Luca Pals über seine Arbeit in Argentinien
Schon ein Lächeln kann helfen

LADBERGEN/GUALEGUAYCHÚ -

Die Möglichkeit, einen Freiwilligendienst im Ausland zu absolvieren, gewinnt in Zeiten stärkerer Globalisierung immer mehr an Beliebtheit: Viele junge Menschen machen sich nach der Schule auf den Weg, bereisen die Welt und setzen sich in ihren zugewiesenen Projekten sozial ein. Seit August diesen Jahres bin auch ich einer dieser Freiwilligen, arbeite seit mehr als zwei Monaten in Gualeguaychú – einer 10 000-Einwohner-Stadt in der Provinz Entre Ríos in unmittelbarer Nähe zu Uruguay. Zusammen mit Leo Stellmacher aus Leipzig in der Granja Emanuel, einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung.

Montag, 19.11.2018, 16:42 Uhr
Veröffentlicht: Sonntag, 18.11.2018, 16:30 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Montag, 19.11.2018, 16:42 Uhr
Mit einem Bühnenprogramm zeigen die „Chicos“ der Granja in Gualeguaychú, was sie so drauf haben.
Mit einem Bühnenprogramm zeigen die „Chicos“ der Granja in Gualeguaychú, was sie so drauf haben. Foto: Luca Pals

„Eine ganz schön große Aufgabe“. Das war mein erster Gedanke, als ich zu Jahresbeginn über meine Einsatzstelle informiert wurde: Mit behinderten Menschen arbeiten – was ich mir schon in Deutschland schwierig vorstellte, würde doch auf Castellano, die spanische Amtssprache Argentiniens, um einiges herausfordernder sein. Ich nahm die Aufgabe an, die Chance ein Jahr Argentinien kennen zu lernen, dabei immer im Hinterkopf.

Nun sind schon bald drei Monate vergangen, über zwei davon arbeite ich mit den 26 „Chicos“ der Granja (auf Deutsch: Bauernhof) zusammen. Bei der über 30 Jahre alten Einrichtung, die am nördlichen Stadtrand liegt und zu der nicht einmal mehr asphaltierte Straßen – von Bussen ganz zu schweigen – ihre Wege gefunden haben, handelt es sich um eine von der evangelischen Kirche und privaten Personen unterstützte Einrichtung. Es ist eine reine Männerdomäne – mit Seltenheitswert in Argentinien.

In einigen Landesteilen fehlt die Akzeptanz für Behinderte, an anderen Stellen fehlen die Mittel für ähnliche Einrichtungen. Laut Wikipedia leben etwa sieben Prozent der argentinischen Bevölkerung mit Behinderungen. Besonders in armen Familien gibt es kaum Möglichkeiten, betroffene Kinder zu unterstützen. groß zu ziehen. Viele kommen mit dieser Aufgabe nicht zurecht, so berichten uns die Pfleger.

Sie nennen Beispiele: Einige wurden vor der Granja ausgesetzt, die Familie meldete sich nie wieder. Die Verzweiflung, mit dem behinderten Kind nicht umgehen zu können, trieb in der Vergangenheit viele Bewohner der Stadt zu einem solchen Schritt. Wenige Bewohner haben noch Kontakt zu Familienmitgliedern, sie alle eint eine schlimme Geschichte: eine Vergangenheit von Gewalt, Drogen und Ausgrenzung, die gerade in armen Familien Argentiniens schnell zum Alltag wird.

Sie alle erfuhren kaum Wertschätzung. Passiert dies alltäglich, verliert ein Mensch den Glauben an sich selbst, fühlt sich nichts Wert. Der Glaube an sich selbst soll hier wieder geweckt werden. In Projekten gemeinsam etwas zu erschaffen, ist die beste Therapie. Mein Lieblingsbeispiel: unser Gemüsebeet. Gemeinsam heben wir die Erde aus, pflanzen Mais, Bohnen, Salat an und sehen nach einigen Wochen gießen und intensiver Pflege die ersten Erfolge.

Außerdem spielen und malen wir gemeinsam am Nachmittag. Zusätzlich werden Sporteinheiten durchgeführt, im großen Theater der Stadt bekommen die Bewohner sogar die Möglichkeit, vor etwa 800 Zuschauern zu zeigen, was sie drauf haben. Und das ist so einiges: Gemeinsam mit fünf Theaterpädagoginnen wird wöchentlich am Bühnenprogramm gefeilt, Texte gelernt und vieles mehr. Am Ende kommt eine Aufführung heraus, bei der das Publikum aus dem Klatschen nicht herauskommt.

Auf dem ersten Blick sieht man es ihnen nicht an, schaut man aber hinter die Fassade der Einzelnen, beschäftigt sich intensiv und ehrlich mit den Menschen, kommen ihre Begabungen zum Vorschein. Denn: Sie sind trotz ihrer Einschränkungen Menschen wie ich und jeder andere. Sie in erster Linie als solche und danach erst ihre Beeinträchtigungen zu sehen, ist das Wichtige bei der Arbeit mit Behinderten. Und so können sie auch überall mit anpacken: In der „Taller“ (auf Deutsch: Werkstatt) werden jeden Morgen frisches Brot in der Bäckerei oder Möbel in der Tischlerei gefertigt. Diese werden dann verkauft: So werden die „chicos“ in die Gesellschaft integriert.

Und ich? Ich lerne viel im Umgang mit den Menschen. In erster Linie habe ich das Auslandsjahr nicht für mich selbst angetreten, wollte helfen und etwas verändern. Letzteres war wohl zu arrogant von mir: Ich werde hier nichts verändern, den „chicos“ helfen – und wenn es nur ein Lächeln ist – kann ich trotzdem.

Auf der anderen Seite erfahre ich Bereicherung: Durch die Aufgabe an sich wachse ich sehr, lerne zurzeit viel dazu – allein dafür hat sich der Blick über den eigenen begrenzten Tellerrand gelohnt.

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