Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg
„Keiner wusste, ob der andere lebt“

Ladbergen -

Unter dem Logo „70 erlesene Jahre“ wurde in den vergangenen Monaten in den Westfälischen Nachrichten mancher Blick zurück geworfen auf Menschen und Ereignisse, die Geschichte(n) geschrieben haben. Kaum Gelegenheit zu erzählen hatten diejenigen, die den Zweiten Weltkrieg erlebt haben. Die WN haben drei von ihnen besucht, die in Ladbergen ein neues Zuhause gefunden haben. Gertrud Jansen, 1938 in Münster geboren, erzählt von Angriffen der Alliierten, als wäre es gestern gewesen.

Donnerstag, 27.04.2017, 20:04 Uhr

Eine ruhige Minute in einer unruhigen Zeit: Das Bild aus dem Fundus der Zeitzeugin Gertrud Jansen zeigt diese nach Angaben der Frau als junges Mädchen gemeinsam mit ihrer Mutter auf dem Schlossplatz (damals Hindenburgplatz) in Münster.
Eine ruhige Minute in einer unruhigen Zeit: Das Bild aus dem Fundus der Zeitzeugin Gertrud Jansen zeigt diese nach Angaben der Frau als junges Mädchen gemeinsam mit ihrer Mutter auf dem Schlossplatz (damals Hindenburgplatz) in Münster. Foto: Privat

Unter dem Logo „70 erlesene Jahre“ wurde in den vergangenen Monaten in den Westfälischen Nachrichten mancher Blick zurück geworfen auf Menschen und Ereignisse, die Geschichte(n) geschrieben haben. Kaum Gelegenheit zu erzählen hatten diejenigen, die den Zweiten Weltkrieg erlebt haben. Die WN haben drei von ihnen besucht, die in Ladbergen ein neues Zuhause gefunden haben. Dies ist der dritte und damit letzte Bericht.

Gertrud Jansen , 1938 in Münster geboren, erzählt von Angriffen der Alliierten, als wäre es gestern gewesen. Nachdem ihr Vater seinerzeit als Soldat zur Wehrmacht eingezogen und ihre Mutter dienstverpflichtet im Rolandtheater in Münster worden waren, wuchs sie bei ihren Großeltern auf. Diese zogen sie liebevoll auf, erinnert sich die Ladbergerin.

Die Mutter, die in der Nähe arbeitete, schaute aus Sorge vor den Bombenangriffen oft nach dem Rechten. Gertrud Jansen erinnert sich: „Ich wollte nie ins Bett. Ich sagte dann immer, dass wir doch ohnehin wieder raus müssten.“ So war es auch meist: Münster, ein beliebtes Ziel der alliierten Luftangriffe, wurde bis zu dreimal am Tag beschossen.

Jansen erinnert sich bildhaft an einen Koffer, der immer griffbereit im Flur der Großeltern stand, und an das Klopfen an den Türen der Luftschutzbunker, wenn die Familie einmal etwas später in den sicheren Keller kam. Dieser befand sich am ehemaligen Hindenburgplatz, der heute als Schlossplatz in Münster bekannt ist.

Gertrud Jansen: „Ich wollte nie gerne in den Bunker, aber mit fünf Jahren, als die Bombardierungen schlimmer wurden, habe ich die Lage verstanden“, und weiter: „Einmal kamen wir aus dem Bunker raus und standen vor unserem Haus, das keine Wand mehr hatte. Bis heute habe ich den Brandgeruch in der Nase, der in ganz Münster wahrzunehmen war.“

Die Nachricht vom Tod des Vaters während der Schlacht von Stalingrad, die Ende Januar 1943 endete und als eine der grausamsten in die Geschichte einging, wurde der Familie mit einem Brief überbracht. Für damalige Verhältnisse Alltag, heute kaum vorstellbar. Anfang 1944 wurde Jansen mit ihren Großeltern nach Meinbrexen in der Nähe von Höxter an der Weser evakuiert. Dort lebten vier Personen in einem Zimmer. Das Mädchen erlebte Tieffliegerangriffe auf die Weserbrücken durch die Amerikaner und war von ihrer Mutter getrennt: „Keiner wusste, ob der andere noch lebt.“

Um Habseligkeiten wie den geliebten Puppenwagen zu besorgen, reiste die Familie zurück nach Münster, wo sie Zeuge eines weiteren Angriffes und der Zerstörung des Bahnhofes sowie des Sevatiiplatzes wurde. Der Anblick der dort liegenden Leichen, die laut Jansen „grob und in Massen“ abtransportiert wurden, werde sie kaum vergessen können, sagt sie.

Nach dem Krieg zog die Familie mit einem Treck aus Niedersachsen heim in die Domstadt. Sie fand eine Unterkunft bei Bekannten. „Wir hatten ein Zimmer mit zwei Betten aus Holz und belegt mit Stroh. Eine Kiste diente als Tisch, und mein Stiefvater, der handwerklich begabt war, baute Möbel aus dem Holz, das wir als Kinder aus dem Schutt gesucht hatten“, schildert Gertrud Jansen die damalige Situation.

Mit viel Mühe wurde Münster wieder aufgebaut, die Familie zog Ende 1945 in eine gemeinsame Wohnung und rückte in den folgenden Jahren mehr und mehr zusammen, weil, so die Zeitzeugin, die Kriegsjahre alle natürlich sehr geprägt hätten.

Mit Blick auf die aktuelle Lage in der Welt schaut Gertrud Jansen, wie zwei Zeitzeugen vor ihr (WN berichteten), mit Sorge drein. „Ich bin damals mit dem Krieg aufgewachsen, für uns waren Angriffe fast normal, aber so etwas darf nie wieder passieren“, sagt sie.

Seit Jahren lebt Gertrud Jansen an der Seite ihrer Familie in Ladbergen.

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