Die Schweinezucht in der Region
Am Ende des Wachstums

Westerkappeln/Tecklenburger Land -

Mehr als 1,218 Millionen Schweine – aufgeteilt in knapp 700 000 Mastschweine, knapp 74 000 Sauen und gut 444 000 Ferkel. Das war der Bestand im Kreis Steinfurt Ende Januar. Menschen gibt es weniger, etwa 447 000. Rein rechnerisch kommen so auf jeden Einwohner zwischen zwei und drei Schweine. Die Zeiten des großen Zuwachses an Schweineställen sind allerdings vorbei.

Sonntag, 21.07.2019, 17:00 Uhr
Eindeutig ist in Ider Region der Trend beim Rückgang der Anzahl der Betriebe. Die Bestandszahlen allerdings entwickeln sich uneinheitlich.
Eindeutig ist in Ider Region der Trend beim Rückgang der Anzahl der Betriebe. Die Bestandszahlen allerdings entwickeln sich uneinheitlich.

Die Zahlen dokumentieren, dass der Kreis Steinfurt, wie etwa auch das Westmünsterland, das Emsland und das Oldenburger Land, eine Hochburg der Schweineerzeugung ist. 1267 Betriebe gab es Ende Januar in der Region, 818 waren reine Mastbetriebe, 101 Zuchtbetriebe. 348 stehen als gemischte Betriebe in der Datenbank des Kreises Steinfurt, der die Zahlen auf unsere Nachfrage zur Verfügung stellte.

Die Zeiten des großen Zuwachses an Schweineställen sind allerdings vorbei. Das hat Dr. Rolf Winters vom Umwelt- und Planungsamt des Kreises Steinfurt in den vergangenen Jahren beobachtet. Winters und seine Behörde erledigen bei größeren Stallbauvorhaben – bei Mastschweinen ab 1500 Tierplätzen – die Genehmigungsverfahren nach dem Bundes-Immissionsschutzgesetz. Dies sind alle Vorhaben, bei denen in der Regel Umweltverträglichkeitsprüfungen oder Vorprüfungen zu machen sind. Und diese, sagt Winters, sind in den vergangenen Jahren um 80 bis 90 Prozent zurückgegangen: „Es sind kaum noch große Verfahren gewesen“, sagt Winters. Habe es um das Jahr 2010 herum noch etwa 50 solcher Verfahren jährlich gegeben, seien es heute nur noch um etwa fünf bis zehn dieser Projekte pro Jahr.

Grund ist eine Gesetzesnovelle des Baugesetzbuches im Jahr 2013. Die kassierte das zuvor bestehende Privileg sogenannter „Gewerblicher Tierhaltungsanlagen“ im Außenbereich ein – die Ställe also, die nicht nur Landwirte, sondern theoretisch jedermann bauen kann. Solche Vorhaben waren seit 2013 nur noch privilegiert, wenn ein Stall keine Pflicht zur Umweltverträglichkeitsprüfung oder Vorprüfung hatte. Im Fall der Mastschweine betrifft das eben jene Grenze von 1500 Tieren.

Die sogenannte „Landwirtschaftliche Privilegierung“ allerdings besteht weiter. Bauern dürfen, unabhängig von der Größe des Stalls, weiterhin Ställe errichten, wenn sie theoretisch 50 Prozent des nötigen Futters für die Tiere auf eigenen Flächen erzeugen könnten, und auch kleinere Ställe sind immer noch möglich.

Dennoch, lautet Winters Erfahrung, sind an vielen Standorten Erweiterungen nur noch schwer oder gar nicht mehr umsetzbar. Das liegt daran, dass ganz unabhängig von der grundsätzlichen Zulässigkeit der Ställe immer auch die Frage der Stickstoffeinträge in die Landschaft (Ammoniak etc.) und der Gerüche eine Rolle spielt. „In beiden Fällen ist die Vorbelastung meist schon recht hoch“, sagt Winters. Es führt dazu, dass zusätzliche Ställe wegen der bereits vorhanden Immissionen am Ende doch kaum noch möglich sind. Zu umgehen sind diese Vorgaben nur noch mit Abluftreinigungsanlagen, die vor allem die kleinen Ställe aber weniger lukrativ machen. Das sei in Summe wohl der zweite Grund für den sich abschwächenden Zuwachs an Ställen. Denn auch für kleinere Ställe kämen nicht mehr viele Bauanträge, die entweder durch das Kreisbauamt oder bei den größeren Städten durch die Rathäuser selbst beschieden werden, so Winters.

