Ladbergen
Zufall oder Macken im System?

Freitag, 29.08.2008, 17:08 Uhr

-grü- Ladbergen . Die beiden Daten werden die Anlieger der Goethestraße, der Schillerstraße, der Danziger Straße, der Waldseestraße und der Breedenstraße so schnell nicht vergessen: Am 29. Juli und am 4. August hieß es bei vielen von ihnen „Land unter“, oder besser „Keller unter Wasser“. Mehr als 50 Millimeter Starkregen, der innerhalb von 20 Minuten über dem Dorf niederging, brachte das Entwässerungssystem zum Erliegen.

Die großen Regenmengen führten zu einem Rückstau beim Schmutzwasser, das durch die Abflüsse in die Keller der Gebäude zurück drückte, die nicht durch ein Rückschlagventil gesichert waren. Die Feuerwehr war nach beiden Starkregenereignissen pausenlos im Einsatz, um die Keller leer zu pumpen. Ganz beseitigt sind in einigen Häusern die Folgen der unappetitlichen Überschwemmungen auch nach mehr als drei Wochen noch nicht.

„Sie machen sich gar kein Bild, wie es bei uns im Keller ausgesehen hat. Das stinkende Wasser aus dem Schmutzwasserkanal stand über einen halben Meter hoch. Alles, was in den Kellerräumen gelagert war, wurde durcheinander gespült. Waschmaschine, Trockner und Dampfreiniger sind nicht mehr zu gebrauchen“, schilderte eine Anwohnerin am Donnerstagabend im Tannenhof.

Hierher waren auf Initiative von Reinhard Fiegenbaum, Alexander Fenker und Andreas Bock über 50 betroffene Anlieger gekommen, um Ursachenforschung zu betreiben, schließlich haben sie alle von den übel riechenden Überschwemmungen im wahrsten Sinne „die Nase voll“ und verspüren keinerlei Lust, bald wieder mit Gummistiefeln in ihren Kellerräumen zu stehen. Um einen Überblick über das ganze Ausmaß der Schäden zu erhalten, füllten die Betroffenen entsprechende Fragebögen aus, die in den nächsten Wochen ausgewertet werden sollen.

Warum war gerade in diesem Teil des Dorfes gleich zwei Mal innerhalb von wenigen Tagen die Kanalisation restlos überfordert? Funktioniert vielleicht das Abwassersystem nicht richtig, ist nicht leistungsfähig genug oder marode? Wird möglicherweise von einem Gewerbebetrieb mehr Schmutzwasser in die Kanalisation geleitet, als erlaubt? Schließlich, so die Beobachtung der Anwohner, geht seit einiger Zeit von den Gullis auch vermehrt eine starke Geruchsbelästigung aus.

Bauamtsleiter Udo Decker-König stand den Bürgern Rede und Antwort, wies aber jede Verantwortung der Gemeinde für die entstandenen Wasserschäden zurück. „Die Kanalisation ist in Ordnung. Wir haben nach dem Starkregen ein Unternehmen beauftragt, das alle Rohre mit einer Kamera durchleuchtet hat. Beschädigungen wurden nicht entdeckt“, so Decker-König. Auch was den Querschnitt der Rohrleitungen angehe, sei alles im Bereich der Normen, so Decker-König.

Dass dieses System aber bei Starkregenereignissen an seine Grenzen stieße, sei in die Berechnungen, die sich nach den Vorgaben des Landes richten, mit einkalkuliert. „Durchschnittlich ein Mal im Jahr ist mit einem solchen Ereignis zu rechnen“, zitierte Decker-König aus den Vorschriften. „So etwas passiert aber tatsächlich absolut selten. Dass gerade zwei Mal innerhalb weniger Tage Ladbergen betroffen war, ist wohl ein unglücklicher Zufall.“

Aber auch das Regenwasser konnte teilweise nicht so rasch in den Mühlenbach abfließen wie gewohnt. „Das Wasser floss über die Breedenstraße wie Vater Rhein“, schilderte ein Anwohner.

Damit jedoch beim nächsten Starkregen nicht wieder Regenwasser von den Straßen auf die Grundstücke und in die Keller fließt, wie an einigen Stellen geschehen, soll durch zusätzliche Regenabflüsse gewährleistet werden, die die Gemeinde einbauen will. Sich vor einem möglichen Schmutzwasserrückstau in ihren Kellern zu schützen, dafür seien die Hausbesitzer aber selbst verantwortlich, so Decker-König.

Was können wir tun? Diese Frage beschäftigte die betroffenen Anwohner deshalb im zweiten Teil der Versammlung. „Wir säßen alle wohl heute nicht hier, wenn wir ein funktionierendes Rückstausicherungssystem gehabt hätten“, machte Reinhard Fiegenbaum deutlich. Nach dem erheblichen Schmutzwasserschaden im Keller seiner Gaststätte, der übrigens die letzten fünf Jahrzehnte immer trocken war, hat Fiegenbaum schon ein solches Ventil einbauen lassen. „Seitdem schlafe ich etwas ruhiger“, bekannte Fiegenbaum.

Schäden, die bei Überschwemmungen im Keller durch Starkregenereignisse wie in Ladbergen entstehen, sind abgedeckt von einer um Elementarschäden erweiterten Hausratversicherung. „Den Schmutz und den Ärger aber haben Sie dennoch“, informierten Hubertus Frische (Provinzial), Heinz Kuck (HUK Coburg) und Robert Fischer (LVM) die Versammlungsteilnehmer und rieten zum Schutz vor Überschwemmungen ebenfalls zum Einbau einer Rückstausicherung.

„Darüber müssen wir uns jetzt wohl Gedanken machen“, waren sich die Anwohner der betroffenen Straßenzüge einig und fürchten vor dem Hintergrund der globalen Klimaveränderungen: „Der nächste Starkregen kommt bestimmt.“

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