Serie: „70 erlesene Jahre“
Viele sprechen noch plattdeutsch

Ladbergen -

In der Ausgabe vom 16. Januar 1971 erschien ein Bericht über die Gründe dafür, dass im 19. Jahrhundert immer mehr Menschen ihrer Heimat den Rücken kehrten und in den USA ein neues Leben begannen. Unter ihnen W. Kuckhermann, der mit anderen New Knoxville gründete.

Donnerstag, 13.06.2019, 05:00 Uhr
Auf dem Foto oben links ist die katholische Kirche von Minster, Ohio, zu sehen. Der Ort liegt rund acht Kilometer von New Knoxville entfernt. Auf dem Foto sind Repräsentanten von New Knoxville abgebildet.
Auf dem Foto oben links ist die katholische Kirche von Minster, Ohio, zu sehen. Der Ort liegt rund acht Kilometer von New Knoxville entfernt. Auf dem Foto sind Repräsentanten von New Knoxville abgebildet. Foto: Paul Meyer zu Brickwedde

Der Bericht im Wortlaut: „Wie aus vielen anderen deutschen Landschaften, so setzte um das Jahr 1830 auch aus dem Tecklenburger Land die Auswanderung deutscher Menschen ein. Verschiedene Gründe waren es, die sie bewirkten. Ein Bericht des ehemaligen Tecklenburger Landrats von Diepenbroick-Grüter vom 24. März 1854 an die königliche Regierung in Münster nennt insbesondere die folgenden drei Ursachen, die die Auswanderung tecklenburgischer Bürger verstärkten, nämlich wenn 1. der politische Horizont bewölkt und der Frieden irgendwie bedroht erscheint; 2. wenn die Preise der Lebensmittel infolge schlechter Ernten steigen und 3. tecklenburgische Auswanderer von ihren Neuansiedlungen zum Besuch in die Heimat zurückkehren und, kalifornisches Gold oder amerikanische Dollar vorzeigend, von dem Glück berichten, das sie und ihre Bekannten in der Neuen Welt gemacht haben.

Im Tecklenburger Land wurden besonders die Bewohner der sandigen Flächen im Süden des Kreises gezwungen, sich nach neuen Lebensmöglichkeiten umzusehen. Lienen und Ladbergen waren es daher, die im vorigen Jahrhundert eine besonders starke Abwanderung zu verzeichnen hatten. Der ganz überwiegende Teil dieser Menschen ging in die USA und – soweit es Ladbergen betraf – in den Nordwesten des Staates Ohio.

In dieses Gebiet, welches noch bis 1810 von Indianern unter Häuptling Tecumseh besiedelt war, gelangte 1834 als erster Ladberger Wilhelm Kuckhermann (geboren am 12. November 1813 auf dem jetzigen Hof Hölscher-Kuckhermann in Overbeck). Er fand Arbeit beim Bau des Miami-Erie-Kanals, der durch das westliche Ohio verlief, und hatte 1835 eine erkleckliche Summe Geldes verdient, die er mit Ladberger Sorgfalt anzulegen trachtete.

So war ihm willkommen, als er eines Tages im benachbarten Ort Neu-Bremen, in dem er wohnte, den Iren Mr. John Lyttle Knox traf. Dieser bot ihm einen Teil seines nördlich Neu-Bremens gelegenen Waldgebietes an. Ende 1835 schlug W. Kuckhermann ein: Damit war der Kauf perfekt. Kuckhermann dachte nun an seine Freunde im fernen Ladbergen, die er vom Kauf unterrichtete und einlud, doch ,rüberzukommen‘. Drei von ihnen folgten der Einladung unverzüglich: H. Fledderjohann, H. Lutterbeck und H. Meckstroth. Diese vier ließen am 21. Juli 1836 ihre Siedlung als neuen Ort amtlich eintragen, nachdem sie vorher in ihrer Freizeit zwei Schneisen durch das Waldgebiet geschlagen und am Kreuzungspunkt ein Holzhaus für sechs Familien errichtet hatten. Inzwischen waren auch erste ganze Familien aus Ladbergen gekommen, die dieses Haus voll bewohnten. Alle Männer dieser Familien fanden beim Kanalbau guten Verdienst.

Die Neusiedler hatten die Absicht, ihren Ort Neu-Ladbergen zu nennen. Als sie dieses Vorhaben aber nach Ladbergen berichteten, rieten die dortigen Freunde ab: ,... in Ladbergen, Deutschland, gibt es keinerlei Fortschritt: wenn Ihr Euren Ort in Amerika Neu-Ladbergen nennt, ist das ein schlechtes Zeichen für die künftige Entwicklung. Es wird auch dort keinen Fortschritt geben!‘ So mussten die amerikanischen Ladberger einen anderen Namen für ihre Siedlung suchen: Sie nannten sie New Knoxville, nach dem früheren Besitzer des Waldgebietes John Lyttle Knox.

In zwei Wellen erfolgte die Auswanderung von Ladbergen nach USA. Die erste ging von 1840 bis 1850 vor sich, die zweite zwischen 1860 und 1865. Einmalig ist dabei, dass nahezu alle Einwanderer von New Knoxville aus Ladbergen kamen. Dieses Phänomen und damit zusammenhängende Probleme bezüglich Religion, Sprache, Bräuche und so weiter war in letzter Zeit wiederholt Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen der Staats-Universität von Ohio in Columbus.

Dem Ladberger, der nach New Knoxville kommt, fällt auf, dass etwa 80 Prozent der Bewohner Ladberger Namen tragen. Und er ist überrascht, wenn er dort das alte Ladberger Platt mit den meisten Einwohnern sprechen kann.

Aus den zahlreichen Übereinstimmungen zwischen Ladbergen und New Knoxville resultieren heute zahlreiche Verbindungen zwischen Einwohnern beider Orte. In den letzten Jahren waren es etwa 20 New Knoxviller, die für kürzere oder längerer Zeit die Heimat ihrer Vorfahren besuchten, und für 1971 hat sich etwa die doppelte Zahl angemeldet, darunter auch die Familie des Mondfahrers Neil Armstrong, die kürzlich ihren Besuch für den Sommer ankündigte.“

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