Ladbergen
Frauen und Kinder in den Keller gejagt

Freitag, 10.08.2007, 15:08 Uhr

Ladbergen . In dem Artikel „Mit’n Schwien nao’n Bedde gaohn“ war bereits die Rede von Plünderungen in Ladbergen nach Kriegsende. Vornehmlich beteiligt daran waren ehemalige Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter, die von ihrer wiedererlangten Freiheit einen für die Bevölkerung unliebsamen Gebrauch machten. Sie waren in einem Stadtteil von Greven untergebracht. Vornehmlich operierten sie bei Nacht. Wie Friedrich Saatkamp in seinem Kriegstagebuch berichtet, gab es damals in Ladbergen an die 200 Überfälle, die er fast alle aufführt. Der folgende ereignete sich am 15. Mai 1945.

Die damals13-jährige Renate Jakobus , verheiratete Herzog in Wiehl, erzählte jetzt bei ihrer Teilnahme an der Diamantenen Konfirmation in Ladbergen von ihrem Erlebnis eines Überfalls am helllichten Tage auf den Hof Stockdiek-Jakobus, Brockwiesen 45 (jetzt Goedecke). Sie kam gern der Bitte von Willi Untiet nach, diese Geschichte aufzuschreiben.

„Es war im Frühsommer 1945, es war kurz nach dem Mittagessen, und wir waren gerade mit dem Spülen fertig, da stürmten sieben oder acht Polen in unser Haus. Sie jagten uns in den Keller. Meine Mutter und mich band man Rücken an Rücken zusammen. Anna Wiemann , der Ehefrau von Walter Wiemann, dem Pächter des Hofes, wurden die Arme um ihr eineinhalbjähriges Kind Heinz gelegt und davor die Hände gefesselt. So durfte sie sich auf eine Stufe der Kellertreppe setzen.

Meine Mutter und ich standen in der Mitte des Kellers. Auf die oberste Treppenstufe setzte sich ein Pole mit einer ziemlich großen Pistole. Ob es eine Maschinenpistole war, weiß ich nicht. Mit diesem Ding zielte er immer auf uns und schrie: ,,Wo hast du Geld, wo hast du Schmuck?“ Wir verhielten uns ganz ruhig und sagten gar nichts.

Plötzlich passierte etwas.

Oben im Haus hörte man ein Rennen und lautes Reden, was wir jedoch nicht verstanden. Jedenfalls herrschte dort große Aufregung. Meine Mutter meinte zu mir: „Da ist jemand gekommen“, und wir hofften auf unsere Befreiung. Und schon ging die Kellertür auf, und ein Mann – nur mit einer Unterhose bekleidet – wurde zu uns in den Keller gejagt. Wir wussten nicht, was das zu bedeuten hatte. Es dauerte noch eine ganze Weile, dann wurde es oben ruhig. Zuvor hatten die Diebe noch den riesengroßen Esstisch, der in der Erntezeit gebraucht wurde, vor die Kellertür geschoben.

Nachdem es längere Zeit ruhig blieb, versuchten wir, aus dem Keller herauszukommen. Anna Wiemann, bei der die Hände nicht ganz so fest zusammengeschnürt waren wie bei meiner Mutter und mir, konnte ihre Fesseln lösen und befreite danach auch uns und den fast unbekleideten Mann. Dieser versuche mit aller Kraft den vor die Kellertür geschobenen Tisch beiseite zu schieben, was ihm auch gelang. Und bald darauf standen wir alle oben.

Aber was war das für ein Mann, der zu uns in den Keller gebracht worden war?

Wie sich herausstellte, war er als so genannter ,,Ümmesegger“ (Leichenbitter) unterwegs gewesen und ahnungslos auf unseren Hof gekommen. Die Polen witterten in ihm eine Gefahr und hatten ihn gründlich durchsucht.

Bis auf die Unterhose musste er sich ausziehen. Man hatte ihm einfach alles weggenommen und ihm die Hände auf dem Rücken zusammengebunden, bevor er in den Keller gejagt wurde.

Was sonst auf dem Hof im Einzelnen alles mitgenommen wurde, weiß ich nicht so genau, jedoch war kein Fahrrad mehr vorhanden und kein Anzug mehr im Schrank, so dass der Ümmesegger – bekleidet mit einem alten Arbeitskittel von uns – seinen Heimweg zu Fuß und in Holzschuhen antreten musste.

Wie ich kürzlich von seiner Tochter hörte, hat er damals nach seiner Rückkehr nach Overbeck gesagt, er habe nie geglaubt, dass er unseren Keller lebend verlassen könne. Ich weiß heute, dass ich als Kind die gefährliche Situation noch nicht erkannt hatte.“

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