Zukunftskonferenz „Smart Country“
Von Weltmaschinen und digitalen Hotels

Tecklenburger Land -

Was macht die Digitalisierung mit dem ländlichen Raum, und was kann sie ihm bringen – das stand im Vordergrund der Zukunftskonferenz „Smart Country“, zu der der Kreis Steinfurt nach Ibbenbüren eingeladen hatte. Hauptredner Karl Heinz Land, Autor des Buches Erde 5.0, hielt sich allerdings nicht allzu oft mit Fragen des ländlichen Raums auf. Er dachte die Digitalisierung global, warf schließlich die Vision einer „Ökologisch sozialen Marktwirtschaft“ auf.

Sonntag, 13.10.2019, 14:58 Uhr aktualisiert: 13.10.2019, 15:01 Uhr
Forderte eine „Ökologisch soziale Marktwirtschaft“: Hauptredner Karl-Heinz Land.
Forderte eine „Ökologisch soziale Marktwirtschaft“: Hauptredner Karl-Heinz Land. Foto: Tobias Vieth

Ob der Grund nun die Veranstaltung selbst oder die Neugier auf den neuen Satelliten des Digital Hub Münsterland in Ibbenbüren war: Der Andrang im „Digital Hub TD59 TECHlenburger Land “ vergangene Woche war enorm. Etwa 160 Gäste folgten dem Aufruf des Kreises Steinfurt zur Zukunftskonferenz „Smart Country“.

Was macht die Digitalisierung mit dem ländlichen Raum, und was kann sie ihm bringen – das stand im Vordergrund, nicht zuletzt auch die Geschwindigkeit, mit der diese Umwälzung hereinbricht. „Unsere Gehirne kommen nicht ganz so schnell mit wie die technische Entwicklung“, hatte Landrat Dr. Klaus Effing zur Begrüßung gesagt. „Hier ist Stillstand Rückschritt“, ergänzte Bürgermeister Dr. Marc Schrameyer.

Hauptredner Karl Heinz Land, Autor des Buches Erde 5.0, hielt sich allerdings nicht allzu oft mit Fragen des ländlichen Raums auf. Er dachte die Digitalisierung global, warf schließlich die Vision einer „Ökologisch sozialen Marktwirtschaft“ auf. Tenor: Die Umwälzungen sind so groß, dass sie das Leben und Wirtschaften verändern werden. „Wir reden über die Entstehung der Weltmaschine“, sagte er. Alles, was vernetzt werden könne, werde auch vernetzt werden. Und alles, was automatisiert werden kann, werde automatisiert werden: „Technologischer Fortschritt ist nur noch begrenzt durch unsere Vorstellungskraft und unseren Willen.“

Land spann Fäden zwischen globalen Problemen – Migration, Klimawandel, Bevölkerungswachstum, Vermögensungleichheiten und Digitalisierung: „Die Politik muss endlich verstehen, dass alles mit allem zusammenhängt.“ Und keines dieser Probleme mache an einer Landesgrenze Halt. Immer im Hintergrund stand die die Nachhaltigkeit. Etwa dann, wenn er prognostizierte, dass man durch Carsharing und autonome Autos künftig in Städten nur 20 Prozent der Fahrzeuge brauche. Oder, wenn er von einer zirkulären Ökonomie sprach, einer Kreislaufwirtschaft mit minimalem Ressourceneinsatz. Fortschritt und Digitalisierung seien ein „Hebel zur Nachhaltigkeit“. Beispiel dafür ist etwa die sogenannte „Dematerialisierung“: Wenn kein Fahrschein mehr nötig ist, weil er auf dem Handy entsteht, darüber abgerechnet und genutzt wird, sind Fahrkartenautomaten überflüssig – und ebenso der Drucker und der Toner darin. Dessen Hersteller auch.

Letztlich beschränkte sich Land aber meist aufs Wach- und Aufrütteln, wenn er sein Publikum mit Zahlenvergleichen („mehr Handys als Menschen“) oder Zeitstrahlen mit Innovationen (Dampfmaschine, implantierbare Produkte, fahrerlose Autos) konfrontierte. Ganz besonders, wenn es um die Geschwindigkeit der Entwicklung ging, die er als exponentiell bezeichnete: Wer heute sage, das gehe ihm alles zu schnell, dem sage er: „So langsam wie jetzt wird das nie mehr werden.“ Schließlich kramte er im Bezug aufs Netz im ländlichen Raum das wohlbekannte Milchkannen-Zitat hervor, um es dann fälschlich Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner, und nicht Forschungsministerin Anja Karliczek, zuzuordnen.

Etwas mehr Praxisbezug – je nach Zielgruppe – hatten da die sechs Workshops, die sich mal um die Auswirkungen dieser nahenden Verwerfungen auf den Menschen selbst, an vielen Stellen aber auch mit Beispielen aus dem Bereich öffentlicher Verwaltung, aus der Energiewirtschaft oder aus Unternehmen befassten. Sichtbar wurde, dass an vielen Stellen durchaus konträre Vorstellungen und Meinungen aufeinander treffen. Mehrfach wurde engagiert diskutiert.

Ein Praktiker, der offenkundig auf Bedenken pfeift und einfach macht, sorgte für den unterhaltsamen Abschluss. Die Moderatoren Isabelle Domeier und Sebastian Köffer, vom Digital Hub Münsterland, kündigten Tobias Groten an, der 1986 Tobit Software in Ahaus gründete – aber am Mittwoch nicht über Software sprach.

Vielmehr erzählte er von Unternehmen, die er gegründet hat – und von denen er nach eigenem Bekunden keine Ahnung hat: Ein Hotel, eine Diskothek, ein Ruderbootverleih etwa. In Anlehnung an ein altes Bill-Gates-Zitat („Banking is necessary, banks are not.“) stellte er die These auf, dass zwar Hotels nötig seien – Hoteliers aber nicht. Ausgangspunkt war, dass sich für ein leer stehendes Hotel in Ahaus kein Betreiber fand. „Es gab keinen“, sagte Groten. „Wer hat‘s gemacht? Ich. Hab ich Ahnung von Hotels? Nö. Und wir haben auch keinen Hotelier eingestellt.“ Er ließ den Job, den keiner wollte, einfach weg.

Stattdessen habe er den Hotelbetrieb in kleine Teile – Prozesse also – zerlegt, und die alle personalfrei digitalisiert. Das Schlüsselsystem ist digital, die Buchung und Bezahlung sowieso. Die Reinigungskräfte melden sich – per App – für einzelne Putz-Aufträge. Klar, dass das Zimmer selbst Bescheid gibt, wenn der Gast ausgezogen ist. Groten sprach in diesem Zusammenhang von einer Gig-Economy: Jobber melden sich nur auf einzelne, spezielle Aufgaben. „Die Gesellschaft wird sich ändern in diese Richtung“, sagte er.

Seine These war durchaus hart: „Die Digitalisierung vernichtet Arbeitsplätze – und zwar Arbeitsplätze, die keiner will.“ Er bezog das etwa auf Bootsverleiher oder Taxizentralen. Und er mahnte, die Digitalisierung auf dem Land selbst in die Hand zu nehmen. Auf Tech-Konzerne zu warten, sei sinnlos: „Die Großen kommen nicht.“

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