Mit dem Rollstuhl unterwegs
Immer die passende Lösung

Ladbergen -

Wie behindertenfreundlich ist Ladbergen? Die Westfälischen Nachrichten wollen es wissen und haben eine Frau gefragt, die es wissen muss: Birga Jelinek hat sich auf Spurensuche begeben.

Freitag, 05.05.2017, 06:05 Uhr

Ein speziell für sie angefertigter Rollstuhl und ein 65 Kilogramm schweres Zuggerät mit Elektromotor ermöglichen es Birga Jelinek, sich mit einer Geschwindigkeit bis zu sechs Stundenkilometern auch auf unwegsamem Terrain zu bewegen.
Ein speziell für sie angefertigter Rollstuhl und ein 65 Kilogramm schweres Zuggerät mit Elektromotor ermöglichen es Birga Jelinek, sich mit einer Geschwindigkeit bis zu sechs Stundenkilometern auch auf unwegsamem Terrain zu bewegen. Foto: Birga Jelinek

Mein Alltag mit Rollstuhl ist, nachdem ich mich an die neue Situation gewöhnt hatte, unspektakulär. Ich richte mir mein Leben so ein, dass ich es möglichst frei von Beeinträchtigungen führen kann. Dass bedeutet, dass ich viel mehr plane als jemand, der gut zu Fuß ist, und mich mit den für mich passenden Hilfsmitteln versorgt habe.

Das Wichtigste ist dabei der Rollstuhl selbst. Er ist maßgefertigt, da ich aufgrund meiner Unfallverletzungen andere Bedürfnisse habe, als jemand der zum Beispiel querschnittgelähmt ist. Ein unpassender Rollstuhl lässt sich mit unpassenden Schuhen vergleichen. Sie nehmen einem die Freude an der Bewegung, weil sie Schmerzen verursachen und somit nicht im eigentlichen Sinne genutzt werden können.

Gerüstet für unwegsames Gelände

Zum Rollstuhl passend steht mir ein Zuggerät zur Verfügung. Dieser kleine Kasten mit Rädern ist mit einem Elektromotor ausgestattet, der von zwei Autobatterien versorgt wird. Das Gewicht von 65 Kilogramm lässt den Motor seine Kraft auf den Boden bringen, sodass er mich auch durch unwegsames Gelände zieht. Mit einer Geschwindigkeit von bis zu sechs Stundenkilometern erreicht er ein zügiges Lauftempo von Fußgängern, so dass gemeinsame Spaziergänge entspannt für alle möglich sind.

Der Vorteil zum Elektrorollstuhl besteht für mich darin, dass ich das Zuggerät am Ziel abkoppeln und parken kann, um mich zum Beispiel an den Tisch im Café zu setzen. Sollte der Motor eine Panne haben, kann ich mich immer noch per Hand fortbewegen, dies ist bei einem Elektrorollstuhl oftmals nicht möglich.

Wie barrierefrei ist Ladbergen?

Die Grünen hatten das Thema aufgegriffen und einen Antrag eingebracht, die Verwaltung möge ein Konzept zur Verbesserung der barrierefreien Verkehrssituation im Ortskern erstellen (WN berichteten). Dabei sollten unter anderem problematische Verkehrspunkte im Ortskern aufgezeigt werden. Die Westfälischen Nachrichten wollten wissen, wie rollator- oder rollstuhlfreundlich das Heidedorf ist und wo es Probleme gibt. Eine, die aus eigener Betroffenheit davon berichten kann, ist Birga Jelinek. Nach einem schweren Reitunfall vor etwas mehr als zehn Jahren ist sie auf einen Rollstuhl angewiesen. Für diese Zeitung war sie in Ladbergen unterwegs.

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Das Rollstuhlzuggerät ist mir eine nicht zu unterschätzende Hilfe im Alltag und bedeutet für mich Freiheit und Unabhängigkeit. Täglich kommt es zum Einsatz, wenn ich mit unseren Hunden spazieren gehe. Der Weg um den Mühlenbach und die Nordic-Walking-Strecke durch den angrenzenden Wald kann ich ohne Probleme dank dieses Hilfsmittels überwinden. Im Handbetrieb wäre daran nicht zu denken, sandige und steinige Passagen, Engstellen mit Kippgefahr und Steigungen würden diesen Spaziergang zu einer sportlichen Herausforderung machen.

