Westfälische Firma sorgt für Winterstimmung
Schnee in Ladbergen: Let it snow, let it snow... - alles nur Show

Wer keinen Schnee hat, muss sich welchen machen: Das ist die Devise von Lucien Stephenson und seinem Unternehmen „Snow Business“.

Sonntag, 08.12.2013, 01:12 Uhr

Über Wetterkapriolen wundern sich die Nachbarn und regelmäßige Spaziergänger im Ladbergener Huckrieden Esch schon längst nicht mehr. Wenn im Frühjahr der Schnee leise rieselt, im August Schneebälle durch die Gegend fliegen, im September Eisblumen an den Fenstern blühen – alles ganz normal. Mitten drin steckt dann in aller Regel Lucien Stephenson .

„Ich bin so ein Schnee-Nerd“, merkt der in Osnabrück geborene Engländer ganz bescheiden an. Und damit will er nicht sagen, dass er gerne in den Skiurlaub fährt. Stephensons Schnee liegt nicht auf Bergen herum. Eher schon in Filmstudios und in Schaufenstern. Mit seiner Firma „Snow Business“ sorgt er in ganz Deutschland und weit darüber hinaus für winterliche Spezialeffekte. Wer für Winterreifen werben oder Krimis in verschneiten Landschaften drehen will, ist bei Snow Business richtig. Die Devise der kleinen Firma hängt dezent eingerahmt an der Wand: „Winter ist keine Jahreszeit, sondern eine Aufgabe“.

Stephenson widmet sich ihr seit 17 Jahren. Und mit fast wissenschaftlicher Akribie. Dass die Inuit, die Eskimos, angeblich 100 Wörter für jeweils unterschiedlichen Schnee haben, entlockt dem Engländer nur ein müdes Lächeln. Snow Business kann allein 140 Sorten falschen Schnee produzieren. Aus Schaum, aus Kunststoff , aus Papier, aus Wachs. Für jeden Zweck den richtigen Schnee. Und den gibt es nicht nur in strahlendem Weiß: Wer einen Wintertag im Kohlenpott der 1960er Jahre wieder auferstehen lassen will, braucht grauen oder schwarzen Schnee. Snow Business liefert auch ihn.

Schnee für alle

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  • Foto: Wilfried Gerharz
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In der Filmbranche ist der Huckrieden Esch längst eine etablierte Adresse. Für „Das Bourne Ultimatum“ haben die Profis von Snow Business eine Woche lang Teile Berlins eingeschneit. Der Wald, der den sieben Zwergen nicht groß genug war, lag unter Papierschnee „made by Stephenson“. Veronica Ferres stapfte „Unter Bauern“ durch den Kunstschnee „Movie Snow HSX“ und fror im „Frost Powder“. Auf Mario Adorf und Günter Lamprecht rieselten die Flocken aus Ladbergener Schneekanonen in „Epsteins Nacht“. Gleich 14 Tonnen Kunstschnee bedeckten den Wald bei Bad Tölz für „Wer ist Hanna?“ Die Liste ließe sich fast beliebig fortsetzen. An Snow Business geht in Babelsberg und Hamburg, bei Bavaria und Trebitsch kein Weg vorbei.

Nicht mal in der kalten Jahreszeit. „Kein Mensch kann sich erlauben, auf echten Schnee zu warten“, weiß Lucien Stephenson. Wer will schon Schauspieler und Komparsen, Regisseur und Kameraleute, Fahrer und Techniker tage- oder wochenlang auf das passende Ambiente warten lassen? Da werden lieber die Profis aus Nordwestfalen bemüht. Auch wenn die für jeden Drehtag sicher drei Tage arbeiten müssen. Und wenn sie bei großen Projekten schon mal sechsstellige Rechnungen schreiben.

Weshalb Stephenson manches Gespräch mit Regisseur und Produzent nicht mit den Worten beginnt: „Was wollt ihr haben für den Film?“ Sondern, eher prosaisch: „Was könnt ihr euch leisten?“ Die billigste Tüte Kunstschnee kostet 7,14 Euro, nach oben sind die Grenzen offen. Alles dazwischen ist Verhandlungssache und handwerkliches Geschick. Wer nicht über einen gut gefüllten Geldbeutel verfügt, wird im Film kaum Totalen von komplett eingeschneiten Winterlandschaften zeigen können. Andererseits: Sehr eindrucksvolle Eisblumen auf der Scheibe gibt es schon für ein paar Euro. Und auch bei deren Anblick fröstelt es die Zuschauer im Vorführsaal ziemlich heftig.

