Klemens Niermann – ein Platz für den zupackenden Priester
Obdachlose unter der Kapelle

Ibbenbüren -

Er galt als teuerster Priester der Diözese. Klemens Niermann war 1978 als Fluchthelfer in der DDR verhaftet worden – und später freigekauft. Nur einer der Gründe, warum in Ibbenbüren ein Platz nach ihm benannt wird.

Samstag, 10.11.2012, 12:11 Uhr

Wenn die Länge eines Trauerzugs etwas aussagt, dann muss Klemens Niermann ein bedeutender Mann gewesen sein. Weit über 1000 Menschen folgten dem schlichten Holzsarg des katholischen Krankenhauspfarrers. Am offenen Grab sprach nach dem Dechanten Martin Weber der Arzt Dr. Alon Süssholz das Kaddisch, das Totengebet der Juden. Und der türkische Imam Memet Ali Basaran sang mit lauter Stimme eine Sure aus dem Koran. Fünf Jahre ist das Jahr, jetzt widmet die Stadt Ibbenbüren den Platz zwischen der Caritas und dem Rathaus dem katholischen Wanderer zwischen den Welten.

Niermann stammt aus Schermbeck , ist halb Westfale, halb Rheinländer. Vor allem ist er das fünfte von 14 Kindern einer Kleine-Leute-Familie. Grundkatholisch – mehrere Geschwister gehen später in den kirchlichen Dienst. 1928 geboren, 1957 zum Priester geweiht, wird er 1965 Berufsschullehrer in Ibbenbüren, später Krankenhausseelsorger.

„Er hatte eine faszinierende Art, Schüler anzusprechen“, erinnert sich ein Kollege. Niermann nimmt den Glauben handfest. So marschiert er einmal in der Religionsstunde mit seinen Schülern zu armen Leuten. Sie helfen beim Umzug. Oft habe er sich gefragt, was Jesus an seiner Stelle tun würde, sagte der Pfarrer. Seine Antwort: Jesus würde anpacken.

Niermann packte an. Er ließ reisende Obdachlose im Keller unter der Krankenhauskapelle wohnen. In der„Jesus-Suite“. Er beschaffte Flüchtlingen des Bosnien-Kriegs Jobs und Wohnungen. Er verlieh seine Wohnung wochenlang an Leute, die es nötig hatten.

Auf unnachgiebige Art und Weise verkörperte der immer freundlich wirkende Pastor gelebte Nächstenliebe. Dabei griff er zu kreativen Methoden. Als er sich einmal ärgerte, dass eine Gemeinde einen verurteilten Betrüger im Staatsdienst mobbte, dessen Mobiliar versteigert wurde, kaufte er die Möbel selbst. Nachher lieh er sie dem Mann und seiner Familie zurück. Als die Lokalzeitung kritisch über den Deal schrieb, hagelte es Proteste. Niermann hatte seine Unterstützer-Gemeinde in Ibbenbüren.

Schon als junger Mann war er zu Fuß durch Palästina nach Jerusalem marschiert. Damals wie heute ein Wagnis. Sein Leben lang blieb die Versöhnung zwischen den drei Buchreligionen seine Herzenssache.

Er kümmerte sich mit Freunden um den verkümmerten jüdischen Friedhof in Ibbenbüren. Und er setzte sich für die muslimischen Bergleute in der Stadt ein. Dass sie ihre erste Moschee gründen konnten und einen eigenen Bestattungsplatz erhielten, verdanken sie dem Schermbecker, auf dessen Beerdigungszettel Kreuz, Davidstern und Halbmond ein Dreieck bilden. Niermann hatte ihn so entworfen. Bischof Reinhard Lettmann meinte dazu, das sei wohl etwas ungewöhnlich gewesen. Die katholische Kirche hatte nicht immer Freude an Niermann, dessen Spontanität ihn als Gemeindepfarrer ausschloss. So unterstützte er Gemeinden im Ostblock, brachte Geld über den eisernen Vorhang, baute eine Armenküche in Minsk auf.

1978 wurde er am Grenzübergang Helmstedt/Marienborn verhaftet, als er die 28-jährige Freundin des Regisseurs Einar Schleef im Kofferraum in den Westen schmuggeln wollte. Er wurde zu drei Jahren und sechs Monaten verurteilt, aber nach drei Monaten freigekauft. Danach galt er scherzhaft als der teuerste Priester im Bistum.

Niermann, der fromme Priester, setzte sich über Gesetze der Kirche hinweg. Einmal sagte ihm mahnend ein Bischof, er habe gehört, dass er in seinen Gottesdiensten auch Evangelischen die Kommunion gebe. Niermanns Antwort: In seiner Kirche sei es so dunkel, da könne er die Evangelischen von den Katholischen nicht unterscheiden.

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