Von den Erfahrungen mit der schulischen Inklusion
Lennart und das Gemeinsame Lernen

Tecklenburger Land -

Rückschulungen aus dem Gemeinsamen Lernen gibt es inzwischen etliche. „Und das ist auch ein Trend an anderen Förderschulen“, sagt uns der Leiter einer Förderschule im Kreis Steinfurt. Ein Beispiel ist Lennart (Name von der Redaktion geändert). Nach zwei Schuljahren im Gemeinsamen Lernen (GL) in einer regulären Grundschule entschieden seine Eltern, ihn lieber zur Förderschule zu schicken.

Donnerstag, 06.04.2017, 08:04 Uhr

Mit der richtigen Unterstützung geht alles besser – auch in der Schule.
Mit der richtigen Unterstützung geht alles besser – auch in der Schule. Foto: contrastwerkstatt - fotolia

Lennart hat einen festgestellten Förderbedarf, der es ihm schwer macht, Unterrichtsinhalte richtig mitzubekommen. „Wir haben ihn an einer normalen Grundschule angemeldet, weil ich gehofft habe, dass er seine gewohnte Umgebung beibehalten könnte. „Er sollte seine sozialen Kontakte vor Ort haben.“

So besuchte der heute Neunjährige zunächst eine Grundschule, ging in eine Klasse mit 25 Kindern („Viel zu groß!“, so ein Förderschullehrer), von denen fünf einen besonderen Förderbedarf hatten. Aber nicht alle Fünf hatten dasselbe Problem, denselben Förderschwerpunkt.

Lennart wurde lerndifferent unterrichtet. „Aber zum Beispiel auch in Mathematik, da hätte er es gar nicht gebraucht“, sagt die Mutter. „Er hat ein ganzes Jahr lang nur im Zahlenraum von eins bis zehn gerechnet. Das hat ihm schon sonstwo ’rausgehangen.“

Um seine Frustration aufzufangen, hatten die Eltern schon Lern-CDs für das erste und auch für das zweite Schuljahr besorgt. „Da hat er uns selbst die schwierigen Aufgaben ruck, zuck ausgerechnet.“

Neben dem Fachlehrer seien oft vier Erwachsene in der Klasse gewesen: drei Frauen, die als Integrationshelfer jeweils ein Kind begleiteten, und die Förderlehrerin. Auch diese Situation empfand Lennarts Mutter nicht als förderlich für ihr Kind. Und sie erinnert sich: „Von den zwei Lehrkräften in der Klasse hatte keine eine zusätzliche Ausbildung für Lennarts Förderschwerpunkt.“ Und dann sei die einzige Förderlehrerin auch noch längere Zeit krank geworden.

Insgesamt hatte Lennart in der Schule offenbar nicht, was er brauchte. Seine Schwierigkeiten auf der einen Seite und die partielle Unterforderung auf der anderen Seite ließen den sonst so zurückhaltenden Jungen zu Hause zunehmend gereizt und ungehalten werden. Seine Frustrationsgrenze sank. „Er ist oft hochgegangen wie ein HB-Männchen.

Er hatte einfach keine Lust mehr und reagierte unwirsch, wenn wir ihm etwas erklären wollten.“ Er habe auch deutlich gemerkt, „dass er anders war, als die anderen Kinder“, schildert seine Mutter.

Das habe Auswirkungen auf die ganze Familie gehabt. „Auch psychosomatische Beschwerden wie massive Verdauungsstörungen und Darmprobleme kamen dazu. Zwei Jahre besuchte Lennart die Regelschule, „dann war Feierabend“, sagt die Mutter. Es folgte die Abkehr vom Gemeinsamen Lernen.

Kaum Zahlen verfügbar

Wie viele Schüler/ Eltern von Kindern mit Förderbedarf sich nach Erfahrungen im Gemeinsamen Lernen doch für die Förderschule entscheiden, darüber lägen der Bezirksregierung Münster keine Zahlen vor, sagt die Pressestelle auf Anfrage. Sie verweist aber auf Zahlen in einer Studie, die im Rahmen einer Kooperationsvereinbarung mit der Bezirksregierung Münster an der TU Dortmund entstand (Averbeck, Budke, Schmalenbach, Roos & Käppler). Ziel: Verbesserung der schulischen Inklusion. Titel: „Förderentscheidungen schulischer Inklusionsprozesse (FeschIp). Die Studie bezieht sich allerdings allein auf die Förderschulen für emotionale und soziale Entwicklung (ESE). Für die Studie wurden zahlreiche Daten erhoben. Unter anderem gibt sie an, dass im Kreis Steinfurt in 2014/15 zwölf Schüler das Gemeinsame Lernen verlassen haben, um zur Förderschule ESE zu wechseln, 2015/16 waren es 51 Schüler. Als Ergebnis aus Interviews im Rahmen der Studie wurde unter anderem festgestellt, dass „der Wille an allgemeinbildenden Schulen da“ sei, „aber nicht das Wissen (sind mit den Schülern überfordert)“. Unter anderem mache für die Befragten auch die Klassengröße den Unterschied zwischen beiden Schulsystemen aus.

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Lennarts Mutter suchte Hilfe im Sozialpädagogischen Zentrum in Rheine . „Die haben mich darauf hingewiesen, zu überlegen ihn auf eine spezielle Schule mit dem richtigen Förderschwerpunkt zu geben. Und wir haben es nicht bereut.“ Lennart war sieben Jahre, als er zur Förderschule wechselte, wo er nun die dritte Klasse besucht.

Lennart ist wieder ein ausgeglichenes Kind und macht gute Fortschritte. „In Mathematik hat er sogar eine Zwei.“ Alles sei entspannter geworden. Auch die Abläufe rund um das Thema Hausaufgaben zu Hause.

Und gut erinnert sich Lennarts Mutter noch daran: „Seine Grundschullehrerin hat es mir immer durch die Blume gesagt: Wenn es mein Kind wäre, wüsste ich, was ich täte...“ Indirekt habe sie ihr nahegelegt, Lennart zur Förderschule zu schicken. Noch heute frage die Lehrerin regelmäßig nach Lennart und freue sich, dass er nun gut zurechtkommt.

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