Bei eisgekühlten Drinks made in Ladbergen läuft den Betrachtern dagegen das Wasser im Munde zusammen. Dabei ist alles ein und dasselbe: absoluter Bluff. Seifenschaum wird zu fallenden Schneeflocken, Wachsraspeln oder Papierflocken bedecken den Boden, Plastik und Glyzerin müssen blankes Eis darstellen. Hin und wieder springt mal eine dünne Folie ein. Nicht mal bei klirrendem Frost – und Stephenson hat schon bei minus 27 Grad Schnee gemacht – setzt Snow Business Wasser und Schneekanonen wie für die Piste ein. „Das ist zu unsicher“, erklärt Stephenson, „und es verändert sich zu schnell.“ Wenn eine Szene für den Film sich über zwei Drehtage zieht, sorgt die veränderte Schneedecke im Film für äußerst unangenehme (Farb-) Sprünge. „Unser Schnee bleibt unverändert.“

Snow Business

1982 startete Snow Business seine Arbeit in England. 1996 stieg Lucien Stephenson dort ein. Der 44-Jährige war in Osnabrück aufgewachsen, hatte in einer Spedition gelernt und danach studiert. Quasi nach drei Lehrjahren ging Stephenson 1999 zurück nach Deutschland und startete auch hier mit Snow Business.

Inzwischen ist die Firma eigenständig, betreut Deutschland, Österreich und die Schweiz, stattet vornehmlich Film- und Werbeproduktionen aus, beliefert aber auch Dekorateure. Inzwischen arbeiten vier Schneemacher Vollzeit und eine Teilzeitkraft für Snow Business. Für aufwendige Aufträge kommen noch bis zu 15 freie Mitarbeiter hinzu.

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Obwohl es dem Schnee egal ist: Gedreht und fotografiert wird fast ausschließlich im Winter. Weil schwitzende Schauspieler und Models in Winterlandschaften eigenartig aussehen. Vor allem aber, weil schneebedeckte Blumen und voll belaubte Bäume unter der weißen Pracht ziemlich eigenartig aussehen.

Das sorgt für manche Höhenflüge im Berufsleben. „Es ist schon klasse, den Schweizern im Winter Schnee zu verkaufen“, sagt Stephenson, „mindestens genauso gut, wie den Arabern Sand zu verkaufen.“ Auch durfte er mal für einen besonderen Dreh mit dem Helikopter auf 4000 Meter Höhe schweben und in den Sonnenaufgang schauen. „Und das gibt’s sogar umsonst.“ Der Anglo-Westfale hat schon in den Dolomiten Schnee gemacht und auf Island. Langweilig wird der Job nicht.

Zumal die Menschen, mit denen es der Kunstschneemacher zu tun hat, sehr verschieden sind. Manche staunen mit großen Augen über ungeahnte Möglichkeiten. Andere haben sehr fixe Vorstellungen – und kein Interesse daran, ob und wie etwas technisch möglich ist. „Und manche Regisseure wissen mehr über meinen Job als ich selbst.“ Generell aber, und das schiebt Stephenson ein, bevor sich ein anderer Eindruck verfestigt, ist die Stimmung an den Drehorten aber blendend: „Da gibt es viele spannende und offene Menschen. Mit oft erstaunlich guter Laune.“

Genau dafür tüftelt das Snow-Business-Team immer weiter. Für die „Operation Walküre“ haben die Ladbergener schon Bombenkrater und die dazugehörige Asche aus Kunstschnee produziert. Ein Handy in einem Plastikblock, ausgestellt im schlichten Firmengebäude, sieht aus wie gerade im Eis erstarrt. Und jetzt ist ihnen auch noch ein Schneeball gelungen: „Der zerplatzt wie ein echter.“ Sogar im Hochsommer.

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