10 Jahre Jugendmigrationsdienst
„Anwältinnen für die Jugendlichen“

Steinfurt/Kreis Steinfurt -

Seit zehn Jahren gibt es im Kreis Steinfurt den Jugendmigrationsdienst. Mit zwei hauptamtlichen Mitarbeiterinnen hilft er jungen Einwanderern, in Deutschland Fuß zu fassen.

Dienstag, 28.07.2015, 17:07 Uhr

Immer ein offenes Ohr für Sorgen und Nöte: Barbara Schonschor (2.l.), Valentina Stelmach (Mitte) und Hennes Elling (3.v.l.) im Kreise jugendlicher Einwanderer.
Immer ein offenes Ohr für Sorgen und Nöte: Barbara Schonschor (2.l.), Valentina Stelmach (Mitte) und Hennes Elling (3.v.l.) im Kreise jugendlicher Einwanderer. Foto: Achim Giersberg

Erst seit zehn Monaten ist Neroz in Deutschland und spricht schon fast akzentfrei deutsch. Die 18-Jährige aus Syrien besucht ein Gymnasium in Borghorst , will später studieren. Aber sie sagt auch: „Das Leben ist nicht einfach“. Dem stimmen wohl auch die anderen zu, die mit ihr an diesem Vormittag am Tisch setzen: Erestina,18, aus dem Kosovo, Secan,27, aus Nordwalde, Marceline, 20, aus Kamerun, Astid, 25, aus dem Kosovo und Patrick, 19, aus den Philippinen. Als Barbara Schonschor vom Jugendmigrationsdienst (JMD) sie zu dem Pressetreffen einlud, sagten sie spontan zu. Denn sie alle verdanken dem Dienst, der von der ev. Jugendhilfe Münsterland getragen wird, dass ihr Leben in Deutschland, wenn schon nicht immer einfach, so doch ein bisschen weniger kompliziert geworden ist.

Gerne erzählen die Jugendlichen davon, wie Barbara Schonschor und Valentina Stelmach , die beiden hauptamtlichen JMD-Mitarbeiterinnen, ihnen geholfen haben: Bei der Bewerbung für einen Ausbildungsplatz, bei der Suche nach Arbeit, bei Fragen des Aufenthaltsrechts und der Sozialsysteme, bei der Anerkennung ausländischer Zeugnisse oder von Berufsabschlüssen und vielem mehr. Schonschor und Stelmach, die eine in Borghorst, die andere in Lengerich, wissen, woran es meistens hapert. „Die Ausbildungsbetriebe sind offen, aber in der Berufsschule funktioniert es oft nicht so“, sagt Schoschor. Dann sei Nachhilfe und Hilfe beim Deutschlernen angesagt. „Wir brauchen mehr Klassen mit Deutsch als Zweitsprache“, sagt sie, auch spezielle Sprachkurse für Frauen. Auch darum geht es: Gespräche mit Behörden, Missverständnisse klären, jeden Einzelfall für sich betrachten, denn „jede Geschichte ist anders“.

Seit zehn Jahren gibt es den Jugendmigrationsdienst und sei zehn Jahren sind Schonschor und Stelmach dabei. Der JMD ist für den gesamten Kreis zuständig, Büros gibt es in Borghorst und in Lengerich, beide Frauen beraten aber häufig auch mobil vor Ort. Gefördert wird der JMD vom Bundesfamilienministerium, Klientel sind Jugendliche zwischen 12 und 27 Jahren mit einem Migrationshintergrund. 2009 kamen die Jugendlichen noch aus 25 Nationen, heute sind es 54 Herkunftsländer. Im vergangenen Jahr hat der JMD 334 Jugendliche beraten, ungefähr so viele wie schon 2013. Die meisten kamen aus dem Kosovo, aus Syrien oder der Türkei, sind Spätaussiedler aus den ehemaligen GUS-Ländern. Ein Viertel der jungen Menschen ist bereits in Deutschland geboren, mehr als die Hälfte ist in den beiden letzten Jahren eingereist.

Unterstützt werden Schonschor und Stelmach von ehrenamtlichen Helfern, oft auch von Jugendlichen selbst, die etwa als Dolmetscher fungieren. Aber: „Das Ehrenamt ersetzt nicht eine fachliche Infrastruktur“, sagt Hennes Elling , pädagogischer Leiter der ev. Jugendhilfe. Er spricht von einem „bürokratischen Flickenteppich“ auf den man gerate, wenn man den ausländischen Jugendlichen helfen wolle und er fordert eine „infrastrukturelle Willkommenskultur“, mehr Flexibilität seitens der Behörden. Schön wäre es, wenn der JMD gleich mit dem „vollen Programm“, also Kursen zu Sprache und Bildung, beginnen könnte und nicht erst auf die Klärung des Aufenthaltsstatus warten müsste. „Selber Druck machen, das können die meisten nicht“, weiß er und Schonschor ergänzt: „Wir sehen uns als Anwältinnen für die Jugendlichen“. Dazu gehört manchmal auch, Träume zu erden. „Viele Vorstellungen sind nicht realistisch“, weiß Valentina Stelmach und wiederholt: „Sprache ist das A und O, sie muss sehr gut sein“.

Dass die Jugendlichen „extrem leistungsbereit“ sind, wie Elling sagt, verhindere nicht, dass viele erst einmal in einer Förderschule landen – der Sprachprobleme wegen. Er wünscht sich „offensivere Möglichkeiten“, auf die „enorme Motivation“ der Jugendlichen eingehen zu können. Dazu gehöre oftmals auch eine Trauma-Therapie, denn viele kämen mit den furchtbaren Bildern von Gewalt nicht zurecht, die sie erlebt haben.

Selcan, die junge Kurdin, wäre schon mit etwas mehr Verständnis zufrieden: „Ich habe selber schon erlebt, wie Leute abgewiesen werden, nur weil sie die Sprache nicht beherrschen“.

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