Politik macht Druck
Konzept gegen Ärztemangel gesucht

Kreis Steinfurt -

Es sei zu lange geredet worden, ohne dass sich etwas tue, kritisiert die Kreispolitik. Jetzt folgte der Gesundheitsausschuss einem CDU-Antrag, die Verwaltung möge ein Konzept gegen den drohenden Ärztemangel erarbeiten. Dafür werde es höchste Zeit, sagen Experten.

Montag, 05.12.2016, 16:12 Uhr

Hausärzte gibt es derzeit noch genügend im Kreis Steinfurt, aber in wenigen Jahren schon werden sie zur Mangelware, weiß KVWL-Bezirksstellenleiter Dr.Rainer Nierhoff (kleines Foto)
Hausärzte gibt es derzeit noch genügend im Kreis Steinfurt, aber in wenigen Jahren schon werden sie zur Mangelware, weiß KVWL-Bezirksstellenleiter Dr.Rainer Nierhoff (kleines Foto) Foto: dpa

„Die Politik scheint endlich aufzuwachen, nachdem die Kreisverwaltung bislang keine Notwendigkeit zum Handeln sah“, kommentiert Dr. Rainer Nierhoff den jüngsten, einstimmigen Beschluss des Gesundheitsausschusses , die Kreisverwaltung Steinfurt damit zu beauftragen, gemeinsam mit der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen- Lippe, KVWL, ein Konzept zu entwickeln, wie dem drohenden Haus- und Fachärztemangel im ländlichen Raum begegnet werden könne.

Nierhoff, noch bis Jahresende Bezirksstellenleiter Münster I für die KVWL und damit auch für das Kreisgebiet zuständig, sieht zwar kurzfristig nicht die Gefahr einer medizinischen Unterversorgung im Kreisgebiet, wohl aber in fünf bis zehn Jahren. Derzeit versuche die KVWL die Ärzte-Verteilung zu steuern, indem sie die Niederlassung im „Speckgürtel“ von Münster, also etwa in Emsdetten und Greven untersage. Dennoch müsse man sehen, dass derzeit in Westfalen-Lippe jährlich 100 Mediziner ihre Prüfung als Facharzt für Allgemeinmedizin ablegten, gebraucht würden aber 300 pro Jahr. Gegenüber dem Kreis Borken oder Ost-Westfalen stünde der Kreis Steinfurt noch verhältnismäßig gut da.

Dennoch unterstützt Nierhoff entschieden das Ansinnen der Parteien, insbesondere der CDU , die den Antrag eingebracht hatte, schon jetzt eine Strategie gegen den Ärztemangel zu entwickeln. Da sehe er vor allem den Kreis in der Pflicht. Bisher habe der leider keine Notwendigkeit gesehen, sich um das Thema zu kümmern, im Gegenteil: Der Kreis habe drei Gesundheitsamtsstandorte in Ibbenbüren, Rheine und Tecklenburg aufgelöst, habe sich aus der Methadon-Versorgung für Süchtige zurück gezogen, habe die Stelle eines Gesundheitsdezernenten abgeschafft und ebenso die Dienstbereitschaft des Gesundheitsamtes, etwa wenn es um die Unterbringung psychisch Kranker oder um Leichenschauen gegangen sei. Gesundheitspolitik sei vor allem unter Kostengesichtspunkten betrieben worden - „da muss man sich nicht wundern, wenn der Kreis Steinfurt in der Wertschätzung von Ärzten ins Hintertreffen gerät,“ sagt Nierhoff, und: „Der Ball liegt nicht bei der KVWL“.

Der Kreis Borken etwa sei dem Kreis Steinfurz bereits in vielem voraus: Dort gebe es einen Stammisch für angehende Hausärzte, es gebe Info-Touren für Medizinstudenten, der Kreis fördere Medizinstudenten ganz oder teilweise über eigene Stipendien und übernehme die Kosten für dreimonatige Pflichttertiale oder bezuschusse sie. „Das alles hat der Kreis Steinfurt nicht für nötig befunden“, sagt Nierhoff. Aus seiner Praxis kenne er auch Fälle, in denen der Kreis bzw. die Kommune vor Ort Ärzte nicht dabei unterstützt habe, Plätze für die Kindertagesbetreuung zu finden. Dabei habe eine Umfrage des Hartman-Bundes ergeben, dass die Vermittlung eines Arbeitslatzes für den Ehepartner und einer Kinderbetreuungsstelle für junge Mediziner ein zentrales Argument bei der Niederlassung sei. Immerhin gebe es jetzt einen Arbeitskreis der Bürgermeister aus dem besonders betroffenen Nordteil des Kreises, aber auch da halte sich der Kreis weitgehend raus.

Der Kreis könne nur moderieren und koordinieren, meint Francis Ruwe, für die CDU im Gesundheitsausschuss, aber das solle er entschiedener als bisher tun. Sie geht davon aus, dass sich jetzt ein Arbeitskreis konstituiert, der der Gesundheits- und Pflegekonferenz angeschlossen ist. Anreize für Hausärzte zu schaffen, indem ihnen günstige Grundstücke oder Immobilien angeboten werden, sei das Eine. Darüber hinaus müsse es auch Zulassungserleichterungen beim Studium geben, etwa einen NC-Bonus für die Verpflichtung als Landarzt. Auch der Aufbau medizinischer Versorgungszentren müsse unterstütz werden, „Das ist alles noch Neuland für uns, und wir müssen uns erst an das Thema rantasten“, sagt Ruwe. „Geredet“ werde schon lange , allein, es tue sich nichts. Das müsse jetzt anders werden.

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