Insgesamt, so scheint es, ist der Schweinebestand im Kreis und wohl auch im Münsterland an einer Grenze angelangt. Information und Technik als Statistisches Landesamt meldete zwischen November 2017 und November 2018 einen Rückgang der Tierzahlen von rund 4,4 auf 4,15 Millionen im Regierungsbezirk, im Jahr zuvor war der Bestand in etwa stabil geblieben. In Westerkappeln gab es in den vergangenen drei Jahren zwar geringfügige Zuwächse, in der Region zeigen die Zahlen der vergangenen drei Jahre insgesamt aber eher eine Stagnation, wenn nicht vereinzelt sogar einen Rückgang der Bestände.

Albert Rohlmann , Vorsitzender des WLV-Kreisverbandes, bestätigt das. „Das geht rückwärts“, sagt er. Die Zahl der Betriebe sinke, und längst nicht jeder aufgegebene Stall werde verpachtet. Und die wenigsten seien derzeit dabei, Erweiterungen zu planen oder zu bauen. „Wir haben in den Jahren zuvor überproportional investiert“, bilanziert Rohlmann die jüngere Vergangenheit. Diese Investitionen müssen erst einmal abgeschrieben werden.

Zudem, so Rohlmann, herrscht bei vielen derzeit eine eher zögerliche Haltung. „Viele sind in Wartestellung, wohin es gehen soll.“ Rohlmann meint die künftigen Standards in der Tierhaltung, die mehr Tierwohl bringen sollen. Ohne genau zu wissen, wohin die Reise gehen wird, sind Investitionen schwierig. Und nicht zuletzt, so Rohlmann, sei die Region bereits „relativ dicht“. Man müsse schließlich auch mit der Gülle irgendwo bleiben.

Deren Verbleib sei auch ein Kostenfaktor, sagt Dorothee Gerleve-Oster von der Landwirtschaftskammer NRW, Kreisstelle Steinfurt. Vor allem bei den Zuchtsauen sieht sie den Rückgang der vergangenen Jahre bereits als Trend, in der Folge nimmt auch die Ferkelproduktion ab. Die Mäster seien dann vermehrt auf Importtiere angewiesen, etwa aus den Niederlanden oder Dänemark. Besonders in Spanien sei die Schweinemast zuletzt gewachsen. Hier im Kreis Steinfurt ist das anders: „Größere Wachstumsschritte sind selten geworden“, pflichtet Gerleve-Oster bei. Viele, vor allem ältere Ställe stünden leer, verpachtet würden nur modernere. Leer stehen laut Landwirtschaftskammer oft Ställe auf Höfen, die von Haupt- auf Nebenerwerbslandwirtschaft umstellen. Die sei meist tierlos.

„Wir hatten in den letzten vier Jahren eine Stagnation“, fasst Dr. Rolf Winters die Entwicklung zusammen. Wohin die Reise geht, ist ungewiss. Das hängt mit den kommenden Haltungsformen zusammen. „Es gibt da einen Zielkonflikt“, sagt Winters. Wird entscheidend mehr Tierschutz in der Haltung umgesetzt, ist das mit der derzeitigen Tierzahl schwierig. Das fängt schon damit an, dass eine Haltung zum Beispiel in offenen Ställen nach heutigem Stand gar nicht möglich wäre. Denn Offenställe haben zwangsläufig keine Filteranlagen – die Immissionen von Geruch und Stickstoff in die Landschaft würden steigen. Am Ende könnte– in diesem Gedankenspiel – ein Plus beim Tierschutz tatsächlich sogar Rückschritte beim Umweltschutz bedeuten.

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