Besuch in der Kunstakademie
Junge Frau mit großem Traum

Ladbergen/Münster -

Damit hatte Souher Al-Taleb nicht gerechnet. Die 20-jährige Syrerin war mit Günter Struck von der Ladberger Flüchtlingshilfe nach Münster gefahren. Im Gepäck einige ihrer Bilder. In der Kunstakademie wollte Prorektor Professor Cornelius Völker auf Bitte der Westfälischen Nachrichten seine Meinung dazu äußern. Statt im stillen Kämmerlein tat er das im Beisein etlicher Malerei-Studierender.

Freitag, 14.04.2017, 06:04 Uhr

Hunderte ihrer Bilder trägt Souher Al-Taleb (rechts) auf ihrem Smartphone bei sich. Professor Cornelius Völker (links) und die Studierenden der Kunstakademie warfen kritische Blicke auf die Werke. Der Fachmann fand dabei auch lobende Worte.
Hunderte ihrer Bilder trägt Souher Al-Taleb (rechts) auf ihrem Smartphone bei sich. Professor Cornelius Völker (links) und die Studierenden der Kunstakademie warfen kritische Blicke auf die Werke. Der Fachmann fand dabei auch lobende Worte. Foto: Sigmar Teuber

Rückblick: Die junge Frau war in der Hoffnung auf ein besseres Leben mit dem Boot übers Meer aus Syrien geflohen. Seit Oktober 2015 wohnt sie mit einem Teil ihrer großen Familie in Ladbergen . In Lengerich besuchte sie einen Sprachkursus, den sie mit der Prüfung der Stufe B1 (bestätigt eine selbstständige Verwendung der deutschen Sprache) abgeschlossen hat. Im Heidedorf fand Souher Al-Taleb ihre große Liebe. Ihr Mann kommt aus Damaskus. Geheiratet, erzählt Günter Struck , haben die Beiden nach syrischem Recht.

Viele ihrer Erlebnisse von Krieg und Flucht hat die Syrerin in ihren Bildern festgehalten. Darüber hinaus zahlreiche weitere Motive. Mit dem Malen begann sie im Alter von sechs Jahren. Bilder, die ihre Mutter vorgab, waren die ersten Motive: Tiere, Blumen, Landschaften. In der Schule bestimmten die Lehrer das Programm. Vor etwa drei Jahren konzentrierte sich Souher zunächst auf ihre Leidenschaft: Mode. Später kamen weitere Motive dazu.

Günter Struck, der im Rahmen der Flüchtlingshilfe Ladbergen ehrenamtlich Deutsch-Unterricht erteilt, entdeckte eines Tages, dass die junge Frau viele ihrer Bilder immer auf ihrem Tablet dabei hatte. Sie schickte ihm fast 100 davon. „Ich habe dann gemeinsam mit Heike Peters von der Gemeindeverwaltung eine Ausstellung mit vielen von Suhers Werken im Rathaus organisiert“, sagt Struck (WN berichteten).

Eine Kunstschule hat Souher Al-Taleb nicht besucht. Was sie kann, hat sie sich selbst beigebracht. „Viele Bilder entstehen zunächst in meinem Kopf, andere male ich von Vorlagen ab“, sagt sie und träumt davon, ihre Leidenschaft zum Beruf zu machen. „Vielleicht Modedesign und Kunst studieren, das wäre schön.“

Die WN wollten wissen, ob dieser Traum für die Syrerin wahr werden kann, und knüpften den Kontakt zu Cornelius Völker . Dieser schaute sich die mitgebrachten Bilder und etliche der vielen Fotos auf dem Smartphone von Souher Al-Taleb an und stellte schnell fest: „Am besten gefallen mir die, die aus Ihnen selbst heraus entstanden sind. Im Gegensatz zu denen, die nach Vorlagen gemalt sind, zeigen sie Ihre Seele, Ihr Empfinden“. Auch seitens der mitschauenden Studierenden kam manch anerkennender Blick.

Ob ein Kunststudium für sie überhaupt infrage komme, wollte die junge Frau dann wissen. Schließlich habe sie zurzeit lediglich einen syrischen Schulabschluss, der der deutschen Mittleren Reife entspreche. „Wenn eine Kommission Ihnen eine besondere Begabung attestiert, ist ein Studium auch ohne Abitur möglich“, erklärte der Fachmann. Leider sei die Bewerbungsfrist für dieses Jahr abgelaufen, aber „Sie haben jetzt ein Jahr Zeit, eine Mappe mit mindestens 20 aktuellen Arbeitsproben zusammenzustellen, die Sie im nächsten Jahr vorlegen müssen.“

Die Vorgaben, die zur Anerkennung einer besonderen Begabung gemacht werden, sind hoch: „Ihre Bilder müssen eine hohe Intensität besitzen, müssen erkennen lassen, dass Sie so ein Studium unbedingt wollen“, erklärte Cornelius Völker. „Die Werke müssen individuell sein, authentisch, keine Reproduktion. Die Exponate müssen Ihre eigene Sicht auf die Welt zeigen.“

Kriterien, die seiner Ansicht nach offenbar für Souher Al-Taleb zu erfüllen sind. Denn der Fachmann machte der jungen Frau ein großzügiges Angebot: „Wenn Sie Fragen haben oder Hilfe brauchen, können Sie mich ansprechen. Ich schaue mir auch gern Ihre Bilder für die Bewerbungsmappe an, bevor Sie sie der Kommission vorlegen“, bot er an.

Eines machte Cornelius Völker zum Abschluss deutlich: „Malen, zeichnen oder Bildhauerei lernen Sie bei uns in der Kunstakademie nicht. Dafür gibt es spezielle Werkstätten. Hier lernen Sie im Austausch mit den anderen Studierenden und wenn Sie denen über die Schulter schauen. Von der Energie her sind Sie aber heute schon gut.“

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