Helga Klion-Eichenwald wird heute 90 Jahre alt
Glückwunsch nach New Jersey

Horstmar -

Am 1. April 1939 musste die jüdische Familie Eichenwald ihr Haus an der Stadtstiege in Horstmar verlassen.

Das war ein Trauma nicht nur für die Eltern Grete und Ernst Eichenwald, sondern auch für ihre zwei Töchter.

Helga war die Jüngeren der Beiden. Wie es ihr ergangnen ist, schildert Anna-Maria Vossenberg, die ein Buch über das Schicksal jüdischer Familien in Horstmar geschrieben hat, in einem Bericht. In dem erinnert die Autorin auch daran, das Helga, die inzwischen Klion-Eichenwald heißt, am Freitag (29. Januar) ihren 90. Geburtstag feiern kann. Die Senioren lebt heute in einer Altersgemeinschaft in New Jersey. .

Donnerstag, 28.01.2021, 18:21 Uhr aktualisiert: 28.01.2021, 18:30 Uhr
Helga Klion-Eichenwald – hier mit ihren Söhnen, Töchtern, Schwiegersöhnen und Schwiegertöchtern – hat in Horstmar gelebt. Mit ihren Eltern und der Schwester wohnte sie an der Stadtstiege.
Helga Klion-Eichenwald – hier mit ihren Söhnen, Töchtern, Schwiegersöhnen und Schwiegertöchtern – hat in Horstmar gelebt. Mit ihren Eltern und der Schwester wohnte sie an der Stadtstiege. Foto: privat

Ihren 90. Geburtstag feiert heute Helga Klion-Eichenwald, die am 29. Januar 1931 als zweites Kind der Eheleute Grete und Ernst Eichenwald zur Welt kam. Ihr Elternhaus in der Stadtstiege war für sie und ihre vier Jahre ältere Schwester Edith das Zuhause, in dem die Mädchen – wohlbehütet von den Eltern und Großeltern – aufwachsen sollten.

Im Jahr 1937 begann für die kleine Helga im doppelten Sinne der Ernst des Lebens. Sie wurde in Horstmars Katholische Volksschule eingeschult. Eine jüdische Schule gab es schon seit einigen Jahren nicht mehr. Für das kleine jüdische Mädchen war es das Ende einer unbeschwerten Kindheit. Sehr genau erinnert sich Helga, dass sie auf dem Schulweg von anderen Kindern geschlagen, getreten und geschubst wurde, immer verbunden mit den damals bereits gängigen Hänseleien gegen jüdische Menschen, egal welchen Alters.

Die Pogromnacht im November 1938 und die Vertreibung aus ihrem Elternhaus, all das ein absolut traumatisches Erlebnis für das kleine Mädchen. Ihr letztes Schulzeugnis, ausgestellt am 15. November 1938, trägt die Unterschriften ihrer Lehrerin Fräulein Möllers und die des Hauptlehrers Wüstefeld. Wie mag ihrem Vater, Ernst Eichenwald, zumute gewesen sein, als er nur sieben Tage nach der Pogromnacht das Zeugnis seiner Tochter unterschrieb? Nur knapp fünf Monate später, am 1. April 1939, musste die Familie Eichenwald ihr Haus endgültig verlassen. Mit einem Lkw, der mit einigen ihrer Habseligkeiten beladen wurde, brachte man die Eheleute und ihre Töchter nach Münster. In Münster lebten die Eichenwalds in einem sogenannten „Judenhaus“, bis ihnen im Laufe des Sommers im Jahr 1939 die Flucht nach England gelang. Am 29. Juni 1940 verließen sie Europa endgültig in Richtung USA. Grete und Ernst Eichenwald arbeiteten hart, um für sich und ihre Kinder eine neue Existenz aufzubauen.

Die Familie ließ sich in Yonkers New York nieder. Dort ging Helga zur Yonkers High School. Gerne hätte sie auch noch ein College besucht, damit war allerdings ihr Vater nicht einverstanden. Sie arbeitete als Personalsachbearbeiterin in einem großen amerikanischen Pharmakonzern. Als 23-Jährige heiratete sie am 19. September 1954 den Nuklear-Ingenieur Daniel Klion. Die Eheleute bekamen zwei Söhne und zwei Töchter. In der Zeit von 1984 bis 1989 lebte die Familie in Korea, da Helgas Ehemann beruflich dort tätig war. Bei ihrer Rückkehr in die USA erlitt er auf dem Flughafen einen plötzlichen Herzstillstand und verstarb.

Vor drei Jahren zog Helga Klion-Eichenwald von New York nach New Jersey, um ihren Kindern ein wenig näher zu sein, die mittlerweile alle aus New York weggezogen waren. Sie lebt in einer Altersgemeinschaft, die – wie wahrscheinlich überall auf der Welt – coronabedingt zur Zeit einige Aktivitäten für die die Bewohner eingeschränkt hat. Kontakt hält die Seniorin mit ihren Kindern, Enkeln, Freunden und Bekannten per Telefon und mittels Facebook. Sie ist nach wie vor eine sehr rührige und interessierte Frau, die nicht nur das Geschehen in den USA im Blick hat, sondern immer auch an Neuigkeiten aus Horstmar interessiert ist.

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