Rückzug aus dem Ibbenbürener Bergwerk
Leere Büros und ein großer Abriss

Tecklenburger Land -

Mehr als ein Jahr ist es her, dass in Ibbenbüren die letzte Kohle gefördert wurde. Seitdem konzentriert sich alles auf den Rückzug aus dem Bergwerk. Die RAG Anthrazit Ibbenbüren bereitet sich darauf vor, die Schächte für immer zu verschließen und ihre Gebäude auf dem Berg zu verlassen. Wie sieht es heute dort aus ? Ein Besuch.

Mittwoch, 04.12.2019, 05:00 Uhr aktualisiert: 04.12.2019, 16:44 Uhr
Rundblick aus der Aufbereitung: Thomas Röwekämper hat eine Tür in der neunten Etage des 30 Meter hohen Gebäudes geöffnet.Die riesigen Maschinen in der Aufbereitung werden demontiert, das Gebäude abgerissen. Grüne Kreuze markieren, welche Motoren bereits vom Netz genommen sind
Rundblick aus der Aufbereitung: Thomas Röwekämper hat eine Tür in der neunten Etage des 30 Meter hohen Gebäudes geöffnet.Die riesigen Maschinen in der Aufbereitung werden demontiert, das Gebäude abgerissen. Grüne Kreuze markieren, welche Motoren bereits vom Netz genommen sind Foto: Linda Braunschweig

„Hier war sonst immer alles in Bewegung.“ Thomas Röwekämper , Abteilungsleiter im Betrieb über Tage, steht vor der riesigen Siebanlage in der Kohleaufbereitung. Hätte er dort vor rund eineinhalb Jahren zehn Minuten verbracht, hätte er sich ohne sein Zutun einen Meter weiter nach rechts oder links bewegt. So stark waren die Schwingungen der riesigen Maschine, die die Kohle nach Größe aussiebte. Aber seit Mitte 2018 steht auch dort alles still.

Die Aufbereitung ist das größte Gebäude des Bergwerks. Im kommenden Jahr wird es den Rückzug über Tage allzu deutlich machen: Der 30 Meter hohe und mehr als 100 Meter lange Gebäudekomplex auf dem Oeynhausen-Gelände, in dem auf zehn Bühnen die Kohlen gewaschen, zerkleinert und gesiebt wurden, bis sie die passenden Größen hatten, wird von einem Generalunternehmer abgerissen, zuvor werden die Maschinen demontiert.

In der Aufbereitung sind täglich bis zu 24 000 Tonnen Rohförderung (Kohle und Gestein) verarbeitet worden. In 15-Tonnen-Gefäßen kam das alle 90 Sekunden aus 800 Metern Tiefe ans Tageslicht. Die Stille in dem Gebäude, dessen ältester Teil aus dem Jahr 1927 stammt, wäre früher undenkbar gewesen, war hier doch einer der lautesten Orte des Bergwerks.

Heute tragen die Maschinen grüne und rote Kreuze. Was grün markiert ist, ist abgeklemmt, rot steht für ölfrei, erklärt Röwekämper. Bereit zum Abbauen.

Grüne Kreuze markieren, welche Motoren bereits vom Netz genommen sind.

Grüne Kreuze markieren, welche Motoren bereits vom Netz genommen sind. Foto: Linda Braunschweig

Deutlich wird der Rückzug über Tage auch am Nordschacht, wo früher der Großteil der Bergleute sowie des Materials einfuhr. Die großen Parkplätze sind leer, einer der beiden Förderungen fehlen die Seile. „Wir gewöhnen uns alle dran, aber manchmal ist das schon ein bisschen erschütternd“, sagt Prokurist Jürgen Kunz .

Längst ausgeräumt ist auch die Ausbildungswerkstatt der RAG . Wo Generationen von Azubis schweißen oder drehen lernten, herrscht nun ebenfalls Leere. Die Geräte sind verkauft. Das geplante Batterieforschungszentrum hat das Gebäude auf der Wunschliste. Im Personalgebäude haben die letzten Mitarbeiter ihre Schreibtische gerade geräumt und sind auf der anderen Straßenseite ins Zechenhaus gezogen. Ihre früheren Büros wollen die Stadtwerke beziehen.

Im Rückbau befinden sich auch die Werkstätten wie Schweißerei, Schreinerei oder Dreherei, die jahrzehntelang dafür sorgten, dass das Bergwerk viele notwendigen Arbeiten selbst bewerkstelligen konnte.

Die riesigen Maschinen in der Aufbereitung werden demontiert, das Gebäude abgerissen.

Die riesigen Maschinen in der Aufbereitung werden demontiert, das Gebäude abgerissen. Foto: Linda Braunschweig

Endgültig sollen die Gebäude bis Mitte 2022 geräumt sein. Es sei eine Herausforderung, die Nachnutzung im laufenden Betrieb zu gestalten, „aber wir wollen der Entwicklung ja nicht im Weg stehen“. Es gebe jede Menge Anfragen für die Gebäude, sagt Kunz.

Wie überall ist es auch in der Hauptverwaltung deutlich stiller geworden. Mitarbeiter aus unterschiedlichen Abteilungen sitzen dort nun unter einem Dach. „Früher war es schwierig, hier einen Parkplatz zu bekommen“, sagt Stefan Rekers, Bereichsleiter Instandhaltung. Heute sei das Gegenteil der Fall.

Auch zum Rückzug über Tage gehören zig Gutachten, dabei wird die Fläche beispielsweise historisch bewertet, um zu sehen, ob Schadstoffe in Gebäuden oder im Boden sein könnten. „Wir sind nicht frei in dem, was wir tun“, unterstreicht Kunz. An manchen Stellen ist außerdem ein umfangreichen Sanierungskonzept erforderlich. Nur so werden die Voraussetzungen geschaffen, damit das Betriebsgelände aus der Bergaufsicht entlassen wird. „Da stehen ebenso wie unter Tage unter anderem die Bezirksregierungen Arnsberg und Münster, der Kreis Steinfurt und das Umweltministerium hinter, nicht nur die RAG.“

Die Ausbildungswerkstatt ist leer. Dort lernten Generationen von Azubis unter anderem Drehen, Schweißen und Elektrotechnik

Die Ausbildungswerkstatt ist leer. Dort lernten Generationen von Azubis unter anderem Drehen, Schweißen und Elektrotechnik Foto: Linda Braunschweig

Letztere wird noch Jahre vor Ort bleiben: Das künftige Standortquartier wird gerade im ehemaligen Betriebsmittellager eingerichtet. Der Umbau läuft, alles soll im März 2020 bezugsfertig sein. „Wir werden den Rückzugsprozess bis zum Schluss begleiten, bleiben Ansprechpartner für die Region und Bindeglied zum Mutterkonzern“, verspricht Kunz.

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