Ein Jahr in Argentinien
Mehr Gelassenheit für das eigene Leben

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Luca Pals hat schon mehrfach über sein Freiwilliges Jahr in Argentinien geschrieben. Jetzt ist er zurückgekehrt – seine Bilanz:

Mittwoch, 11.09.2019, 19:36 Uhr aktualisiert: 13.09.2019, 15:48 Uhr
Das Freiwillige Jahr in Argentinien ist vorbei: Luca Pals (vorne) wird von einer Gruppe aus Verwandten, Freunden und Bekannten am Flughafen in Düsseldorf in Empfang genommen.  
Das Freiwillige Jahr in Argentinien ist vorbei: Luca Pals (vorne) wird von einer Gruppe aus Verwandten, Freunden und Bekannten am Flughafen in Düsseldorf in Empfang genommen.   Foto: privat

8. August 2019, 14.30 Uhr: Die Lufthansa-Maschine, die vor 14 Stunden in Buenos Aires abgehoben ist, setzt zum Sinkflug an. Aus dem Fenster erblicke ich Wälder, vereinzelte Städte und vor allem viele Felder. Kurz danach setzt die Maschine – zwar etwas wackelig, aber sicher – auf der Landebahn des Frankfurter Flughafens auf: Erstmals seit einem Jahr betrete ich wieder deutschen Boden. Es bleibt kaum Zeit um die Eindrücke zu verarbeiten – ein befremdlicher Eindruck – weil alles auf Deutsch ist – entsteht trotzdem.

Und weil es die Organisation vorsieht, steigen wir kurze Zeit später erneut in den Flieger: Von Frankfurt nach Düsseldorf. Dort trennen sich die Wege von uns Freiwilligen zum vorerst letzten Mal. Hinaus mit zwei schweren Koffern – hinein in die Arme von Familie und Freunden, die bereits mit einem Willkommensschild auf mich gewartet hatten. Schwierig ist es, die Emotionen zu beschreiben, wenn man die geliebten Menschen erstmals seit einem Jahr wiedersehen und in die Arme schließen darf. Zum Teil haben sie mich auch überwältigt.

Über ein Monat ist seitdem schon vergangen. Ein Monat Deutschland wirft die Frage auf: Habe ich mich schon wieder eingelebt?

Willkommensfeier, gemeinsamer Familienurlaub, Treffen mit Freunden und Verwandten, die ersten Partys, die Koffer auspacken – all das liegt nun schon wieder hinter mir. Drei Sachen sind für mich unbestritten: Die Zeit tickt unglaublich schnell voran. Das Interesse derer, die mein Auslandsjahr aus der Ferne mitverfolgt hatten, ist riesig groß. Das freut und ehrt mich natürlich. Und: Die Frage „Wie war´s eigentlich?“ ist ziemlich schwer zu beantworten.

Ich erzähle gerne über das Erlebte, weil es mich so sehr geprägt hat und ich natürlich noch sehr oft auf die intensivste Zeit meines Lebens zurückblicke. Auch wenn ich Deutschland 20 Jahre lang kannte, kam es mir nach der Rückkehr zu Beginn eher fremd vor. Unglaublich waren für mich die deutschen Straßen, Supermärkte oder der technologische Standard. Lebt und bewegt man sich tagtäglich durch unser Land, wird der Lebensstandard schnell als selbstverständlich angesehen. Aber das ist er nicht. Natürlich werde auch ich irgendwann wieder in diese Falle hineintappen, trotzdem versuche ich die Wertschätzung für alles weiterhin beizubehalten. Für mich ist auch klar, dass wir in der „ersten Welt“ auf den Kosten der „dritten Welt“ leben. Dafür kann der einzelne Bürger nichts. Das liegt eben im System. Trotzdem – oder gerade deswegen – versuche ich meinen eigenen Lebensstandard zu senken: Luxusgüter minimieren, vermehrt auf regionale und qualitativ gute Produkte setzen, wenn es geht das Auto stehenlassen und vieles mehr.

Ein weiterer großer Unterschied: der deutsche Zeitdruck. Natürlich ist auch mir klar, dass das vergangene Jahr in Argentinien ein Jahr war, in dem ich vor allem eins hatte – Zeit. In Deutschland – und diese Entscheidung habe ich ja auch selbst für mich getroffen – holten mich schnell Pflichten und Termine wieder ein. Sei es für das anstehende Studium in Münster, die Arbeit in den beiden Redaktionen der Westfälischen Nachrichten, ehrenamtliche Verpflichtungen in Vereinen und Verbänden. Es kann bei uns in Deutschland alles sehr schnell sehr viel werden. Dabei ist es aber besonders wichtig, seine Ruhezeiten einzuhalten. In Argentinien gibt es den Begriff „con calma.“ Das bedeutet so viel wie „mit Gelassenheit.“ Ich versuche mich weniger hetzen zu lassen. Der aus Argentinien mitgebrachte Mate-Tee – der Gemeinschaft und zur Ruhe kommen symbolisieren soll – kann in solchen Situationen gut helfen.

Ich glaube, dass ich am Ende sehr viel aus Argentinien für mich mitgenommen habe, unter anderem habe ich natürlich noch einmal viel mehr zu erzählen. Dass es mich nach Argentinien zurückzieht, ist für mich auch klar. Die Semes terferien bieten sich dafür an.

Das Jahr weiter einordnen, kann ich in den kommenden Wochen. Erst geht es zum Rückkehrer-Seminar nach Dortmund, danach werde ich einige Freiwillige besuchen. Es wird spannend, zu hören, wie sich die anderen (wieder) eingelebt haben.

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