Jugendhilfe in der Diskussion
Gemeinsam Verantwortung für Familien übernehmen

Emsdetten/Kreis Steinfurt -

Ganztags im Kindergarten, ganztags in der Schule: Kinder und Jugendliche wachsen heute stärker in öffentlicher Verantwortung auf als nur in der Privatheit der Familie. Wie Jugendhilfe darauf reagieren sollte, das diskutierten jetzt Vertreter katholischer Jugendhilfeträger mit den fünf im Kreis Steinfurt tätigen Jugendämtern

Donnerstag, 15.05.2014, 17:05 Uhr

Kindheit und Erziehung sind längst nicht mehr die Privatsache von Familien. Heutzutage, so Prof. Dr. Nadia Kutscher , vollziehe sich das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen „innerhalb neuer Mischungsverhältnisse von öffentlicher und privater Verantwortung“. Es gebe eine „organisierte und betreute Kindheit“, in der eine Vielfalt von öffentlichen Institutionen neben der Familie junge Menschen begleiteten. Teil dieser „Institutionalisierung von Kindheit“ sei die Ausweitung von Kindertagesbetreuung und Ganztagsschulen. In der Folge hätten sich fast alle Leistungsfelder der Kinder- und Jugendhilfe stark ausgeweitet.

Kutscher, Professorin für Arbeit und Ethik an der Universität Vechta, formulierte ihre Thesen gestern bei einer Fachtagung „Familien in neuer Gestalt – Kinder- und Jugendhilfe in neuer Verantwortung“, zu der die Katholischen Jugendhilfeträger im Kreis Steinfurt in die Räume von Stroetmanns Fabrik in Emsdetten eingeladen hatten.

Heinz-Josef Kessmann, Direktor des Caritasverbandes für die Diözese Münster, benannte in seinem Referat Prävention, Sozialraumorientierung, Bildung und Inklusion als „Bausteine einer zukunftsfähigen Jugendhilfe“. Diese Entwicklung erfordere allerdings trotz schlechter kommunaler Haushaltslagen „Weiterentwicklungen der Finanzierungsinstrumente“ hin zu einer Infrastrukturförderung. Unverzichtbar bleibe die partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen Öffentlichen und Freien Trägern der Jugendhilfe.

Die war in den letzten Wochen und Monaten auch Teil der öffentlichen Diskussion im Kreisgebiet, nachdem der Kinderschutzbund Rheine und eine ganze Reihe von Fachleuten dem Kreis-Jugendamt öffentlich einen „Sparkurs“ zu Lasten der Kinder und Jugendlichen vorgeworfen hatte.

Umso erfreuter war Moderatorin Vera Konermann, dass alle fünf Jugendämter im Kreis an im Rahmen der Tagung an einer Podiumsdiskussion teilnahmen. Die Träger, so Barbara Kurlemann, vom Sozialdienst katholischer Frauen Ibbenbüren, sähen oft mehr Bedarf als die Jugendämter. Die, so Tilmann Fuchs vom Kreis-Jugendamt, müssten aber berücksichtigen, was die Familien wollten. Die Familien für Veränderungsprozesse zu sensibilisieren sei oft schwer – aber ganz zentral. Wenn Familien keine Hilfe wollten, seien dem Jugendamt die Hände gebunden, unterstützte ihn Beate Tenhaken, Leiterin des Jugendamtes Greven. „Die Art der Wahrnehmung und Umsetzung in konkrete Hilfe ist sehr unterschiedlich“, konstatierte Norbert Dörnhoff , Geschäftsführer der Caritas-Kinderheim gGmbH Rheine. Deshalb müsse das gegenseitige Verständnis unbedingt entwickelt und gepflegt werden. Dazu gehörte auch das Austragen von Konflikten – eine „Kuschelpädagogik“ sei der falsche Ansatz.

Statt den Familien Angebote aufzudrängen, plädierte Christa Kriete vom Caritasverband Emsdetten-Greven und Tecklenburger Land für ein umgekehrtes Verfahren: Freie Träger sollten ihre Angebote vorstellen und die Familien entscheiden lassen, welches das Richtige sei.

Defizite im Angebot für junge Erwachsene, ein Rückgang bei den ambulanten Einzelhilfen und das „Runterfahren von Tagesgruppen“, wie es Dörnhoff beklagte, waren Kritikpunkte seitens der Träger.

Am Ende war aber überraschend, wie einig sich freie Träger und Jugendämter in vielen Punkten waren. So benannte Petra Gittner, Leiterin des Emsdettener Jugendamtes als „größte Herausforderung“, mit der Institution Schule „auf Augenhöhe“ zu kommunizieren. Auch die Ganztagsschule könne , so Dörnhoff, erzieherische Hilfen nicht ersetzen. Raimund Gausmann, Leiter des Jugendamtes Rheine, ernte Zustimmung für seine Forderung, junge Erwachsene, die häufig „nicht lebenstüchtig“ seien, nicht aus den Augen zu verlieren. In Sachen Inklusion beklagte Christian Büchtner, stellv. Leiter des Ibbenbürener Jugendamtes, dass mit Hilfe vieler und teurer Integrationshelfer „Kinder für das „System passend gemacht werden“ – und nicht umgekehrt.

Am Ende war man sich einig, dass nicht nur die Bereitschaft zum Dialog da sei, sondern dass der Dialog sinnvoll, ja unverzichtbar für die weitere Gestaltung von Jugendhilfe sei und deshalb fortgesetzt werden solle.

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