Interview: Pater Hans-Michael Hürter feiert silbernes Priesterjubiläum
„Kirche steht am Scheideweg“

Ladbergen -

Er hat kirchliche Basisarbeit im afrikanischen Ruanda geleistet sowie im südfranzösischen Marseille geleistet und ist jetzt in Ladbergen tätig. Unser Redakteur Michael Baar sprach mit Pater Hans-Michael Hürter aus Anlass des silbernen Priesterjubiläums.

Samstag, 06.09.2014, 06:09 Uhr

Pater Hans-Michael Hürter empfängt am Sonntag in der St. Christophorus-Kirche das silberne Priesterjubiläum.
Pater Hans-Michael Hürter empfängt am Sonntag in der St. Christophorus-Kirche das silberne Priesterjubiläum. Foto: Michael Baar

Morgen gilt es um 9.30 Uhr in der St. Christophorus-Kirche zwei Anlässe zu feiern: das silberne Priesterjubiläum von Hans-Michael Hürter und das 20-jährige Bestehen des Singkreises St. Christophorus. Anschließend wird zur Begegnung ins Pfarrheim eingeladen. Unser Redakteur Michael Baar hat mit Pater Hans-Michael Hürter, der kirchliche Basisarbeit im afrikanischen Ruanda sowie im südfranzösischen Marseille geleistet hat und jetzt in Ladbergen tätig ist, über seinen Werdegang als Pater der Afrika-Missionare „Weiße Väter“ gesprochen.

Herr Hürter, wann haben Sie den Priesterberuf „entdeckt“?

Hans-Michael Hürter: Im Gymnasium gab es in der Oberstufe einen Liturgiekreis. Da wurden Gottesdienste vorbereitet, ebenso Einkehrtage und es gab Kurz-Impulse.

Gab es auch Menschen, die Sie beeindruckt haben?

Hans-Michael Hürter: Wir hatten eine gute Gruppe von Lehrern, die uns begleitet haben. Zu manchen habe ich noch Kontakt. Damals wurde der Wunsch geweckt, Priester zu werden.

Sie sind Ordenspriester geworden. Was gab dafür den Ausschlag?

Hans-Michael Hürter: Ich habe mich im Bistum umgeschaut, auch im Priesterseminar in Münster. Dort hatten die Weißen Väter ein Haus, in dem es regelmäßige Treffen mit Jugendlichen gab.

Und wo Sie zum ersten Mal von der Arbeit in Afrika hörten?

Hans-Michael Hürter: Das hat mich fasziniert, das Einfache, das an der Basis Arbeiten. Ja, das hat mich angezogen und ich wollte auch was Neues sehen.

Warum haben Sie das Grundstudium in Trier gemacht?

Hans-Michael Hürter: Dort gab es eine kleine Fakultät und viele Kontakte zum Priesterseminar, zu Benediktinern und anderen. Münster war mir zu groß.

Ihr Noviziat haben Sie in Fribour verbracht. Mussten Sie Französisch oder eine andere Fremdsprache lernen?

Hans-Michael Hürter: Ich hatte schon in der Schule Französisch, das war nicht so schwer, in Fribour zurechtzukommen.

Sprechen Sie weitere Fremdsprachen?

Hans-Michael Hürter: Die Weißen Väter verlangen Zweisprachigkeit, wobei Deutsch nicht zählt. Ich spreche auch Englisch und die Landessprache in Ruanda.

Dort haben Sie ein zweijähriges Praktikum absolviert. Was hat man sich darunter vorzustellen?

Hans-Michael Hürter: Wichtig war, die Sprache zu lernen. Dann ging es darum zu erfahren, wie die Menschen dort leben.

Nach weiteren drei Jahren Studium und Priesterweihe sind Sie nach Ruanda zurückgekehrt in eine Kirchengemeinde. Wie ist dort Ihr Alltag verlaufen?

Hans-Michael Hürter: Mit drei Mitbrüdern habe ich in einem Haus gewohnt. Wir haben Gemeindearbeit geleistet in einem Gebiet, in dem rund 40 000 Katholiken auf einer Fläche von gut 400 Quadratkilometern leben.

Es gab also viele Außenstationen?

Hans-Michael Hürter: Ja, und einige waren nur zu Fuß zu erreichen.

Wo lagen die Schwerpunkte Ihrer Arbeit?

Hans-Michael Hürter: Es war sehr viel Jugendarbeit, weil es so viele junge Menschen gibt. Die waren auf der Suche nach anderen Formen der Spiritualität.

Wie gingen Sie darauf ein?

Hans-Michael Hürter: Wir haben viel gearbeitet im bewusst machen, dass die Basis die Kirche lebt.

Was war anders als in Deutschland?

Hans-Michael Hürter: Abendmahlfeiern sind von ausgebildeten Laien gehalten worden, das war normal. Wir haben in dem Bereich sehr viel Aus- und Fortbildung gemacht.

Ein großes Thema in Afrika, mit dem sich die Amtskirche schwer tut, ist Aids, HIV-Infizierung?

Hans-Michael Hürter: Das ist damals aufgekommen. Wir, also meine Mitbrüder und ich, haben auf Verhütungsmittel hingewiesen. Natürlich ist Enthaltsamkeit der beste Schutz, aber klar, Kondome sind ein Thema gewesen in Gesprächen. Zudem habe ich einen Satz des damaligen Bischofs von Paris nicht vergessen: Wir sollen den Tod nicht weitergeben.

