Ein Jahr in Argentinien
Weihnachtsfest bei 32 Grad Celsius

Gualeguaychu/Ladbergen -

Luca Pals lebt und arbeitet für ein Jahr in Argentinien. Von dort aus berichtet er in loser Folge über das Leben vor Ort. Auch in Argentinien ist Weihnachten. Schnee ist indes nicht zu erwarten...

Samstag, 22.12.2018, 11:00 Uhr aktualisiert: 27.12.2018, 17:28 Uhr
Klein, aber fein: Luca Pals (links) hat sich fürs Foto mit Bewohnern und Mitarbeitern einer Einrichtung, für die er arbeitet, um einen argentinischen Weihnachtsbaum versammelt. Angesichts hochsommerlicher Temperaturen ist das „Gewächs“ aus Plastik.
Klein, aber fein: Luca Pals (links) hat sich fürs Foto mit Bewohnern und Mitarbeitern einer Einrichtung, für die er arbeitet, um einen argentinischen Weihnachtsbaum versammelt. Angesichts hochsommerlicher Temperaturen ist das „Gewächs“ aus Plastik. Foto: Luca Pals

Die Wetterprognose auf dem Handy zeigt an: 32 Grad, weit und breit keine Regenwolken, 48 Prozent Luftfeuchtigkeit. Ein super Sommerklima. Auf dem Smartphone ist auch das Datum abzulesen, für das die Vorhersage gilt: Montag, 24. Dezember. Heiligabend – diesmal im XXL-Sommer. Allerdings nicht in Ladbergen.

Auf der Südhalbkugel der Welt ist zurzeit Sommer, und für Argentinier ist es anscheinend absolut normal, das Weihnachtsfest bei strahlendem Sonnenschein zu feiern. „Sehr komisch“ sei dagegen die Vorstellung, Heiligabend im kalten Winter begehen zu müssen, sagen mir viele Bekannte. Die Temperaturen sind allerdings der größte Unterschied zwischen Weihnachten hüben und drüben.

Im streng katholischen Argentinien hat sich der Ablauf des Heiligabends im Laufe der Zeit immer mehr dem auch mir bekannten angenähert.

Noch vor 30 Jahren gingen die Menschen dort am 24. Dezember nur in die Kirche. Geschenke gab es erst am 6. Januar - auch in Argentinien der Tag der Heiligen Drei Könige.

Heute ist das anders. Wie mancherorts in Deutschland, werden auch die Gottesdienste hierzulande weniger besucht. Viele machen sich stattdessen gegen 19 Uhr auf den Weg zu Familie oder Freunden. Dann wird meist das Asado-Fleisch vorbereitet. Wie über das ganze Jahr verteilt, darf die argentinische Köstlichkeit auch an Weihnachten nicht fehlen.

Auch beliebt sind Kraut-, Kartoffel- oder Obstsalate, ein selbst gebackenes Früchtebrot oder Empanadas. Getrunken wird dazu meist Limo, Bier oder Wein. Punsch oder Glühwein sind bei über 30 Grad Außentemperatur nicht gefragt.

Das Weihnachtsessen findet oft im Garten statt. Nach der Hauptspeise geht es dann in die Wohnung. Dort gibt es den postre (Nachtisch). Er besteht meist aus Gebäck. Bis zur Bescherung, die traditionell um Mitternacht stattfindet, gibt es noch viele Süßigkeiten und salzige Snacks. Den kulinarischen Höhepunkt bildet das „pan dulce“, das mit Strudelgebäck zu vergleichen ist – ein Highlight nach der Bescherung. In manchen Teilen des Landes gibt es auch Cider und Panottene – italienischen Weihnachtskuchen.

Die Bescherung findet unter dem Weihnachtsbaum statt. Wegen der argentinischen Hitze gibt es weniger Nadelbäume, vielmehr wird auf Plastiktannen gesetzt. Auch der Schmuck ist meist nicht echt. Aufgestellt wird der Baum traditionell am 8. Dezember, dem Tag der Jungfrau Maria. Adventskalender oder -kränze gibt es genau so wenig wie Geschenke vom Nikolaus am 6. Dezember. Dafür ist der Weihnachtsmann der gleiche wie in Deutschland.

Von den Kindern wird er liebevoll „papa noel“ gerufen, zur Bescherung werden in einigen Teilen Argentiniens Feuerwerke gezündet oder leuchtende Papiersterne in die Luft gelassen. Das Feuerwerk zu Silvester fällt dafür aus, nur vereinzelt wird der Staat eines entzünden. Auch der 25. Dezember gilt als Feiertag, einen zweiten Weihnachtstag gibt es in Argentinien nicht.

So wird mein Weihnachten 2018 aussehen: Der Anruf bei der Familie zu Hause. In Argentinien geht es mit meinen Gastgebern in Gualeguaychu zu den gewohnt späten argentinischen Zeiten in die Kirche. Die früheste Möglichkeit ist um 20.30 Uhr. Dort sind „die Deutschen“ fest eingeplant: Zusammen mit meinem WG-Mitbewohner Leo, den zwei weiteren Freiwilligen, die in der Stadt wohnen, und einer argentinischen Kinderschar werden wir den Klassiker „Oh du Fröhliche“ zum Besten geben. Ertönt das Lied „Huachi torito“ wissen alle Argentinier, dass Weihnachten vor der Tür steht. Nach dem Gottesdienst sind wir zur Familie von Mabel Müller eingeladen. Sie spricht nicht nur perfekt Deutsch, sondern kümmert sich vor Ort auch um unsere Belange.

Auch wenn eine Vorfreude, wie es sie in der Adventszeit in Deutschland gibt, in Argentinien nicht existiert, ist der Heiligabend für die Menschen vor Ort gleichwohl etwas Besonderes. Eine Mitarbeiterin kommt aus dem Schwärmen nicht heraus: „Das leckere Essen, die bunten Lichter, gemeinsam im Garten zusammen sitzen – das ist doch wunderbar.“ Gulliana, eine Freundin, die ab Februar ein Jahr in Deutschland arbeiten wird, freut sich: „Weihnachten ist für mich das schönste Fest im Jahr. Die Familie kommt zusammen und alle feiern gemeinsam das Fest zur Ehre Jesus Christus.“

Und ich? Auch wenn Familie und Freunde mir fehlen werden, bin ich froh und dankbar in einer anderen Familie aufgenommen worden zu sein. Und egal, ob in Argentinien oder Deutschland: Die Botschaft ist überall die Gleiche. Gott kommt zu den Menschen. Er macht sich klein und zeigt uns damit, welch großen Wert wir für ihn haben.

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