Serie (2): Pfarrer Niermann hilft Regisseur Einar Schleef
Das Genie und der Pastor

Tecklenburger Land -

Elfriede Jellinek, die österreichische Nobelpreisträgerin, hat einmal gesagt, in Deutschland gebe es zwei Regie-Genies. Rainer M. Faßbinder im Westen und Einar Schleef im Osten. Dass der Ibbenbürener Pfarrer Klemens Niermann im März 1977 als Fluchthelfer und Devisenschmuggler in die Untersuchungshaftanstalt Neustrelitz der DDR-Volkspolizei geriet, verdankte er seiner Freundschaft zu dem preisgekrönten Schriftsteller, Bühnenbildner und Regisseur.

Mittwoch, 07.11.2012, 09:00 Uhr
Serie (2): Pfarrer Niermann hilft  Regisseur Einar Schleef: Das Genie und der Pastor
Einar Schleef und Gabriele Gerecke – 1978 nach Gereckes Entlassung aus der DDR-Haft. Foto: Einar Schleef Arbeitsbuch

Elfriede Jellinek, die österreichische Nobelpreisträgerin, hat einmal gesagt, in Deutschland gebe es zwei Regie-Genies. Rainer M. Faßbinder im Westen und Einar Schleef im Osten. Dass der Ibbenbürener Pfarrer Klemens Niermann im März 1977 als Fluchthelfer und Devisenschmuggler in die Untersuchungshaftanstalt Neustrelitz der DDR-Volkspolizei geriet, verdankte er seiner Freundschaft zu dem preisgekrönten Schriftsteller, Bühnenbildner und Regisseur.

Denn Gabriele Gerecke, die Frau, die Klemens Niermann im Audi-Kofferraum über die Grenze holen wollte, war Schleefs Freundin. Der Künstler lebte gerade für zwei Monate in der Wohnung Niermanns in Ibbenbüren. So wie viele andere Menschen, die der Pfarrer im Lauf der Jahre bei sich einquartierte.

„Manche abenteuerliche Gestalt“, erinnerte sich sein Nachbar Walter Beermann von der Oststraße, „brachte er spät im Aufzug mit hoch“. Schon mal ließ er Obdachlose wochenlang in seinem Bett schlafen. Er quartierte sich dann in der Badewanne ein.

Kennengelernt hatten sich der Theatermann und der Pastor 1965 auf dem Autobahnkreuz Halle/Magdeburg in der DDR. Schleef, 21, trampte. „Ich hielt seinen Wagen an. Er sagte einen Satz: Das ist verboten“, erinnert er sich in seinem Tagebuch. Niermann ließ den jungen Mann trotzdem mitfahren, scherte vor einer Kontrolle der Volkspolizei aus, setzte ihn in Magdeburg ab und gab ihm zwei Flaschen Wein mit.

Verbote. Dazu hatte der Pfarrer, der aus einer erzkatholischen Schermbecker Familie mit 14 Kindern stammte, seine Privatmeinung. Er stellte viele infrage. Einmal pilgerte er zu Fuß nach Lourdes. Vor dem Ziel aß er einen Apfel. Dann habe er darüber nachgedacht, dass er zur Kommunion nüchtern zu erscheinen habe, erinnert er sich in einem Interview: „Also habe ich noch einen Apfel gegessen.“ Zur Messe ging er trotzdem.

Für Schleef war dieser fremde Pfarrer eine Stütze, ein moralischer Halt, später auch ein verklärtes Idol. Als der renitente DDR-Mensch von der Hochschule flog, stand Niermann plötzlich vor seiner Tür, 3000 Ostmark in der Hand. Schleef: „Ohne die hätte ich es nicht überstanden.“

Niermann hatte viele Kontakte zu Kirchen im Ostblock, überbrachte häufig Geld, Bücher und Hilfsgüter. Er unterstützte Schleef später, als der sich über Prag und Wien in den Westen absetzte.

1977 kam der Künstler auf der Arbeitssuche nach Ibbenbüren. Niermann brachte ihn in seiner Wohnung unter, die beiden diskutierten ausgiebig über religiöse Fragen. Aber Schleef klagt auch darüber, dass er seine Freundin in Ostberlin zurückgelassen habe.

Da fasste Nierman einen seiner Spontan-Entschlüsse. „Lächelnd, dünnlippig, buschige Augenbrauen, Stirn zerfurcht, eben ein Mann, nicht eine Memme wie ich“, schildert Schleef den Pfarrer, der dann an einem Morgen im März in sein Auto stieg. „Wir werden das Kind schon schaukeln“, sagte er, „ich hole Gabi.“

Was Niermann erst später erfuhr: Einar Schleef hatte die Reise bei den Eltern Gereckes in Berlin telefonisch angekündigt. Wenn auch verklausuliert. Die Stasi lauschte mit. Der Audi aus Ibbenbüren wurde observiert. DDR-Spitzel lagen auf der Lauer. „Ja“, erinnert sich Niermann Jahre danach, „die waren auf mich fixiert.“

 Lesen Sie in der nächsten Folge: Die Stasi schlägt zu. Märchenstunde in der Zelle.

Am 10. November 2012 wurde der Platz zwischen Caritas und Rathaus nach ihm benannt: Klemens Niermann, vor fünf Jahren verstorbener Krankenhauspfarrer, hat vielen Menschen geholfen. Er stammte aus Schermbeck, war Berufsschullehrer und Pastor in Ibbenbüren. Vor allem gilt er als Mensch, der handfest gegen Not und Unrecht zu Felde zog. 1977 geriet er in DDR-Haft, weil er versucht hatte, eine junge Frau über die Zonengrenze zu schleusen. Davon handelt diese fünfteilige IVZ-Serie.

Das Material dazu haben Dechant Martin Weber und andere Freunde Klemens Niermanns zusammengetragen, unter anderem auch die Stasi-Akten zum Fall.

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