen Ehren kommt.

Daraufhin folgten drei Leserbriefe. In einem davon vertrat Astrid Funk die Meinung, dass der Stein nichts Böses getan habe. Eine andere Ansicht äußerte Jochen Geppert aus Berlin in seinem Leserbrief. Der „ausgewanderte Münsterländer“, der von seinem vierten bis zum zehnten Lebensjahr in Horstmar gelebt und dessen Mutter im Haus der Familie Eichenwald an der Stadtstiege aufgewachsen ist, zeigte sich verwundert darüber, wie in der Burgmannstadt mit der NS-Geschichte umgegangen wird.

„Herr Geppert aus Berlin suggeriert in seinem Leserbrief polarisierend und in Unkenntnis der Tatsachen Naivität der Leserbriefschreiberin und Beschweigen und Verdrängen in Horstmar“, schreibt der Bürgermeister in seiner Stellungnahme. Das könne so nicht stehen bleiben, da es schlicht nicht der Wahrheit entspräche. So sei im Jahr 1987 auf Initiative und Antrag der damaligen „Jungen Union“ die Gedenktafel zur Erinnerung an die in der Nacht vom 9. und 10. November 1938 zerstörten Synagoge in der Gossenstraße gegenüber dem Grundstück der Synagoge angebracht worden. Diese sei aus Spenden Horstmarer Bürger und aus städtischen Haushaltsmitteln finanziert worden.

Weiter führt der Bürgermeister an, das Dr. Willi Feld Ende der 80er bis Mitte der 90er Jahre in einigen Schriften unter anderem die Vorgänge, Straftaten und Verbrechen in der Pogromnacht auch in Horstmar sehr detailliert geschildert und zusammengefasst habe.

Auf Initiative und Antrag eines Horstmarer Bürgers sei in der Höhe des ehemaligen jüdischen Friedhofs an der Bahnhofstraße eine Erinnerungstafel aufgestellt. Zudem habe die Stadt Horstmar das Denkmal „Haus Eichenwald“ erworben und an Dr. Reinhard Stahl weiter veräußert, der die Erinnerung an die Geschichte des Hauses, insbesondere der Eigentümerfamilie Eichenwald aufrecht erhalte.

Weiter weist Wenking darauf hin, dass die Stadt die „Initiative Stolpersteine“ anlässlich der Verlegung von Stolpersteinen aktiv unterstützt habe.

An der Frontseite der örtlichen Stadtverwaltung zum Kirchplatz erinnere eine Bronzetafel an alle im Jahre 1938 in Horstmar lebenenden Bürgerinnen und Bürger jüdischen Glaubens.

„Der Rat der Stadt Horstmar hat aus seiner Verantwortung für die Aufrechterhaltung der Erinnerung an das den Menschen jüdischen Glaubens auch in Horstmar zugefügte Leid heraus alle diesbezüglichen Aktivitäten unterstützt und gefördert. Wir haben aber darauf verzichtet, die bereits vor Jahrzehnten verstorbenen Bürger, die sich teilweise mitschuldig gemacht haben, mit Rücksicht auf die Nachkommen zu nennen“, betont der Bürgermeister.

Der in Rede stehende Sandstein habe seine Funktion als Grabstein durch die neutralisierende Wegnahme vom Grab und die Entfernung des Namens – anders als von Herrn Geppert dargestellt – verloren und stehe in keinem Zusammenhang mit Funktionen und Taten des Verstorbenen, auf dessen Grab, das im Übrigen nicht mehr existiere, er in der Zeit von 1973 bis 2019 gestanden habe.

Die Meinung der Verfasserin des Leserbriefs sei nicht naiv, sondern richtig. Viel eher sei es naiv, „auf Zuruf und aus der Ferne zu (ver-)urteilen“, meint der Bürgermeister. „Wir in Horstmar sind nicht geschichtsvergessen. Im Gegenteil, wir sind viel weiter: Wir setzen uns mit der Geschichte der Bürgerinnen und Bürger jüdischen Glaubens als Opfer des Nationalsozialismus seit Jahrzehnten auseinander“, betont Wenking in seiner Stellungnahme abschließend.

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