Karneval in Argentinien
Unter den Füßen beben die Tribünen

GUALEGUAYCHU/Ladbergen -

Während seines Freiwilligen Sozialen Jahres lernt Luca Pals ein Jahr lang Land und Leute in Argentinien kennen. In loser Folge berichtet der freie Mitarbeiter unserer Zeitung über seine Erfahrungen – und knöpft sich dieses Mal den argentinischen Karneval vor, der von Januar bis März ein ganzes Land fesselt.

Donnerstag, 21.03.2019, 20:43 Uhr aktualisiert: 22.03.2019, 17:04 Uhr
Der Karneval hatte die argentinische Stadt Gualeguaychu drei Monate fest im Griff. Für die Menschen dort „die beste Zeit des Jahres“, wie Luca Pals seine Eindrücke schildert.
Der Karneval hatte die argentinische Stadt Gualeguaychu drei Monate fest im Griff. Für die Menschen dort „die beste Zeit des Jahres“, wie Luca Pals seine Eindrücke schildert. Foto: Luca Pals

Unglaublich, aber wahr: Mehr als sieben Monate meines Auslandsjahres sind bereits Geschichte. Und ich habe das Gefühl, die Zeit nimmt immer schneller an Fahrt auf. Highlights und Neues kennenlernen – das geht natürlich trotzdem. Das Highlight der vergangenen drei Monate: der argentinische Karneval . Direkt in Gualeguaychu.

Die 100 000-Einwohner-Stadt, in der ich seit Anfang August lebe und arbeite, gilt in der Szene schon längst als die argentinische Karnevals-Hochburg. Unter dem Motto „el carnaval del país“ („der Karneval des Landes“) wirbt die Stadt bereits seit meiner Ankunft für die bunten Tage. Diese haben sich vom Januar durch den Februar bis in den März gezogen – drei Monate lang kunterbuntes Treiben in der Stadt. „Hotspot“ war an jenen Wochenenden das „Corsódromo“, auch als „Gualeguaychu-Sambradon“ bekannt. Dort steht ein Stadion, das auf steilen Sitzrängen, die links und rechts von der Manege in die Höhe steigen, circa 45 000 Menschen Platz bietet. Außerhalb der Karnevalszeit finden dort Marathonläufe, Paraden zu wichtigen Feiertagen und Musikkonzerte statt.

Während des Karnevals war das Stadion stets gut gefüllt. Die Besucher kamen natürlich nicht nur aus der Stadt, auch aus der über 200 Kilometer entfernten Hauptstadt Buenos Aires zog es viele Narren her. Und sogar karnevalsverwöhnte Brasilianer haben wir auf den Tribünen getroffen.

Vor allem das erste März-Wochenende hatte es in sich. Denn wenn der argentinische Sommer seinen wohl letzten großen Höhepunkt feiert, geht die Sause noch einmal richtig ab und gefühlt verdoppelt sich die Einwohnerzahl an dem traditionellen langen Wochenende. Tagsüber geht es an den Strand, abends zum Karneval. Den Sand konnten wir vor lauter Menschen kaum noch sehen, direkt am Río Gualeguaychu wurde vier Tage lang durchgefeiert.

Und der Karneval selbst? Die Argentinier achten beim Bau ihrer Wagen besonders auf die Botschaft. Mal offensichtlicher, mal versteckter befassen sich die über fünf Meter hohen Wagen mit verschiedenen gesellschaftlichen und politischen Themen, die Karnevalisten äußern sich zur medizinischen Versorgung, Inflation und vielem mehr. Mit großen Trommeln und immer im richtigen Takt laufen sie vor den Wagen in den buntesten Kostümen mit. Anders als in Deutschland sind die Tänzerinnen und Tänzer nur leicht bekleidet. Klar: Karneval findet hier im Sommer statt und die Argentinier treten dabei freizügiger auf.

Ein weiterer Unterschied: Anstatt Konfetti und Süßigkeiten in die Menge zu werfen, animieren die Tänzer das Publikum zum Mittanzen, so dass die Tribünen unter den Füßen der tanzenden Südamerikaner zu beben beginnen. Genauso wichtig wie die Stimmung auf den Tribünen ist den Karnevalisten jedoch die Bewertung der Jury. Die besten Wagen werden am Ende der Saison ausgezeichnet.

Diese Tradition beginnt bereits bei den Schülern, die im Oktober ihren großen Auftritt hatten: Alle Schulen der Stadt liefen mit selbst gestalteten Karnevalswagen durch die Manege und durften sich wie die Großen fühlen. Schon bei den Jüngsten merkte man: Der Karneval bedeutet den Menschen in Argentinien viel. Für den Moment alle Sorgen fallen lassen, sich mit Freunden und Familie treffen oder einfach nur die Musik und Tänzer genießen und bestaunen – es gibt viele Gründe, warum der Karneval für die Menschen besonders in Gualeguaychu die beste Zeit des Jahres ist.

Für mich heißt es in diesem Moment: Nach dem Karneval ist vor dem Wiedersehen. In den kommenden Wochen freue ich mich auf Besuche aus Ladbergen. Nach über 200 Tagen Familie und Freunde aus der Heimat in der mir nun gewohnten Atmosphäre in Südamerika begrüßen zu können, ist eine neue und wichtige Erfahrung meines Freiwilligen Sozialen Jahres. Ich freue mich sehr darauf.

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