Wasser und Landwirtschaft
Ist Gülle gut fürs Klima?

Kreis Steinfurt -

Die Fronten zwischen Bürgerinitiativen, die sich um die Belastung des Grundwassers sorgen und der Landwirtschaft, die sich zu Unrecht kritisiert fühlt, bleiben verhärtet. Aber immerhin: Man diskutierte miteinander – ausgiebig und ziemlich sachlich. Eine These: Gülle, der als Dünger exportiert wird, ersetzt energieintensiv herzustellenden Mineraldünger – und ist so ein Stück Klimaschutz.

Freitag, 04.04.2014, 16:04 Uhr

40 Prozent aller Grundwasserkörper in NRW seien wegen zu hoher Nitrat-Werte in einemschlechten Zustand, erklärte Martin Böddeker von der Gelsenwasser AG. Dass auch im Kreis Steinfurt der Nitrat-Grenzwert von 50 mg pro Liter an vielen Messstellen überschritten wird, bezweifelte niemand: 144,2 mg in Emsdetten, 82,7 in Greven, 186,2 in Ibbenbüren sind Spitzenwerte aus den vergangenen Jahren. Was kann man dagegen tun? Oder anders gefragt: „Wie viel Landwirtschaft verträgt unser Wasser?“

Rund 150 Zuhörer, die meisten davon Vertreter der einladenden Bürgerinitiativen „BI für Mensch und Vieh Kreis Steinfurt“ und „Regionale Landwirtschaft Münsterland e.V.“ waren am Donnerstagabend ins Hotel Stegemann nach Westladbergen gekommen, um diese Frage zu diskutieren.

Moderiert vom grünen Landtagsabgeordneten Norwich Rüße standen auf dem Podium fünf Experten zur Verfügung. Dr. Rosemarie van Hülst, Umweltanalytikerin, erinnerte daran, dass Grenzwerte relativ seien, der Nitratgrenzwert über die Jahre von 120 über 90 auf jetzt 50 mg abgesenkt worden sei. Das Nitrat sei relativ harmlos – schlimmer seien Antibiotika und Pestizid-Rückstände zu bewerten, die mit der Gülle ins Grundwasser gelangten. Kleinere, dezentrale Tierbestände und so wenig Antibiotika wie möglich seien die notwendige Konsequenz.

Johann Prümers , WLV-Kreisverbandschef erinnerte an die gute Kooperation zwischen Landwirten und Wasserwerken in über 7000 Hektar Wasserschutzgebieten im Kreis Steinfurt. In vielen Oberflächengewässern hätten sich die Nitratgrenzwerte in den vergangenen Jahren mehr als halbiert und das Wasser könne zur Grundwasseranreicherung genutzt werden. Natürlich sei die Landwirtschaft ein Verursacher der Nitratbelastung und natürlich seien in der Vergangenheit Fehler gemacht worden. Das Umsteuern habe aber längst begonnen. Die jährliche Düngebilanz sei ein „enges Korsett“ für Landwirte. Nährstoffüberschüsse würden über die Güllebörse in Gegenden exportiert, wo primär Ackerbau betrieben werde. Damit werde teurer und energieintensiv herzustellender Mineraldünger gespart, was letztlich ein Beitrag zu mehr Klimaschutz sei. „Wir haben als Landwirtschaft verstanden“ kündigte Prümers weitere Anstrengungen an, die Nitratbelastung zu reduzieren.

Christian Schweer vom „Wassernetz NRW“ meinte, es gebe noch extreme Defizite“ bei der Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie. Freiwillige Kooperationen reichten nicht aus, der Gesetzgeber müsse Mindeststandards definieren. Auch seien viele Grenzwerte immer noch zu hoch und müssten deutlich abgesenkt werden.

Herbert Piepel von der Landwirtschaftskammer in Saerbeck, erinnerte daran, dass neben der Gülle auch die Gärreste aus der Biogasproduktion einen Nährstoffüberschuss darstellten, der in andere Regionen mit Nährstoffmangel exportiert werden müsste. Das funktioniere auch schon recht gut. Gülle und Gärreste seien kein Abfall, sondern wertvoller Dünger.

In der Diskussion kam bald auch das komplexe Thema „Glyphosat“ zur Sprache. Dieses Totalherbizid sei längst nicht so harmlos, wie früher einmal angenommen, meinte van Hülst, Es zerfalle nicht nur in Wasser und Kohlendioxid, sondern in gefährliche Nebenprodukte, die aber erst seit kurzem nachweisbar seien. Während Piepel und Prümers behaupteten, die Landwirtschaft habe das Problem erkannt und gehe viel verantwortlicher als früher mit dem Stoff um, der aber nicht gänzlich verzichtbar sei, blieb das Publikum skeptisch.

Baurecht, Gülle-Prallteller, Glyphosat als möglicher Parkinson-Auslöser, Kontrolle des Brunnenwassers: Die Diskussion streifte viele Themen, wurde immer spezieller. Am Ende hatten sich die Standpunkte zwar nicht angenährt, aber man hatte doch die jeweiligen Positionen zur Kenntnis genommen und verstanden. Eine Antwort auf die Frage, wie viel Landwirtschaft unser Wasser denn nun tatsächlich verträgt, gab es (noch) nicht. Dafür braucht es wohl noch mehr Diskussion, vor allem aber von allen anerkannte Fakten über die wirkliche Toxizität von Stoffen und die Berechnung von Grenzwerten.

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/2370146?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F105%2F1808502%2F2583240%2F2590771%2F
Eiersuche mit Picknick
Insgesamt 11 000 bunte Ostereier haben Kinderherzen am Montag im Schlossgarten höhe schlagen lassen.
Nachrichten-Ticker