Abenteuer Einkauf

Ein Abenteuer ist der Einkauf. Das Parken in Ladbergen gestaltet sich zum Glück unkompliziert. Vor allen Lebensmittelgeschäften finden sich Behindertenparkplätze, die schwerbehinderten Menschen mit außergewöhnlicher Gehbehinderung und Blinden zur Verfügung stehen. Diese Plätze sind in der Regel breiter als üblich, um das Ein- und Aussteigen zu erleichtern. Auch das Rangieren mit dem Rollstuhl neben dem Auto wird so möglich gemacht. Die Parkplätze im Ort sind deutlich mit Schildern und Piktogrammen gekennzeichnet und befinden sich meistens nah am Geschäftseingang.

Etwas Übung erfordert das Schieben des Einkaufswagens. Da der Rollstuhl beweglich ist, ist es schwierig den nötigen Druck aufzubringen, um den Einkaufswagen zu bewegen. So heißt es also den Rollstuhl antreiben, den entstandenen Schwung nutzen und auf den Einkaufswagen übertragen. Das sieht manchmal merkwürdig aus, führt aber zum Ziel.

Die Einrichtung der Lebensmittelgeschäfte im Ort ist oft so angelegt, dass ich die oberen Regale erreichen kann. Auch die Artikel aus dem Tiefkühltruhen kann ich gut erreichen, wenn sie gut bestückt sind. Sollte dies einmal nicht möglich sein, bitte ich jemanden, mir den entsprechenden Artikel anzureichen. Oft kommt es jedoch vor, dass ich gar nicht um Hilfe bitten muss, weil sie mir freiwillig angeboten wird. Diese Aufmerksamkeit und Hilfsbereitschaft begegnet mir im Alltag häufig und freut mich ungemein.

Aufmerksamkeit und Hilfsbereitschaft gehören zum Alltag

Ein weiteres Beispiel dafür erlebe ich bei meinem Besuch beim Bäcker. Hier gibt es eine Rampe, die aufgrund der räumlichen Gegebenheiten sehr steil ist. Ich kann sie aus eigener Kraft nicht überwinden. Trotzdem werde ich bedient, nur eben vor der Tür. Ich mache mich bemerkbar, äußere meine Wünsche und bekomme meine Bestellung. Ich freue mich jedes Mal über die Flexibilität der Angestellten, die es mir möglich macht, frei zu wählen, wo ich mein Brot kaufen möchte.

Das Ladberger Rathaus ist in der unteren Etage optimal mit dem Rollstuhl befahrbar. Die automatische Tür verfügt über einen Bewegungsmelder und öffnet sich, sobald man davor steht. Das Bürgerbüro im Erdgeschoss ist ohne Probleme erreichbar. Nach oben komme ich mit dem Rollstuhl nicht. Möchte ich einen Mitarbeiter des Ordnungsamts oder den Bürgermeister sprechen, machen sich diese auf den Weg nach unten. Für solche Situationen steht im Erdgeschoss ein Sprechzimmer zur Verfügung.

Hausbesuche im Bedarfsfall 

„Dorfsheriff“ Andreas Milfeit, der sein Büro im Untergeschoss des Rathauses hat und somit von gehbehinderten Bürgern nicht erreicht werden kann, bietet im Bedarfsfall einen Besuch am Wohnort an. Es wird immer eine passende Lösung gefunden, sodass sich niemand benachteiligt fühlen muss.

Unsicherheiten entstehen bei mir vor allem durch die schlechte Übersicht, die sich durch die tiefe Sitzposition ergibt. Zwischen stehenden Menschen sehe ich nichts außer Beine, das macht zum Beispiel einen Weihnachtsmarktbesuch mitunter etwas langweilig.

Ein weiterer Punkt ist die eingeschränkte seitliche Beweglichkeit. Ich kann mit dem Rollstuhl recht schnell nach vorne und hinten ausweichen, seitlich aber nur sehr langsam durch rangieren. Überquere ich einen Parkplatz ist daher große Vorsicht geboten. Die fehlende Übersicht, die schwere Erkennbarkeit für den Autofahrer und die fehlende Möglichkeit, seitlich auszuweichen sind dort eine ungünstige Kombination.

Jeder hat, ob er gut zu Fuß ist oder nicht, im Alltag mit größeren oder kleineren Problemen zu kämpfen. Ich freue mich jedes Mal, wenn diese Alltagsprobleme von anderen erkannt werden. Ob es das Öffnen einer Tür oder das Anreichen der Nudeln aus dem oberen Regal ist.

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