Ladberger Senioren erinnern sich an die Schrecken des Krieges
Als die Erde zitterte und bebte

Dienstag, 03.03.2020, 01:14 Uhr aktualisiert: 03.03.2020, 17:36 Uhr
Hedwig Wiethölter, Wilfried Vietmeier und Rudi Wiethölter (von links) lebten bereits vor 75 Jahren in Ladbergen und erlebten die Angriffe durch die Alliierten über einige Jahre mit.
Hedwig Wiethölter, Wilfried Vietmeier und Rudi Wiethölter (von links) lebten bereits vor 75 Jahren in Ladbergen und erlebten die Angriffe durch die Alliierten über einige Jahre mit. Foto: Luca Pals

Der Bus brachte uns nach Lengerich in Sicherheit.

Rudi Wiethölter

Eine heute 90-Jährige, die namentlich nicht genannt werden möchte, weiß noch genau, was damals geschehen ist. Während der Angriffe hat sie „genau am Kanal“ gewohnt. Sie erzählt ausführlich von den ersten Angriffen 1940, als „vereinzelt Splitter flogen“ und erstmals Zeitzünder geworfen wurden, die mit Verspätung hochgingen. „Wie oft bin ich zu den Nachbarn gegangen, um sicher zu sein“, erinnert sie sich. Damals sei sie 15 Jahre gewesen, daher habe sie eine „bewusste Erinnerung“. Durch die Angriffe wurde nicht nur ihr Haus zerstört, sie verlor auch Familienmitglieder. „Es war eine furchtbare Zeit. Mit zehn Jahren wurde ich zur Trümmerfrau“, blickt sie zurück Auch wenn Nachbarn ihnen abgeraten hatten, bauten sie das Haus auf dem familieneigenen Hof wieder auf. „Wir hatten doch da unser Hab und Gut. Da konnten wir nicht einfach weg.“ Zwei Jahre dauerte der Aufbau des Hauses. „Das hat sehr abgehärtet“, berichtet die Ladbergerin. Die Angst vor neuerlichen Angriffen habe sie jeden Tag begleitet.

Immer wieder wird deutlich, wie sich die Erinnerungen an die Ereignisse von damals eingeprägt haben: „Der eine Angriff war von einem Samstag auf einen Sonntag“, berichtet die Seniorin, die damals das sogenannte Pflichtjahr nach der Schule auf dem eigenen Hof absolvierte. „Aus der Geschichte lernen“, der Satz passt auf die Rentnerin. „Wenn man morgens die schlimmen Meldungen aus aller Welt in der Zeitung liest, kann man nur hoffen, dass so etwas nicht noch einmal passiert.“

Ähnlich sehen es Hedwig und Rudi Wiethölter . Im Gespräch mit den Westfälischen Nachrichten ist auch Wilfried Vietmeier dabei. Er war damals an der Lengericher Straße zu Hause.

Ein befreiendes Gefühl

Wie eine „Befreiung“ erlebten sie es, als die Engländer in Ladbergen einmarschierten und dem Schrecken ein Ende setzten. Wiethölter: „Als die englischen Flieger, die über unsere Köpfe nach Berlin flogen, uns nicht bombardierten – das war ein befreiendes Gefühl.“ Alle drei können sich noch an den „Schwarzsender“ im Radio erinnern: „Der sagte genau an, wenn Angriffe bevorstanden.“ Mit einem Bus seien sie damals in die Gaststätte Bäumer nach Lengerich gebracht worden: „Dort waren wir in Sicherheit.“ Trotzdem, so Vietmeier, könne er sich auch heute noch gut daran erinnern, dass „die Erde erzitterte“. Ein Angriff 1944, als der Friedhof „Wachelau“ zerstört wurde, bleibt Rudi Wiethölter noch gut im Gedächtnis: „Die Toten waren aus dem Boden hochgebombt.“ Seine Ehefrau Hedwig erinnert sich noch gut an die russischen und polnischen Zwangsarbeiter, die auf dem elterlichen Hof untergebracht waren und die den Kanal immer wieder neu aufbauen mussten. „Sie haben unter furchtbaren Umständen gelebt.“ Beide Männer in der Runde wissen noch genau, wie es damals war, als die Überreste – wie etwa Handgranaten – auf der Straße gefunden wurden. „Viele Kinder haben damit gespielt und waren leider zu neugierig.“

Den Krieg überlebt hat auch Friedrich Kötterheinrich. Der heute 91-Jährige erlebte die Angriffe bis Anfang 1944 in Ladbergen und kam dann in russische Gefangenschaft. Der Krieg war auch für ihn eine harte Zeit. Direkt am Kanal habe er viel mitbekommen: „Einmal sind unsere Schweine ertrunken, weil der Kanal nach der Bombardierung wieder auslief.“ 16 Jahre war er, als der Krieg zu Ende ging. Der Absturz eines englischen Fliegers, die Staubwolken nach der Zerstörung eines Hauses, für Vietmeier ist der Krieg ein schreckliches Kapitel im Leben.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7306719?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F105%2F173%2F
Nachrichten-Ticker