Welche Perspektiven hatten dort Jugendliche?

Hans-Michael Hürter: Wir haben versucht, Ihnen Grundzüge von Berufen zu vermitteln. Eigentlich war das auch ein ganzes Stück weit Entwicklungsarbeit um zu zeigen, wie man mit wenigen und einfachen Mitteln viel erreichen kann.

1994 dann die Flucht nach Burundi. Was war der Auslöser?

Hans-Michael Hürter: In Ruanda hatte der Genozid eingesetzt, waren ethnische Spannungen hochgekommen. Als Weiße konnten wir zunächst sogar mit den Soldaten noch reden, auf Gerechtigkeit und Frieden hinweisen. Doch dann wurden auch die Weißen Väter bedroht, ein Arbeiten war dort nicht mehr möglich, wir flohen ins Nachbarland.

Wusste Ihre Familie immer, wie es Ihnen geht?

Hans-Michael Hürter: Es gab noch keine Handys, kein Internet. Briefe waren der normale Kommunikationsweg und die brauchten drei Wochen von Deutschland nach Ruanda und umgekehrt. In Burundi habe ich mich mit einem Mitbruder in der deutschen Botschaft gemeldet. Die haben umgehend meine Eltern informiert, dass es mir gut geht. Das war schon klasse, wie die Mitarbeiter der Botschaft reagiert haben.

Zurück in Deutschland haben sie auf einer geteilten Stelle für den Orden und in einer Pfarrgemeinde in Köln-Mülheim gearbeitet. War die Umstellung da groß?

Hans-Michael Hürter: Klar, ich musste mich erst einarbeiten, hören, was brauchen die Menschen dort.

Dann kam die Anfrage, ob Sie nach Marseille gehen wollen. Mussten Sie lange überlegen?

Hans-Michael Hürter: Ich bin der Bitte gerne gefolgt, auch wenn ich wusste, dass es in einen sozialen Brennpunkt geht, wo viele Migranten leben, viele Muslime und nur wenige Christen.

Gab es Spannungen?

Hans-Michael Hürter: Es gab eine gute Zusammenarbeit. Entscheidend war wohl der damalige Bürgermeister von Marseille. Der hat Vertreter aller Religionen zusammengerufen und gefragt, was alle gemeinsam für den Frieden in der Stadt tun können.

Es sind alle gekommen und es hat funktioniert?

Hans-Michael Hürter: Ja, es hat funktioniert. Es wurden viele gemeinsame Dinge gemacht.

Beispielsweise?

Hans-Michael Hürter: Gebetsräume für jede Religion in einem Gebäude. Trotz mancher Vorbehalte hat das geklappt.

Wie sind Sie dann nach Ladbergen gekommen?

Hans-Michael Hürter: Die Weißen Väter suchten jemanden für das Referat Weltkirche. Das war aber nur eine halbe Stelle. Der Orden hat dann wohl beim Bistum nach einer weiteren halben Stelle für mich gesucht und da hat man wohl auf die Karte geschaut, zwei Abfahrten hinter Münster, das ist nicht so weit, das passt (lacht).

Wenn Sie die kirchliche Arbeit beschreiben müssten, dann ist Ruanda?

Hans-Michael Hürter: Die afrikanische Kirche ist sehr jung, schaut aber auch noch auf römische Traditionen. Gastfreundschaft ist in Afrika ein sehr hohes Gut.

Und in Frankreich?

Hans-Michael Hürter: Frankreich hat sich von vielen römischen Traditionen längst gelöst. Dort gibt es sehr viel Freiheit und Verantwortung für die Leute an der Basis und einen offenen Dialog, auch mit dem Bistum.

Wo steht die katholische Kirche in Deutschland?

Hans-Michael Hürter: Vor einem Scheideweg, so wie Frankreich vor 20 Jahren. Dort hat man keine Kirche zugemacht, nur weil keine Leute mehr gekommen sind. In Deutschland gibt es hohe Standards als Vorgabe, da ginge es manchmal auch einfacher.

Ihr Wunsch?

Hans-Michael Hürter: Ein bisschen mehr Exotik in der Kirche und ein bisschen mehr Beweglichkeit, Querdenken sowie andere Kirchenformen würde ich mir wünschen.

Andere Formen?

Hans-Michael Hürter: Es gibt viele tradierte Formen, die man so gar nicht weitergeben kann. Kirche sollte immer hinhören, was brauchen die Menschen. Die Frohe Botschaft darf auch gerne mal unkonventionelle Wege gehen.

Schaffen Sie diesen Spagat?

Hans-Michael Hürter: Ich glaube schon. Manchmal ist es aber schade, dass man auch konventionelle Formen der Liturgie nicht mehr vermitteln kann.

Was ist sehr wichtig?

Hans-Michael Hürter: Man muss die Leute aktiv beteiligen, denen mehr zutrauen und sie auch mal machen lassen.

Hilft dabei das „unkonventionelle“ Pfarrhaus in Ladbergen?

Hans-Michael Hürter: Ich finde es gut, mitten unter den Menschen zu wohnen.

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/2719404?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F105%2F173%2F2583001%2F4849481%2F
So stellt sich die SPD den neuen Hafen-Markt vor
Die Baustelle am Hafencenter liegt still. Nach Vorschlägen der SPD könnte dort anstelle eines großen Supermarktes eine Markthalle entstehen, ohne dass die bereits fertigen Rohbauten abgerissen werden.
Nachrichten-Ticker