Kreisbegegnung diskutierte Grenzen des Wachstums
Von Hamstern, Fleisch und dem Glück

Kreis Steinfurt -

Ist weniger manchmal tatsächlich mehr? Wo sind die Grenzen des Wachstums? Gibt es eine Alternative zum Bruttoinlandssozialprodukt als Gradmesser des Wohlstandes? Welche Gesellschaftliche Relevanz haben alternative Lebensentwürfe? Diese Fragen diskutierten Bürger im Rahmen der 14. Kreisbegegnung mit Prof. Dr. Nina Michaelis von der FH Münster und der Filmemacherin Karin des Miguel Wessendorf.

Dienstag, 03.12.2013, 16:12 Uhr

Ein Hamster verdoppelt am Anfang seines Lebens sein Gewicht jede Woche. Würde das so weitergehen, zu seinem 1. Geburtstag wöge das Tier bereits 9 Milliarden Tonnen und fräße die jährliche weltweite Getreideernte an einem Tag – und wäre immer noch hungrig. In der Natur wachsen die Dinge nur bis zu einem bestimmten Punkt – beim Wirtschaftswachstum aber gehen wir davon aus, dass es immer weiter wächst, so die Botschaft.

Mit dem you tube Filmchen vom Monster-Hamster demonstrierte Prof. Nina Michaelis von der FH Münster am Montagabend bei der 14. Kreis.Begegnung im Burgsteinfurter ev. Gemeindezentrum anschaulich die Grenzen des Wachstums. Von da war es nur ein kurzer Weg zur Frage, ob das Bruttoinlandsprodukt BIP wirklich der richtige Gradmesser für gesellschaftlichen Wohlstand ist? Oder ob ein Nachhaltigkeits-Index besser geeignet wäre? Oder ein Bruttonationalglück, wie im Himalaya-Staat Buthan?

„Weniger ist mehr – wie viel ist genug? Was ist das rechte Maß in unserer Lebens- und Wirtschaftsweise“ war das Thema des Abends überschrieben. Michaelis stellte klar, dass alle Wirtschaftswissenschaftler einig seien: Wir brauchen Wachstum. Aber wie viel? Schon bei einem jährlichen Wachstum von 2,5 Prozent verdopple sich der Ressourcen-Verbrauch alle 28 Jahre; in nur 280 Jahren habe er sich vertausendfacht. „Wir brauchen eine große Transformation“ folgerte sie aus diesen Zahlen. Wachstum müsse vom BIP entkoppelt, dafür eine Suffizienzstrategie entwickelt werden: Neue Lebensmodelle, die Lebensqualität anders definieren.

Genau dem galt das Interesse der Filmemacherin Karin de Miguel Wessendorf . Sie zeigte Ausschnitte aus ihrer erst kürzlich bei Arte gesendeten Dokumentation „Weniger ist mehr“. Auf einer Reise durch Europa besuchte sie Menschen, Initiativen und Unternehmen, die erkannt haben, dass Wirtschaftswachstum nicht das Maß aller Dinge sein kann. Was braucht man wirklich, um ein gutes Leben zu führen? De Miguel Wessendorf zeigte Beispiele aus Frankreich, England und ihrem Heimatland Spanien, wo die Menschen derzeit eher aus Not neue Wirtschaftsmodelle erproben: Tauschwirtschaft, Gebrauchtwarenhandel, Gemeinschaftsgärten, konsequenter Auto- und Flugzeugverzicht. Interessant die eigene Währung, der englischen „Transition town“-Bewegung. Dahinter steht die Idee, dass eine lokale Währung lokale Strukturen besser unterstützen kann. „Man kommt mit viel weniger Geld aus, als man denkt“, war das Fazit des französischen Fahrradkuriers Jean-Mark, der von 800 Euro im Monat lebt. Aber kann das ein allgemeines Lebensmodell sein?

In der Diskussion mit drei „Klimaschutzbürgern“ und dem Publikum zeigte sich Skepsis. Mancher hier wäre schon froh, wenn er Lebensmittel lose in mitgebrachten Gefäßen einkaufen und so auf Plastiktüten verzichten könnte. Was leider, so Landrat Thomas Kubendorff, aus hygienerechtlichen Vorschriften nicht möglich sei.

Auch beim Thema Fleischverzicht, den beide Referentinnen dringend empfahlen, zeigte sich der Landrat gespalten: „Ein ganz heißes Thema: Wir haben eine Millione Schweine im Kreis“. „Wir haben viel Widersprüchliches gehört“, war am Ende sein Fazit. Gut gefallen habe ihm das Motto „freiwillige Einfachheit“, das passe gut zu Papst Franziskus. Auch wenn weniger manchmal mehr sei, er habe Appetit auf mehr bekommen, schloss Kubendorff und kündigte an, das Thema in weiteren Veranstaltungen vertiefen zu wollen.

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